Kramp-Karrenbauer darf es noch ein Jahr lang versuchen

Die geschwächte CDU-Chefin stellte am Parteitag erfolgreich die Vertrauensfrage. Viel gewonnen hat sie damit nicht.

Sichtlich bewegt: CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer, geherzt von Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier am CDU-Parteikongress. Foto: Hannibal Hanschke (Reuters)

Sichtlich bewegt: CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer, geherzt von Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier am CDU-Parteikongress. Foto: Hannibal Hanschke (Reuters)

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Schon fast 90 Minuten hatte Annegret Kramp-Karrenbauer gesprochen. Erst eindringlich, dann zunehmend einschläfernd hatte sie ihre persönliche Vision für eine wiedererstarkende Christdemokratie und ein erneuertes Deutschland skizziert. Plötzlich folgte ein dramatischer Schlusspunkt, der mit einem Schlag die gesamte Dynamik des Parteitags veränderte.

«Wenn Ihr meinen Weg nicht für den richtigen haltet», sprach sie die 1000 Delegierten in der Leipziger Messehalle direkt an, «dann lasst es uns heute aussprechen und dann lasst es uns heute auch beenden. Hier und jetzt und heute.» Pause. «Wenn Ihr aber der Meinung seid, dass wir diesen Weg gemeinsam gehen sollten, dann lasst uns hier und jetzt und heute die A?rmel hochkrempeln und anfangen.» Kramp-Karrenbauer, vor einem Jahr knapp als Nachfolgerin von Angela Merkel an die Spitze der CDU gewählt und seither immer heftiger kritisiert, stellte die Vertrauensfrage.

Sieben Minuten stehender Applaus

Die Antwort kam ebenfalls wie auf einen Schlag: Der Saal applaudierte und erhob sich und hörte erst sieben Minuten später wieder auf. Kramp-Karrenbauer stand in ihrem kobaltblauen Hosenanzug sichtlich bewegt da, fasste sich immer wieder ans Herz und vergalt das Vertrauen mit Kusshänden. «Der Applaus zeigt: Heute wird nicht Schluss gemacht, Annegret», schloss Gastgeber Michael Kretschmer, der sächsische Ministerpräsident.

Wer auch immer, bei Medien oder Delegierten, die Erwartung gehegt haben mochte, in der CDU stehe ein Umsturz kurz bevor, sah sich gleich zum Auftakt belehrt. Nach dem Appell der Chefin trat in der dreistündigen Aussprache Redner um Redner ans Pult und stellte sich demonstrativ hinter sie – darunter auch Politiker der Jungen Union und des Wirtschaftsflügels, die sie zuvor scharf kritisiert hatten.

Selbst Friedrich Merz lobte seine Rivalin ausdrücklich für ihre «kämpferische, mutige und nach vorn zeigende» Rede. Im Unterschied zur SPD sei die CDU loyal, «zu unserer Vorsitzenden und zu unserer Regierung». Gleichzeitig machte Merz klar, dass die wahre Entscheidung erst in einem Jahr anstehe – wenn Kramp-Karrenbauer wiedergewählt und als Kanzlerkandidatin für die Bundestagswahl 2021 bestimmt werden will. Die kommenden 12 Monate nannte Merz ein «Jahr der Vorbereitung». Er habe vor, sich intensiv einzubringen. Es war ein Versprechen, das seine Widersacher durchaus als Drohung empfinden durften.

Risiko SPD

Kramp-Karrenbauer, so meinten danach Delegierte, habe die Partei zwar wieder geeint, tatsächlich habe sie aber nur ein wenig Zeit gewonnen. Und selbst dieser Vorteil könnte sich schnell als Schimäre herausstellen: Sollte die SPD in einer Woche die Regierungsgegner Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken zu neuen Vorsitzenden wählen und die Partei in zwei Wochen die Koalition mit CDU und CSU aufkündigen, würde der Kampf um die Führung der Partei sofort in grösster Schärfe ausbrechen.

Ein enger Vertrauter von Merz fand Kramp-Karrenbauers «rhetorischen Kniff» mit der Vertrauensfrage zwar wirksam. «Allerdings kann sie ihn nur ein einziges Mal anwenden.» Dass sie sich dafür einen Parteitag ausgesucht habe, an dem ihre Wahl gar nicht auf dem Programm stand, offenbare ihre Schwäche. «In Hinblick auf 2020 verbessert es ihre Lage nicht.» Die Saarländerin stecke in der Falle. «Eigentlich müsste sie die CDU gegen die Regierung profilieren – auch gegen Merkel. Doch weil sie als Verteidigungsministerin selbst im Kabinett sitzt, kann sie das nicht. Sie hat sich die Hände gebunden.»

Merkels langer Abschied

Angela Merkel nahm am Jahrestreffen ihrer Partei schon fast wie ein Gast unter anderen teil. In ihrem Grusswort wies sie darauf hin, dass sie just an diesem Tag vor 14 Jahren erstmals zur Kanzlerin gewählt worden sei. Nicht in den kühnsten Träumen hätte sie sich damals vorgestellt, es knapp vier Amtszeiten später immer noch zu sein. Sie dankte der Partei, die sie immer getragen habe. Die CDU-Delegierten verdankten es ihr mit warmem Applaus und stehenden Ovationen. Ein bisschen Abschied klang schon mit.

Erstellt: 22.11.2019, 19:27 Uhr

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