Zum Hauptinhalt springen

Kosovo-Attentäter leben in der Schweiz

In Kosovo ist ein prominenter Ex-Politiker angeschossen worden. Der mutmassliche Schütze ist in Freiburg gemeldet und stand in der Schweiz bereits vor Gericht.

In Kosovos Hauptstadt Pristina haben zwei in der Schweiz wohnhafte Männer mutmasslich ein politisches Attentat verübt.
In Kosovos Hauptstadt Pristina haben zwei in der Schweiz wohnhafte Männer mutmasslich ein politisches Attentat verübt.
Reuters

Azem Vllasi hielt den Mann mit den Dokumenten unterm Arm für einen gewöhnlichen Bittsteller. Doch dann zückte der Besucher eine Pistole mit Schalldämpfer und schoss. Der 69-jährige Vllasi wurde in seinem Büro in der kosovarischen Hauptstadt Pristina durch Streifschüsse verletzt, ist aber nicht in Lebensgefahr. Der mutmassliche Täter Murat J. und sein Komplize Avni L. wurden kurz nach der Tat am Montagmorgen verhaftet. Seither sitzen sie in Pristina in Untersuchungshaft.

Politische Attentate sind in Kosovo nicht gerade selten. Das Brisante an diesem ist, dass beide mutmasslichen Täter aus der Schweiz kamen. Laut kosovarischen Medien reisten sie wenige Tage zuvor ein und stiegen in einem Hotel in Pristina ab. Avni L. hat offenbar einen Wohnsitz in der Zentralschweiz. Der 60-jährige Murat J., ein Vater von drei Kindern, lebte in den 80- und 90er-Jahren in Richterswil und Murg und zügelte später nach Freiburg, wo er heute noch gemeldet ist. Der Albaner stammt aus Mazedonien und ist nicht Schweizer Staatsbürger. Mit dem Gesetz kam er in der Schweiz dennoch in Konflikt.

Vorwürfe an Thaci

Während des Kosovokriegs 1999 versuchte J., Waffen über Albanien an die kosovarische Befreiungsarmee UCK zu liefern. Der Schmuggel flog auf, und J. wurde von einem Gericht in St. Gallen zu 18 Monaten bedingter Haftstrafe verurteilt. Er rechtfertigte sich damals, dass er seinem Volk habe helfen wollen, und das Gericht begründete die milde Strafe mit «achtenswerten Beweggründen». In den Jahren danach beschäftigte sich J. mit der jüngeren Geschichte des Kosovo, mit der Unterdrückung der Albaner durch die serbische und mazedonische Staatsmacht, aber auch mit den nicht aufgearbeiteten Konflikten in der kosovarischen Befreiungsarmee UCK. J.s Bruder starb im Kosovokrieg als Kommandant der UCK, die genauen Umstände des Todes wurden nie geklärt.

J. schrieb immer wieder lange Briefe aus der Schweiz an kosovarische Medien, in denen er die Korruption der kosovarischen Regierung und vor allem die Methoden des ehemaligen UCK-Führers, langjährigen Regierungschefs und heutigen Staatspräsidenten Hashim Thaci anprangerte. Murat J. wirft Thaci und seinen Vertrauten vor, sie hätten Geld aus dem Fonds zur Finanzierung der UCK zweckentfremdet und damit Immobilien in der Schweiz gekauft.

Er habe nur einschüchtern wollen

Bei seiner ersten Einvernahme durch den Untersuchungsrichter in Pristina erklärte J., er habe Azem Vllasi nicht töten, sondern nur einschüchtern wollen. Als Begründung gab er laut kosovarischen Medien an, die Albaner hätten in den 80er-Jahren wegen Vllasi viel leiden müssen. Vllasi war zu jener Zeit Vorsitzender der Kommunistischen Partei in Kosovo. Später wurde er vom serbischen Diktator Slobodan Milosevic abgesetzt und während der Demonstrationen 1989 verhaftet. Er ist heute Anwalt und aussenpolitischer Berater der Regierung. Vor kurzem veröffentlichte er seine Erinnerungen. Ob der Anschlag damit in Verbindung steht, ist unklar.

Ein in der Schweiz lebender Bekannter von J., der anonym bleiben will, schildert dem «Tages-Anzeiger» J. als enttäuschten Idealisten, der seelisch und gesundheitlich angeschlagen sei. Azem Vllasi vermutet, Hintermänner in Kosovo hätten für J. die Waffe besorgt und ihn zu dem Attentat angestachelt.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch