Kriegsmacht Frankreich

In Syrien lässt François Hollande nach den Pariser Anschlägen Bomben fallen. Frankreichs Armee kämpft in Nordafrika schon lange gegen Terror – ein schwieriges Unterfangen.

Anti-Terror-Operation: Ein französischer Soldat im Kriegseinsatz in Mali.

Anti-Terror-Operation: Ein französischer Soldat im Kriegseinsatz in Mali. Bild: Keystone

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Nach den Anschlägen in Paris hat die französische Luftwaffe ihren Einsatz in Syrien und im Irak gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS) verstärkt. Frankreich will die Terrorismusbekämpfung noch weiter ausbauen und hofft dabei auf die Unterstützung anderer EU-Staaten. Denn die Lufteinsätze gegen den IS bilden nur einen Teil des französischen Engagements im Kampf gegen Jihadisten. Schon länger ist die Grande Nation in verschiedenen afrikanischen Ländern präsent. Unter anderem mit der Anti-Terror-Operation «Barkhane» in der Sahelzone, dem Gebiet zwischen der Sahara im Norden und der fruchtbareren Savanne im Süden. 3500 Soldaten hat Frankreich dafür unter anderem im Tschad und in Mali postiert.

Illegale Handelsströme aufdecken

Wie eine Reportage des französischen Magazins «Le Point» zeigt, ist es eine neue Form von Krieg, mit der sich Frankreich in Afrika konfrontiert sieht. Die Soldaten haben es nicht mit einer grossen, aber zugleich greifbaren Armee zu tun, sondern mit einem weit zerstreuten Feind, der in lockeren Netzwerken effizient organisiert ist. Ein solcher Feind ist schwierig auszumerzen. Man muss seine Finanzströme aufdecken und versuchen seine Nachschublieferungen zu unterbinden.

Die Sahelzone ist ein Gebiet mit wichtigen Handelsrouten – und ein Umschlagplatz für illegale Güter. Aus Marokko oder weiter südlich in Westafrika fliessen aus Südamerika kommende Drogen in die Länder der Sahelzone bis nach Libyen. Von dort aus finden wiederum Waffen Absatz in den Süden nach Mali, Niger, Tschad oder in den Nordosten Nigerias, wo die Terrormiliz Boko Haram Schrecken verbreitet. Von den illegalen Geschäften in der Region profitieren also auch Terroristen.

Drogen

Waffen

Einflusszone Boko Haram

Operation «Barkhane»

Die französische Armee hat deshalb Kontrollpunkte an besonders stark frequentierten oder strategischen Orten eingerichtet. Neben den grossen Stützpunkten in N’Djamena (Tschad), Niamey (Niger) und Gao (Mali) kontrolliert sie auch auf den Pässen Anaï zwischen Libyen und Algerien, Tazerzait zwischen Niger und Mali, Adrar Bous zwischen Algerien und Niger, Salvador an der Schnittstelle der drei Länder Algerien, Libyen und Niger, Toumo zwischen Libyen und Niger sowie Korizo zwischen dem Tschad und Niger (siehe Karte). Zusätzlich fliegen Überwachungsflugzeuge und Drohnen über diesen strategischen Zonen. Dennoch ist die Kontrolle über das riesige Gebiet sehr schwierig.

Überschaubarer Erfolg und Skandale

Laut Julien Brachet, einem Migrationsexperten, der auf die Mobilität im Raum Sahara spezialisiert ist, hat die Präsenz der Franzosen die Lage vor Ort verändert. So sei es heute nicht mehr so einfach möglich, Drogen durch die Wüste zu schmuggeln, sagte er zu «Le Point». Andererseits, so Brachet, habe die durch die Kontrollen verursachte Verlangsamung des traditionellen Handels von Mehl, Öl oder Tomatenmark auch negative Auswirkungen auf die Bevölkerung.

Frankreich will mit seiner «Barkhane»-Operation verhindern, dass in der Sahelzone ein weiteres Jemen entsteht, wo sich der Terrorismus ausgebreitet hat, oder ein weiteres Somalia, vor dessen Küste immer wieder französische Schiffe von Piraten gekapert wurden. Der Erfolg der Einsätze ist allerdings überschaubar: «Le Point» bilanzierte diesen Sommer, dass in über einem Jahr lediglich 62 Mitglieder bewaffneter Terroristengruppen gefangen genommen und 66 getötet werden konnten. Zudem wurden 200 Tonnen Waffen und Munition beschlagnahmt und vernichtet.

Neben ausbleibenden Fortschritten machen der französischen Armee auch Skandale zu schaffen. So wurde ihr Ansehen beispielsweise schwer beschädigt, als im April dieses Jahres auskam, dass Soldaten mutmasslich Kinder in der Zentralafrikanischen Republik vergewaltigt hätten. Präsident Hollande kündigte «unerbittliches» Vorgehen an, sollte sich der Verdacht bestätigen. Und das Verteidigungsministerium in Paris versprach eine umfassende Aufklärung der in einem Uno-Bericht erhobenen Vorwürfe. Es kam aus, dass die französische Justiz schon länger von den Missständen wusste und bereits neun Monate in diesem Fall ermittelt hatte.

Aufrüstung geplant

Trotz solcher Rückschläge ist keine Strategieänderung in Sicht. Die französischen Verteidigungsausgaben sind 2014 angestiegen. Gemäss dem Military-Balance-Report des International Institut for Strategic Studies (IISS) hat Frankreich mit 46,9 Milliarden Euro (53,1 Milliarden Dollar) den grössten Militärhaushalt innerhalb der Eurozone und den sechstgrössten der Welt. Zum Vergleich: Das bevölkerungsmässig grössere Deutschland gibt 38,8 Milliarden Euro für die Verteidigung aus.

Im Gegensatz zu den Deutschen zögern die Franzosen nicht lange, wenn es um Militäreinsätze im Ausland geht. Während in Deutschland der Bundestag nach langen Parlamentsdebatten einem Bundeswehreinsatz zustimmen muss, berät in Frankreich ein Verteidigungsrat im kleinen Kreis, und die Entscheidung trifft der Präsident allein. Die Wehrfähigkeit der Armee ist den Franzosen so wichtig, dass François Hollande das Verteidigungsbudget 2014 für «sakrosankt» erklärte.

In Zukunft wird gar noch mehr Geld ins französische Militär fliessen. Der französische Rechnungshof (Cour des Comptes) hat in einem im September 2014 veröffentlichten Bericht zur Wartung und Instandhaltung des Wehrmaterials Alarm geschlagen. Demnach waren nur 41 Prozent der Flugzeuge der französischen Luftwaffe und 62 Prozent der Panzerfahrzeuge des Heeres einsatzbereit, Tendenz fallend. Ende letzten Jahres hat die französische Regierung aus diesem Grund eine Modernisierung der gepanzerten Fahrzeuge für die Landstreitkräfte angekündigt. Das Programm «Scorpion» soll bis 2025 umgesetzt werden: Für 5 bis 8,7 Milliarden Euro wird der 40 Jahre alte Bestand erneuert. Bereits 2018 sollen die Landstreitkräfte die ersten neuen Panzerfahrzeuge erhalten – darunter Transportfahrzeuge, Spähpanzer und Kampfpanzer.

Erstellt: 17.11.2015, 17:01 Uhr

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