Krieg den Sternen

Die Ukraine hat alle Symbole und Namen aus der Sowjetzeit verboten. Lenin muss vom Sockel.

Ein Aktivist bei der Beseitigung einer Lenin-Statue in der Stadt Charkow. (September 2014)

Ein Aktivist bei der Beseitigung einer Lenin-Statue in der Stadt Charkow. (September 2014) Bild: Sergey Kozlov/Keystone

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Sie sind überall, die roten Sterne in Kiew, und sie müssen weg. Alle. Bis Ende August, wenn die Ukraine den Unabhängigkeitstag feiert, will die Hauptstadt Kiew frei sein von jeder kommunistischen Symbolik: keine roten Strassennamen mehr, alle Hämmer und Sicheln von den Fassaden gekratzt und alle heldenhaften Sowjetmosaike umgeklebt.

Der letzte Lenin ist in Kiew schon den Demonstranten des Maidan zum Opfer gefallen, die im Dezember 2013 die braune Steinstatue vom Sockel rissen und zertrümmerten. Inzwischen ist die Zerstörung amtlich bewilligt: Im April hat das ukrainische Parlament beschlossen, alle kommunistischen Symbole zu verbieten. Kiew will nun als erste Grossstadt Vollzug melden

Dabei hat es die Hauptstadt, verglichen mit anderen ukrainischen Ortschaften, noch leicht. 28 Städte und 800 Dörfer müssen laut Behördenangaben umbenannt werden, dazu kommen Strassen, Plätze, Seen, Firmen, Fussballclubs etc. Mancherorts haben Lenin-Statuen in den vergangenen Monaten einen ukrainischen Anstrich bekommen in Blau und Gelb, doch auch sie müssen verschwinden.

Vor allem in der Ostukraine wurden die Symbole und Namen des alten Re­gimes nach dem Untergang der Sowjetunion 1991 der Einfachheit halber einfach belassen. Hier ist der Änderungs­bedarf nun besonders gross.

Millionen sind verhungert

Hart trifft es etwa Dnipropetrowsk, die drittgrösste Stadt der Ukraine. Dutzende Strassen und fünf der acht Stadtbezirke müssen umbenannt werden. Und obendrein auch noch der Name der Stadt: Während der erste Teil von Dnipropetrowsk unverdächtig den Namen des Flusses Dnjepr wiedergibt, erinnert die zweite Hälfte an den ersten Chef der ukrainischen Kommunisten: Grigori Petrowski, ein Einheimischer, der mass­geb­lich am Holodomor beteiligt war – einer durch rigorose Konfiskationen bewusst ausgelösten Hungerkatastrophe, der in der Ukraine zu Beginn der Dreissigerjahre Millionen von Menschen zum Opfer fielen.

Die Namenssuche gestaltet sich äusserst schwierig, denn eine Rückkehr zum alten Namen ist politisch ebenfalls nicht korrekt: Jekaterinoslaw hiess die Stadt – zu Ehren der russischen Kaiserin Katharina, die das Gebiet der heutigen Ostukraine für das russische Reich eroberte und jenes Neurussland schuf, dem Präsident Wladimir Putin heute nachtrauert.

Die radikalen Massnahmen zur Tilgung des sowjetischen Erbes sind im Parlament von der Volksfront des Premierministers Arseni Jazenjuk eingebracht und mit grosser Mehrheit beschlossen worden. Doch in der Gesellschaft ist das Gesetzespaket umstritten.

Rückgrat der Sowjetunion

Die Befürworter loben den Beschluss als «Deklaration der Unabhängigkeit». Es sei kein Zufall, dass Länder wie Polen oder das Baltikum, die sich radikal von der kommunistischen Vergangenheit losgesagt hätten, sich Richtung Demokratie und Stabilität entwickelt hätten, während Länder wie Russland oder Weissrussland die alten sowjetischen Heiligtümer hochhielten und in Autoritarismus versinken. Historiker loben vor allem die ebenfalls beschlossene Öffnung der Geheimdienstarchive, die endlich Klarheit schaffen werde.

Die neue Führung in Kiew müsse die Ukraine einen und nicht noch weiter spalten, sagen die Kritiker mit Blick auf den Krieg im Osten. Denn die neu­ralgischen Gebiete im Osten und im Süden des Landes sind weit stärker sowjetisch geprägt als Kiew und der Westen der Ukraine. Viele vor allem ältere Menschen sehen die Sowjetzeit keineswegs nur negativ, sondern als Teil ihres Lebens, der ihnen nun genommen werden soll.

Experten warnen davor, die Sowjetzeit, die ein Teil der ukrainischen Geschichte sei, einfach pauschal als Besatzungszeit abzutun und den Osten vor den Kopf zu stossen. Schliesslich habe die Ukraine anders als Polen oder das Baltikum zum Rückgrat der Sowjetunion gehört.

Nazikollaborateure als Helden

Umstritten ist an dem Gesetzespaket auch die Gleichsetzung sowjetischer und nazistischer Symbole, was die Russen, aber auch viele Ostukrainer als Affront gegenüber den unzähligen Opfer des Zweiten Weltkrieges empfinden.

Zudem hat man die berühmt-berüchtigte Ukrainische Aufständische Armee, die teilweise mit den Nazis kollaborierte und sich an Säuberungen und Massakern an Juden und Polen beteiligte, zu «Kämpfern für die Unabhängigkeit der Ukraine» befördert. Diesen Schritt haben die ukrainischen Nationalisten jahrelang gefordert; im Osten der Ukraine stiess er aber auf erbitterte Ablehnung.

Moskau hat erbost reagiert auf die Kampfansage gegen die gemeinsame Sowjetvergangenheit. Eigentlich darf nun in der Ukraine nicht mal mehr die russische Nationalhymne gespielt werden, deren Melodie noch aus der Sowjetzeit stammt.

In Russland ist seit Jahren eine Wiederbelebung der alten sowjetischen Mythen und Symbole zu beobachten. Unlängst hat die kommunistische Partei sogar eine Petition eingereicht, um den berüchtigten Gründer der sowjetischen Geheimpolizei, Felix Dserschinski, wieder vor dem Hauptsitz des russischen Geheimdienstes FSB in Position zu bringen – die einzige Statue, die beim Untergang der Sowjetunion in Moskau vom Sockel gestürzt wurde.

Besonders empört hat sich der Kreml darüber, dass in der Ukraine kommunistische und nationalsozialistische Symbolik gleichgestellt werden. Ihre Verwendung wird mit fünf bis zehn Jahren Haft bestraft. Inzwischen hat das Parlament in Moskau seinerseits die Gleichsetzung von Kommunismus und Nationalsozialismus unter Strafe gestellt. Dafür riskiert man nun ebenfalls bis zu zehn Jahre Gefängnis.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.07.2015, 22:02 Uhr

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