Sozialdemokrat im Porsche – und der Knüppel folgt sogleich

Georg Dornauer fährt einen Macan und wird dafür nun angeprangert. Zu Unrecht, findet unser Autor.

SPÖ-Politiker Georg Dornauer: Darf man als Sozialdemokrat einen SUV fahren? Foto: Alex Halada (Picturedesk.com)

SPÖ-Politiker Georg Dornauer: Darf man als Sozialdemokrat einen SUV fahren? Foto: Alex Halada (Picturedesk.com)

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Nun hat es Georg Dornauer erwischt. Der Chef der Tiroler Sozialdemokraten (SPÖ) ist das jüngste Opfer einer gerade äusserst beliebten Angriffsstrategie, in der Fachsprache «Performatives ad Hominem» genannt.

Ein Blogger hat ihn kürzlich angeprangert, weil der prominente linke Politiker einen Porsche Macan fährt. Dabei handelt es sich um einen SUV, den es ab 60'000 Franken aufwärts gibt (Neupreis). Sich für soziale Gerechtigkeit einzusetzen und gleich­zeitig mit einem Prestigewagen zu protzen, wirke unglaubwürdig. Dornauer konterte: Welches Auto er fahre, gehe niemanden etwas an.

Die Strategie soll vom Thema ablenken

Kontroversen nach diesem Muster laufen derzeit ohne Unterbruch. Fast täglich wird klimastreikenden Schülerinnen oder grün gefärbten Politikern vorgeworfen, dass sie doch selber ein Handy besitzen, in die Ferien fliegen oder Fleisch essen. Allgemein scheinen Grüne und Linke mit ihren auf Rücksicht beruhenden Positionen anfälliger zu sein auf solche «Wasser predigen, aber Wein trinken»-Attacken. Diese können aber auch Rechte treffen, etwa migrationsfeindliche SVPler, die eine ausländische Frau heiraten oder Sans-Papiers-Putzpersonal beschäftigen. Meist kommen die Vorwürfe von der politischen Gegenseite. Puristen aus den eigenen Reihen schlagen ebenfalls mit dem Inkonsequenz-Knüppel zu.

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Der sollte eigentlich nicht wehtun. Bei der «Du doch auch»-Rüge handelt es sich um ein Scheinargument. Es geht nicht auf die Sache ein, sondern zielt auf den Menschen. Dabei besteht zwischen den beiden kein Zusammenhang. Ob eine Aussage stimmt, hängt nicht davon ab, von wem sie stammt. Auch ein Kettenraucher kann sagen: Rauchen macht die Lunge kaputt. Seine Sucht schmälert den Wahrheitsgehalt des Satzes um keinen Millimeter. Dasselbe gilt für die Umweltdebatte. Dass Fliegen dem Klima schadet, lässt sich schwer widerlegen. Daran ändert nichts, wenn das jemand sagt, der gern in der Welt herumjettet.

Ad-Hominem-Angriffe dienen vor allem der Ablenkung. Man redet nicht über das Problem, wie sich die Flughäufigkeit verringern liesse. Stattdessen beklagt man den «scheinheiligen Moralismus» der Klimajugendlichen. Man spricht nicht über Umverteilungsfragen, sondern prangert den Lebensstil der «Cüpli-Sozialisten» an. Viele Politiker stört das. Sie finden: Wie wir leben, ist Privatsache. Allein das Resultat unserer Arbeit zählt.

Es war eine Occasion. Immerhin

Tatsächlich macht es keinen grossen Unterschied, ob Vielfliegerinnen oder Nichtflieger eine Einschränkung des Fliegens fordern. Entscheidend ist, dass sie eine Mehrheit finden und das Anliegen umgesetzt wird. Eine Politikerin mit desaströser Ökobilanz kann mehr für das Klima bewirken als jemand, der den CO2-Fussabdruck eines Urmenschen hat, aber sonst wenig unternimmt. Für einen höheren Mindestlohn können auch Menschen kämpfen, denen ein SUV gehört.

Die Ad-Hominem-Finte lässt sich leicht durchschauen. Trotzdem zieht sie immer wieder. Offenbar erwarten viele Menschen, dass Politiker eine Vorbildfunktion einnehmen. Dazu gehört eine gewisse Stimmigkeit zwischen Aussagen und Handlungen. Konsequente Menschen wirken glaubwürdiger, von ihnen lässt man sich leichter überzeugen – auch wenn ihre Konsequenz nichts zur Sache beiträgt.

Das ahnte auch der SPÖ-Mann Dornauer. Zur Verteidigung fügte er an: Den Porsche habe er Occasion gekauft.

Erstellt: 15.10.2019, 21:34 Uhr

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