Kroatiens geheime Bomben-Aktion gegen Muslime

Die kroatische Spionageabwehr plante, Waffen in bosnischen Moscheen zu platzieren – und setzte Muslime unter Druck.

Die Gazi-Husrev-Beg-Moschee in Sarajevo, eines der traditionsreichsten Gotteshäuser Bosniens. Foto: Oliver Tjaden (Laif)

Die Gazi-Husrev-Beg-Moschee in Sarajevo, eines der traditionsreichsten Gotteshäuser Bosniens. Foto: Oliver Tjaden (Laif)

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Er wähnte sich im Paradies, als er nach langer Fahrt Zagreb erreichte. In der kroatischen Hauptstadt besuchte der bosnische Muslim Alen Halimovic die Mittelschule, die er mit Erfolg abschloss, dann begann er ein Sportstudium. Jetzt sitzt Halimovic in einem Restaurant in der Altstadt von Sarajevo, nippt an seinem Tee – und erzählt von der Hölle.

In Zagreb hatte der junge Mann vor fünf Jahren die Matura an einem islamischen Gymnasium gemacht. Es handelt sich um eine staatlich anerkannte Schule. Halimovic jobbte nebenbei bei einer Telekommunikationsfirma, verbrachte viel Zeit mit der Familie und war froh, in einer «schönen europäischen Grossstadt» zu leben – bis ihn der kroatische Geheimdienst SOA ins Visier nahm.

Der Bosnier war kaum 18 Jahre alt, als ein Beamter ihn zu vertraulichen Gesprächen in verschiedenen Restaurants einbestellte. Der Student müsse regelmässig darüber berichten, wer in der Zagreber Moschee ein und aus gehe und was dort gesprochen werde, forderte der SOA-Mitarbeiter. Ausserdem sollte Halimovic nach Gornja Maoca fahren, eine islamistische Enklave im Norden Bosniens, um Informationen über die Aktivitäten religiöser Eiferer zu sammeln.

Alen Halimovic, der in Wahrheit anders heisst, lehnte eine Zusammenarbeit ab. «Ich wollte weder mit dem kroatischen Geheimdienst noch mit den dümmlichen bärtigen Fanatikern etwas zu tun haben.» Er liess sich auch nicht umstimmen, als die kroatischen Agenten ihm ein Monatshonorar in Höhe von umgerechnet 1100 Franken anboten. Nun wurde es ungemütlich. Er und seine Familie würden bald die Folgen spüren, wenn er sich weigere, Spitzeldienste zu leisten, drohte ein Beamter.

Hier prangten Zeichen des Islamischen Staats: Eingang zur Enklave Gornja Maoca im Norden Bosniens. Foto: Reuters

Halimovic, der Sportlehrer werden wollte, wurde von den kroatischen Polizeibehörden als Gefahr für die nationale Sicherheit eingestuft – und des Landes verwiesen. Sein Vater, ein Bauarbeiter, verlor den Job.

Ein Geheimdienstskandal

Alen Halimovic ist kein Einzelfall. In den letzten Tagen haben sich mehrere bosnische Muslime bei Avdo Avdic gemeldet. Sie alle beklagen sich über die schmutzigen Methoden des kroatischen Geheimdienstes. Avdic, ein bekannter investigativer Journalist, hat kürzlich einen der grössten Geheimdienstskandale des Balkans aufgedeckt. Nach bisherigen Erkenntnissen versuchten kroatische Nachrichtendienstler, in Kroatien und in Slowenien lebende bosnische Staatsbürger für abenteuerliche Aktionen anzuwerben.

Um die bosnischen Muslime in ein schlechtes Licht zu rücken, sollten einige von ihnen gezwungen werden, Waffen und Sprengstoff in Moscheen in Bosnien-Herzegowina zu deponieren. Ein Schweisser, der ebenfalls anonym bleiben möchte, erklärte in bosnischen Medien, die Kroaten hätten ihm und seiner Familie viele Privilegien versprochen, wenn er den Auftrag erfolgreich durchführe. Wer nicht kooperierte, musste Kroatien verlassen.

«Man stelle sich vor, wie gross der Aufschrei im Westen gewesen wäre, wenn die bosnische Polizei nach Hinweisen aus Zagreb in mehreren Moscheen Waffen gefunden hätte», sagt Journalist Avdic im Gespräch. Ziel der Aktion sei es gewesen, Bosnien als Brutstätte des islamischen Terrorismus zu diffamieren, hiess es aus dem bosnischen Innenministerium. Die Empörung in Sarajevo über die Geheimoperation des Nachbarlands ist gross. Dass Kroatien, seit 2013 EU-Mitglied, solche Intrigen schmiedet, passt jedoch zur Aussenpolitik der Adriarepublik.

Ein alter Traum der kroatischen Nationalisten ist es, in Bosnien ein eigenes Autonomiegebiet zu schaffen.

Vor allem die kroatische Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic lässt keine Gelegenheit aus, vor der Gefahr durch bosnische Islamisten zu warnen. In Bosnien gebe es 10'000 Jihadisten, die Kroatien und ganz Europa feindlich gesinnt seien, sagte sie schon 2017. Beweise dafür lieferte sie nicht. Bei Treffen mit EU-Politikern bringt die konservative Staatschefin häufig die angebliche Unterdrückung der Kroaten in Bosnien zur Sprache.

«Diese Kampagne hat zum Ziel, eine dritte, kroatisch dominierte Teilrepublik in Bosnien zu gründen», sagt der Publizist Faruk Vele, der ein Buch über die kroatischen Kriegsverbrechen an bosnischen Muslimen in den 90er-Jahren geschrieben hat. Gemäss dem Friedensvertrag von Dayton setzt sich Bosnien-Herzegowina aus zwei Teilrepubliken (Entitäten) zusammen: der Bosniakisch-kroatischen Föderation und der Republika Srpska, dem serbisch kontrollierten Landesteil, dessen politische Führung einen Anschluss an Serbien fordert. Ein alter Traum der kroatischen Nationalisten ist es, in Bosnien ein eigenes Autonomiegebiet zu schaffen, das bei einem Zerfall des fragilen Staates ein Teil Kroatiens werden könnte. Kroatien habe auf der Landkarte die Form eines Croissants, das mit bosnischem Territorium zu «füllen» sei, behaupten die Hardliner.

Sollen die Zerstückelung Bosniens vorangetrieben haben: Kroatiens Präsident Franjo Tudjman (rechts) und Slobodan Milosevic (links) bei der Unterzeichnung des Friedensabkommens im Jahr 1995. Foto: Keystone

Was Kroatien gegenüber Bosnien zuletzt gemacht habe, sei «eine Art Kriegserklärung», meint Faruk Vele. Er erinnert daran, dass der kroatische Autokrat Franjo Tudjman Hand in Hand mit dem serbischen Gewaltherrscher Slobodan Milosevic die Zerstückelung Bosniens vorangetrieben habe.

Bei einem Abendessen mit Diplomaten skizzierte Tudjman auf einer Serviette die neuen Grenzen Bosniens: Demnach würde Kroatien die Hälfte des Balkanlandes einverleiben, die andere Hälfte käme unter Belgrader Kontrolle. Das Haager UNO-Tribunal verurteilte 2017 sechs bosnische Kroaten zu insgesamt 111 Jahren Haft wegen Kriegsverbrechen an den Muslimen. Im Urteilsspruch werden auch Tudjman und seine engsten Vertrauten eines «gemeinsamen kriminellen Unternehmens» beschuldigt.

Offiziell bekennt sich Kroatien zwar zur territorialen Integrität Bosniens. Doch die jüngsten Machenschaften der kroatischen Agenten vergiften das politische Klima zwischen den Nachbarstaaten. Führende Politiker in Zagreb weisen die Vorwürfe aus Sarajevo als «Unsinn» und «antikroatische Hysterie» zurück.

«Unwahr und böswillig»

Doch mittlerweile musste Kroatiens Geheimdienstchef Kontakte mit mindestens einer Person einräumen, die er als «suspekt» bezeichnete: Gemeint ist der erwähnte Schweisser, der Waffen schmuggeln und in Moscheen deponieren sollte. Auf Anfrage bezeichnet der kroatische Nachrichtendienst die Anschuldigungen als «unwahr und böswillig». Der Kampf gegen den Terrorismus gehöre zu den Prioritäten der SOA und werde professionell und verantwortungsvoll geführt, um Kroatien und ganz Europa zu schützen.

Die Behörden in Sarajevo haben unterdessen Ermittlungen aufgenommen. Viel darf man davon nicht erwarten. Die bosnische Justiz gilt als korrupt, Richter und Staatsanwälte werden von Politikern am Gängelband gehalten. Demnächst soll ein von der EU entsandter Jurist die Justiz unter die Lupe nehmen und Vorschläge für eine Reform unterbreiten. Für den Journalisten Avdo Avdic ist es schon seltsam, dass die bosnische Generalstaatsanwältin auf dem Höhepunkt der Geheimdienstaffäre sich mit dem russischen Botschafter in Sarajevo trifft. Die Frau ist eine bosnische Kroatin – und offenbar mit zwei Protagonisten des Skandals verwandt.

Avdic gehört nicht zu jenen Muslimen, die das Problem mit Islamisten kleinreden wollen. Auf seinem Handy zeigt er die Bilder von 76 bosnischen Staatsbürgern, die auf dem Gebiet des sogenannten Islamischen Staates in Syrien und Irak getötet wurden. Darunter befinden sich auch vier Kinder und fünf Frauen. Über 200 strenggläubige bosnische Muslime schlossen sich dem Islamischen Staat an, um gegen das Regime des Diktators Bashar al-Assad zu kämpfen.

Auf Instagram wollen sie alle perfekt aussehen.

Der traditionell tolerante, liberale und weltoffene bosnische Islam wird von radikalen Strömungen herausgefordert. Das Oberhaupt der bosnischen Muslime, Grossmufti Husein Kavazovic, hat in den vergangenen Jahren die Schliessung von mehreren illegalen Gebetsstätten angeordnet. Nach den islamistisch motivierten Terroranschlägen in Paris verschob er in allen Moscheen des Balkanlandes den Gebetsruf um fünf Minuten, um sich mit den unschuldigen Opfern zu solidarisieren.

Für den in Kairo ausgebildeten Theologen Kavazovic sind Islam und Demokratie kein Widerspruch. 2017 appellierte er an seine Landsleute in der Schweiz, die hiesigen Werte zu respektieren. Das gefällt den Fanatikern überhaupt nicht. Kürzlich wurde in Syrien ein bosnischer Islamist von kurdischen Kämpfern gefangen genommen. In einer Videobotschaft hatte er dem Grossmufti mit dem Tod gedroht. Man werde Kavazovic «im Namen Allahs» in der Bascarsija, wie das Zentrum Sarajevos heisst, köpfen.

In Syrien ist gerade die letzte IS-Bastion gefallen. Darüber freut sich auch Alen Halimovic, der seit seiner Abschiebung aus Kroatien Islamwissenschaften in Sarajevo studiert. Man dürfe nicht zulassen, dass die «asozialen Wirrköpfe» den Ton angeben und eine ganze Religion diskreditieren, sagt er. Seine Stimme wird fast übertönt von kreischenden jungen Frauen, die für ein Selfie posieren. Manche tragen modische Kopftücher, andere nicht. Auf Instagram wollen sie aber alle perfekt aussehen.

Erstellt: 03.04.2019, 17:37 Uhr

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