Klein, zierlich, mit schwerem Gepäck

In Deutschland gescheitert, in Europa zur Leaderin gewählt. Wie Ursula von der Leyen aus dem Hut gezaubert wurde.

Eine belastete Kandidatur: Gegen Ursula von der Leyen ermittelt in Berlin ein Ausschuss. Foto: Urban Zintel (Laif)

Eine belastete Kandidatur: Gegen Ursula von der Leyen ermittelt in Berlin ein Ausschuss. Foto: Urban Zintel (Laif)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am 8. Oktober 1958 ist Ursula von der Leyen in Brüssel zur Welt gekommen, der Stadt, in die sie, wenn alles nach Plan läuft, demnächst als EU-Kommissionspräsidentin zurückkehrt. Ihr Vater, Ernst Albrecht, war Attaché bei der Montanunion, dem Vorläufer der EU. Als Schülerin sog die junge Ursula auf, was sie später «als lebenslange innere Liebe zu dem Phänomen Europa» bezeichnete, lernte Englisch und Französisch in einer Perfektion, die für deutsche Politiker ihrer Generation ungewöhnlich ist. Bis heute hat sie Duzfreunde in Brüssel.

In den Sitzungssälen von Nato und EU hat ihr das geholfen. «Sie trägt immer gut vor», sagt einer, der oft mit im Saal sitzt. Wer von der Leyen nach den zu niedrigen deutschen Verteidigungsausgaben fragt, bekommt einen Vortrag über ein Budget, das zwischen 2014 und 2019 um 50 Prozent gestiegen ist. Das ist von der Leyen, die Europa-Frau.

Aber die deutsche Verteidigungsministerin? Die auf dem Deck des Segelschulschiffs Gorch Fock stand und dann nicht einmal wusste, wo vorne ist? Ursula von der Leyen – das ist doch die von der Truppe, bei der so sehr viel nicht funktioniert?

Von der Leyens Problem

Es geht darum, was in einem Sitzungssaal des Bundestages verhandelt wird. Immer donnerstags tagt ein Untersuchungsausschuss, der sich mit Auftragsvergaben an Externe im Verteidigungsministerium befasst. Die Frage ist, wie sauber in dem Haus mit einem 40-Milliarden-Budget gearbeitet wurde. Haben Generäle und Beamte privat befreundeten Unternehmensberatern Aufträge in Millionenhöhe zugeschanzt? Zahlreiche Verträge sollen rechtswidrig abgeschlossen worden sein. Die Ministerin sieht sich in regelmässigen Abständen von Oppositionspolitikern mit Rücktrittsforderungen konfrontiert. Deshalb reist sie nun mit sehr schwerem Gepäck.

Als die Christdemokratin Ende 2013 das Amt übernahm, machte sie es wie immer, wenn sie irgendwo neu anfing. Sie wollte den grossen politischen Aufschlag. Nach Jahren des Sparens wollte sie die Bundeswehr wieder wachsen lassen. Von der Leyen war aus ihren früheren Jobs angetan vom Sachverstand externer Berater. Sie holte 2014 eine McKinsey-Managerin als Rüstungsstaatssekretärin zu sich. Alles sollte schneller, besser, digitaler werden. Die Truppe: grösser, moderner.

Die Unternehmensberater rückten an, machten sich im Ministerium breit. Führten sich auf wie die neuen Chefs. Die besonders geschäftstüchtigen waren schnell per Du mit den Generälen, man traf sich bei privaten Tauffeiern, fuhr gemeinsam in den Familienurlaub. Die Spur der Versäumnisse führt bis an die Spitze des Hauses. Aber der Beweis, der von der Leyen in Not bringen würde, ist (noch) nicht geliefert worden.

Zu Ministertagungen reisen andere in letzter Minute an. Von der Leyen kommt einen Tag früher, bereitet sich vor, führt Gespräche.

Nichts davon aber hat eine Rolle gespielt, jetzt, in den wilden Tagen von Brüssel, als erst der niederländische Sozialdemokrat Frans Timmermans Kommissionspräsident werden sollte und dann wieder auf keinen Fall.

Konkret wird die Option «Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen» am Montag, um kurz vor der Mittagszeit. Im Europa-Gebäude, wo die Staats- und Regierungschefs tagen, wird es chaotisch. Nach einer durchwachten Nach steht nur eines fest: Der Pakt zwischen Ungarn, Polen, Tschechien, der Slowakei sowie Italien hält, sie wollen Timmermans auf jeden Fall als Nachfolger von Jean-Claude Juncker verhindern. Der Sozialdemokrat war Spitzenkandidat, weshalb er im Europaparlament eine Mehrheit kriegen sollte. Angela Merkel war dafür, und sein Okay gab auch Emmanuel Macron. Aber der fragte nun plötzlich in die Runde, warum nicht von der Leyen die EU-Kommission anführen sollte. Eine Frau und Christdemokratin, das finden viele interessant.

Kurz nach Macrons Wortmeldung wird der Gipfel vertagt. Nun geht es darum, ob Macrons Projekt fliegt, ob von der Leyen Kommissionschefin und die Französin Christine Lagarde Chefin der Europäischen Zentralbank werden kann. Geschlafen wird in der Gipfelpause natürlich auch, aber die «Chefs» verbringen Stunden mit Telefonaten, SMS, Whatsapp. Wieder trifft man sich, mittendrin der Pole Donald Tusk, der Stimmungen testet und sondiert – und der zu entscheiden hat, wann alle 28 wieder zusammenkommen. Noch ist die Zeit nicht reif.

Das Problem ist nicht die Ministerin, sondern die SPD

Im französischen Delegationsbüro lässt sich Macron grosse Bögen Papier reichen und entwirft zwei Personaltableaus. Im Zentrum des einen steht weiter Timmermans, den die Gruppe mit Polen und Ungarn an der Spitze wegen seines Einsatzes für Rechtsstaatlichkeit ablehnt, doch das andere wird um von der Leyen herum gebaut. Damit geht er zum Portugiesen António Costa und dem Spanier Pedro Sánchez, dem Verhandlerteam der Sozialdemokraten. Diese sind angetan, und so werden am späten Dienstagvormittag in Tusks Büro die Puzzleteile in die richtige Form gebracht: Von der Leyen und Lagarde sind gesetzt, die Liberalen bekommen den Ratsvorsitz, damit Sánchez’ Landsmann Josep Borell Aussenbeauftragter wird.

Um 16.20 Uhr geht es offiziell weiter, zum verspäteten Arbeitslunch wird Huhn mit Chorizo-Crumble serviert. Zu diesem Zeitpunkt ist allen Staats- und Regierungschefs klar, dass man sich entweder auf diesen Deal einigt oder in einigen Tagen ganz neu anfangen muss. Und was macht die Kanzlerin? Angela Merkel muss ihre Kollegen gar nicht von den Fähigkeiten ihrer erfahrensten Ministerin überzeugen – die glauben schon daran. Ihr Problem befindet sich in Deutschland – und es heisst SPD. Mehrfach telefoniert sie mit dem Koalitionspartner, knapp eine Stunde warten alle auf die Kanzlerin.

Ausgerechnet Berlin wehrt sich

Niemand sitzt länger im Europäischen Rat als Merkel, also bekommt sie die Zeit, ihre «internen Koalitionsdinge» zu besprechen. Die Absurdität der Situation, dass eine Deutsche nach mehr als 60 Jahren an die Spitze der Kommission gelangen könnte und es dagegen ausgerechnet Widerstand aus Berlin gibt, ist allen bewusst. Am Ende bleibt die SPD stur, Deutschland enthält sich als einziges Land beim Votum über die womöglich erste Chefin der EU-Kommission. Donald Tusk gibt das Ergebnis in vier Tweets bekannt. Dies sei nicht nur zeitgemäss, sondern auch passend: «Europa ist schliesslich eine Frau.»

Diese Frau ist, nach Angela Merkel, die wohl härteste in der deutschen Politik. Das Amt hat von der Leyen verändert. Grösser konnte der Bruch zu ihrem früheren politischen Leben kaum sein. Als Familien- und Arbeitsministerin machte sie Politik mit Förderbescheiden und Ausbauprogrammen. Heute bringt sie Partnerstaaten Militärlaster als Gastgeschenke mit. «Ertüchtigungsinitiative», heisst das dann. Oder sie lässt ihre Spezialkräfte mit ausländischen Streitkräften trainieren. War früher oft eher Einfühlungsvermögen gefragt, braucht sie heute Härte und Entschlossenheit, wenn sie mit Verteidigungsministern, Regierungschefs und Staatspräsidenten in deren prunkvollen Palästen verhandelt. Sie wollen von der kleinen, zierlichen Frau Hilfe und militärische Unterstützung. Sie will Konflikte lösen.

Von der Leyen lässt sich auf ihren Dienstreisen gewöhnlich keine Minute gehen. Sie wirkt immer hoch konzentriert. Meetings finden in Zelten, Hallen oder Containern statt. Ihr Sich-mal-locker-Machen folgt einem festen Plan: Die anderen dürfen sich gerne im Hotel oder im Feldlager ein Bier genehmigen, wenn abends die Arbeit getan ist. Sie verzichtet.

Einigkeit wird entscheidend sein

Das ist übrigens auch in Brüssel so. Zu Ministertagungen reisen andere in letzter Minute an. Von der Leyen kommt einen Tag früher, bereitet sich vor, führt Gespräche. «Sie nimmt das Thema ernst, und sie nimmt ihre Gesprächspartner ernst», sagt ein Brüsseler. Auf diese Weise hat von der Leyen Bündnisse geschmiedet und Beziehungen gepflegt.

Aber jetzt wird es wieder kompliziert. Denn die Deutsche braucht eine Mehrheit im EU-Parlament. Als ihr Name durchsickert, wüten die ersten Europaabgeordneten auf Twitter. «Ist für Sozialdemokraten nicht akzeptabel!!!», schreibt etwa ein SPD-Mann.

Ursula von der Leyens grösster Makel ist, dass sie keine Spitzenkandidatin bei der Europawahl war, keinen Wahlkampf gemacht hat, dass sie jetzt erst und recht plötzlich hervorgezaubert wird. Ausserdem wissen in Strassburg die wenigsten, wofür sie steht. Einmal vom Militärischen abgesehen.

Also machte sich von der Leyen auf den Weg nach Strassburg. Im Sitzungssaal der EVP-Fraktion warten sie schon. Die Fragen: Wie steht sie zum Euro und zu Schengen, zu den offenen Grenzen? Wie geht es weiter mit dem Brexit? Wie sieht sie die Zukunft Südosteuropas? Das soll sie alles sagen. Um 17.59 Uhr stellt sie sich dann vor eine blaue Wand, ihre Botschaft für die Abendnachrichten. Sie sagt: «Es geht um viel, es geht um die Zukunft unseres Europas.» Ganz entscheidend sei es nun, Einigkeit zu zeigen. Dann geht Ursula von der Leyen an den Fernsehkameras vorbei. Sie blickt stur nach vorne.

Erstellt: 05.07.2019, 10:39 Uhr

Artikel zum Thema

Deutschland soll jetzt führen

Analyse Die Zeit für eine Deutsche an der Spitze der EU ist reif – und von der Leyen besser geeignet, als ihre Kritiker meinen. Mehr...

Konservative «kämpfen» für von der Leyen

Die deutsche Verteidigungsministerin könnte den Niederländer Timmermanns beerben. Mehr...

Von der Leyen soll Junckers Nachfolgerin werden

Die Suche nach dem Nachfolger von EU-Kommissionspräsident Juncker endet mit einer Überraschung. Nun wird Kritik an der Nominierung laut. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Bei Sonnenuntergang: Junge spielen Fussball am Ciliwung in Jakarta, Indonesien. (11. Juli 2019)
(Bild: Willy Kurniawan) Mehr...