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Land im Schwebezustand

Nach fünf Jahren Rezession und Polit-Chaos ist die Psyche des griechischen Volkes angeschlagen. Die Zukunft sieht ungewiss aus. Philosophieprofessor Stathis Psillos analysiert sein Land.

Unklare Zukunft: Pärchen in Thessaloniki. (15. Juni 2012)
Unklare Zukunft: Pärchen in Thessaloniki. (15. Juni 2012)
Reuters

«Die Menschen haben Angst um ihre Ersparnisse, ihre Jobs, ihre Sicherheit, ihre Zukunft», umreisst Stathis Psillos, Philosophieprofessor aus Athen, die Lage vor der Wahl in Griechenland - einem weiteren Anlauf, das Land aus der Krise zu führen. Psillos könnte seine Aufzählung fortsetzen. Nach fünf Jahren Rezession sowie Zwist und vergeblichem Ringen auf der politischen Bühne ist die Zuversicht geschwunden.

Die Griechen sind in eine kollektive Depression verfallen, resümieren Beobachter. Verzweiflung paart sich mit stolzem Trotz gegen Sparvorgaben von aussen, wie in einer Strassenszene aus Athen: Ein Obdachloser hat einen Karton für Spenden just neben einem Wahlplakat aufgestellt mit der Aufschrift «Wir brauchen den Euro nicht».

Nicht unter jeder Bedingung

Zwar will Umfragen zufolge die Mehrheit der Griechen den Euro behalten, doch viele sind dafür nicht unter jeder Bedingung bereit. So gilt die Parlamentswahl als Wegweiser dafür, welchen Kurs die Griechen künftig einschlagen wollen oder müssen: hin zum oder weg vom Euro. Während die konservative Nea Dimokratia (ND) die Bedingungen des internationalen Rettungsplanes aufweichen will, würde die linksradikale Syriza den Plan am liebsten schreddern. Sollte Syriza-Chef Alexis Tsipras tatsächlich an die Macht kommen und den Sparkurs aufkündigen, würde ein Austritt aus dem Euro drohen.

Von Nea Dimokratia und Syriza wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen erwartet. Zu einer Alleinregierung wird es für keine reichen. Die sozialistische Pasok und die Demokratische Linke könnten Zünglein an der Waage werden.

Damit kann sich Griechenland erneut auf zähe Koalitionsgespräche einstellen. Schmerzhafte Verhandlungen würden das, ist sich Elena Athanassopoulou, Politologin an der Amerikanischen Hochschule Griechenland, sicher. Doch politische Stabilität sei jetzt das A und O, damit das Land nicht noch weiter absacke.

Dezentralisierung soll neues Vertrauen schaffen

Dazu braucht es nach Ansicht von Ökonomieprofessor Reto Foellmi aber auch neues Vertrauen in die Politik. «Die Menschen verlieren das Vertrauen in die Institutionen», sagt der Experte aus St. Gallen. Wichtig wäre etwa, dass ein Zusammenhang zwischen Staatseinnahmen und Ausgaben ersichtlich wäre, betont er und schlägt eine Dezentralisierung der Finanzkontrolle vor. Vor Ort könnten die Behörden besser erklären, wie Steuern und Gebühren genutzt würden.

Derzeit seien die Griechen desillusioniert und fühlten sich machtlos, Politik und Gesellschaft umzukrempeln, meint der Philosophieprofessor Psillos. Dieser Schwebezustand, dessen Überwindung Zeit kosten werde, beschreibt er in Anlehnung an den russischen Intellektuellen Alexander Herzen: Die scheidende Welt hinterlasse keinen Erben, sondern eine schwangere Witwe, schrieb dieser nach dem weitgehenden Scheitern der Revolutionsbewegungen von 1848. «Zwischen dem Tod des einen und der Geburt des anderen wird noch viel Wasser fliessen, wird es eine lange Nacht voller Chaos und Trostlosigkeit geben.»

dapd/kle

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