Konter über den rechten Flügel

Silvio Berlusconi ist nicht mehr Herr im eigenen Haus, sieht sich aber als Regisseur. In der italienischen Rechten passieren kuriose Dinge.

Er gehört längst zum Establishment: Silvio Berlusconi. Bild: Angelo Carconi/ANSA

Er gehört längst zum Establishment: Silvio Berlusconi. Bild: Angelo Carconi/ANSA

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Zwei Tage lang hat Silvio Berlusconi geschwiegen, was sonst nicht seine Art ist. Er liess Freunde und Berater zu sich nach Arcore kommen, und die erzählten danach den italienischen Medien, Ber­lusconi sei bitter enttäuscht über sein Ergebnis bei den Parlamentswahlen. 14 Prozent, so tief war seine Forza Italia noch nie gefallen. Das gesamte Rechtsbündnis brachte es zwar auf 37 Prozent der Stimmen, doch das reicht nicht aus für die Macht. «Game over», titelte «Il Fatto Quotidiano» abschliessend, schickte aber nach: «Diesmal ist das Ende nahe, so nahe wie noch nie.»

Zwei Tage brauchte Berlusconi, um sich zu fassen. Dann meldete er sich mit einem Videoclip, aufgenommen in seinem Büro mit der schönen Bibliothek. Er hörte sich schon wieder kämpferisch an. «Ich bleibe der Anführer von Forza Italia», sagte Berlusconi. «Ich bin der Regisseur der Rechten und der Garant für die Festigkeit unserer Koalition.» Sein dürftiges Resultat erklärt er so: «Es wäre natürlich ganz anders herausgekommen, wenn ich selbst angetreten wäre.»

Offensichtlich zieht die alte Nummer nicht mehr. Berlusconi ist längst Establishment, obschon er sich immer noch gern als Aussenseiter geriert, als «Antipolitiker». Mittlerweile gibt es Populisten, die noch farbenfroher schwadronieren als er. Und da diese Herrschaften von den Cinque Stelle und von der Lega noch nie regiert haben, gelten sie zunächst einmal als glaubwürdig. Oder wenigstens als Traumstifter.

Medien reissen sich um Iwobi

Die bürgerliche Forza Italia ist auf ihre Kernklientel geschrumpft. 2,7 Millionen Wähler verlor die Partei im Vergleich zu den Wahlen vor fünf Jahren. Fast die Hälfte von Berlusconis Wählern wechselte zu Matteo Salvini, dem Chef der rechtspopulistischen Lega, seinem unliebsamen Bündnispartner. Salvini hatte im Wahlkampf Berlusconis Idee einer Flat-Tax kopiert. Sein Steuersatz sollte aber 8 Prozentpunkte tiefer liegen als Berlusconis: unschlagbare 15 Prozent. Salvini versprach auch, er werde die Rentenreform der Sozialdemokraten kippen. Berlusconi verhiess nur Anpassungen. Salvini gelobte, unter seiner Verantwortung würden schnell «alle 600'000 illegalen Migranten» des Landes verwiesen. Das tat Berlusconi auch. Dem harten Rechten glaubt man da aber schon eher.

Für Verwunderung sorgte nun, dass der erste Parlamentarier mit schwarzer Hautfarbe in der Geschichte Italiens ausgerechnet von der fremdenfeindlichen Lega kommt: Toni Iwobi (62) wurde in Nigeria geboren und lebt seit 40 Jahren in Norditalien. Er wird Senator. In der Partei ist Iwobi für Immigrationsfragen zuständig. Die Medien reissen sich um ihn. Salvini sei «kein Rassist», sagt Iwobi in alle Mikrofone. Und ja: Die illegalen Einwanderer gehörten ausgewiesen.

Konfuse Zeiten

Es ist alles etwas absurd. Das findet auch der italienische Starfussballer Mario Balotelli, Sohn von Eltern aus Ghana und oft Opfer rassistischer Beschimpfungen. Auf Instagram postete Balotelli ein Foto von Iwobi mit Salvini, auf dem beide ein T-Shirt mit dem Aufdruck «Stop Invasione» tragen, und schrieb dazu: «Vielleicht bin ich blind, oder vielleicht hat man ihm noch nicht mitgeteilt, dass er schwarz ist. Schande!» Iwobi liess ausrichten, Balotelli möge sich auf den Fussball konzentrieren.

Mario Balotelli. Bild: Reuters

Es sind dies konfuse Zeiten in Italien. Berlusconi hätte eigentlich wie ein Dammwerk gegen die Populisten funktionieren sollen. Stattdessen ist er nun nicht einmal mehr Herr im eigenen Haus: Italiens moderne Rechte war sein Werk. 1994 holte Berlusconi dafür die Faschisten aus der Isolation, räumte der Lega Nord, wie sie damals hiess, ein privilegiertes Plätzchen frei. Die Partner passten ideologisch nie gut zu Forza Italia. Doch zusammen waren sie stark. Und Berlusconi war die klare Nummer 1. Nun hat ihn Salvini überholt. 4,3 Millionen zusätzliche Stimmen gewann die Lega mit ihrem neuen nationalistischen Kurs. Salvini steht bei 18 Prozent und stellt den Anspruch, Premier zu werden.

Game over? Seinen Gästen in Arcore sagte Berlusconi, das sei noch nicht das Ende der Geschichte. Der Tag der Revanche sei nah.

Erstellt: 07.03.2018, 19:54 Uhr

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