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Koloniales Morden als Fussnote

Die koloniale Vergangenheit Europas wird in der Rückschau wieder milder bewertet. Es soll nicht alles schlecht gewesen sein. Eine miese Entwicklung.

Deutsche Dromedarpatrouille während des Herero-Aufstands im heutigen Namibia, 1905. Foto: SZ Photo
Deutsche Dromedarpatrouille während des Herero-Aufstands im heutigen Namibia, 1905. Foto: SZ Photo

Der Platz in Berlin-Wedding heisst Nachtigal-Platz, nach Gustav Nachtigal (1834–1885), einem Arzt und späteren Reichskommissar für Deutsch-Westafrika. Zu viel Ehre für einen Kolonialisten, findet das Bezirksamt – und prüft die Umbenennung.

Schade, schreibt der Publizist Alan Posener in der «Welt». Denn wenn einer ein guter Kolonialist gewesen sei, dann Nachtigal: Forscher, Gegner der Sklaverei, ein «bewundernswerter Mann». Die geplante Tilgung seines Namens sei Ausdruck einer dummen antiimperialistischen Ideologie, gemäss der kein Aspekt der kolonialen Vergangenheit Europas positiv bewertet werden dürfe. Was verkehrt sei, denn: «Es war nicht alles schlecht am Kolonialismus.» Dies der Titel von Poseners Artikel, zumindest der Onlineversion.

Posener wollte provozieren, und das ist ihm gelungen. Jürgen Zimmerer, Geschichtsprofessor und Direktor der Forschungsstelle «Koloniales Erbe» in Hamburg, kommentierte angewidert via Twitter: «Und Hitler verdanken wir die Autobahn.» War da etwa auch nicht alles schlecht? Worauf eine Debatte entbrannte um die Frage, ob Kolonialismus und Nationalsozialismus verglichen werden können; Posener glaubt, der Professor «relativiere den Holocaust» . . .

Neue Männer, alte Ideen

Eines ist sicher: Der Kolonialismus wird in Europa wieder lauter gelobt. Emmanuel Macron, der im Wahlkampf erst von kolonialen «Verbrechen» sprach und sich dann nach Protesten bei den Franzosen entschuldigte, sagte am G-20-Gipfel, Afrika habe «zivilisatorische» Probleme, zu viele Kinder pro Frau. Die Wortwahl erinnerte ungut an die «mission civilisatrice» des französischen Kolonialismus. Ein neuer Mann mit alten Ideen?

In Grossbritannien wird gerade wieder eine Yougov-Umfrage von 2014 herumgereicht, laut der 59 Prozent der Briten «stolz» sind auf die Geschichte des Empires. Im «Sunday Telegraph» wird ein Historiker aus Indien aufgeboten, der den Briten rät, sich von «politisch korrekten Medien und Akademikern» keine «postkoloniale Schuld» einreden zu lassen. Das Brexit-taumelige Land erfindet seine Vergangenheit neu.

Auch aus der Schweiz kommen solche Voten. Ein heutiger SVP-Nationalrat und Verleger schrieb 2013: «Afrika profitierte vom Kolonialismus», habe da «mehr Segen als Unheil» erfahren.

Viele gefallen sich mit solchen Sprüchen als Kämpfer gegen Denkverbote. Der politisch korrekte Mainstream, heisst es, schreibe eine einzige richtige Sicht auf die koloniale Vergangenheit vor: die negative. Wer es wage, positive Effekte anzudenken, werde niedergebrüllt. Bestätigt sehen sich diese Stimmen im Fall Helen Zille: Die südafrikanische Politikerin liess dieses Jahr verlautent, der Kolonialismus sei «nicht n u r negativ» gewesen, und einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Meinungsfreiheit? Gibt es nicht.

Doch die Freiheitskämpfer irren. Es ist ihr milder Blick auf die Vergangenheit, der Mainstream geworden ist, nicht kritische Aufarbeitung. Europa denkt in kleinen akademischen Zirkeln intensiv nach über Ausbeutung, Sklavenhandel, Völkerschauen, doch an vielen Schulen und Stammtischen herrscht die Überzeugung, die Kolonialzeit habe Afrika auch viel gebracht: Eisenbahnen, Wasserleitungen, Demokratie, Fussball. «Koloniale Amnesie» nennt das Historiker Jürgen Zimmerer. Die Deutschen dächten bei Kolonialisierung an «den guten weissen Doktor im Urwald, der Medizin verteilt». Tatsächlich war die Nation zwischen 1904 und 1908 verantwortlich für den Völkermord an den Herero und Nama im heutigen Namibia, bis zu 100 000 Menschen starben. Im Januar haben die Herero Klage eingereicht, aber Deutschland nimmt die Klageschrift nicht an.

Die EU, das rettende Imperium

Für den «Welt»-Journalisten Alan Posener ist die Zeit der Imperien nicht vorbei. Die EU soll ein neues Imperium werden: Balkan, Osteuropa, alles will ja unter ihren Rock. Klingt gut: Das Imperium befriedet die Nationen. Europa müsse sich «bewusst und selbstbewusst in die Reihe der Imperien» stellen und deren «zivilisatorische Leistung» anerkennen. Das klingt weniger gut. Solange Europa meint, das koloniale Morden als Fussnote einer Erfolgsgeschichte führen zu können, so lange sollte es kein neues Imperium werden.

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