«Lange kann eine Stadt so nicht funktionieren»

Brüssel im Ausnahmezustand: Gehen die Leute zur Arbeit? Was tun mit den Kindern? Werden die Menschen psychotisch? Korrespondent Stephan Israel lebt dort – und nimmt Stellung.

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Wie ist die Stimmung heute Morgen in Brüssel?
Am Morgen sind die Brüsseler mit den Nachrichten von den Razzien der letzten Nacht aufgewacht. Viele sind inzwischen zur Arbeit gefahren. Es gab die üblichen Staus. Die meisten Betriebe und Behörden funktionieren ja normal. Es ist vielleicht etwas ruhiger als sonst an einem Wochentag. Nur wenn wieder eine Polizeisirene zu hören ist, schrecken die Leute auf.

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Würden Sie bei höchstem Terroralarm in Ihrer Stadt noch zur Arbeit?




Was ist es für ein Gefühl, dort zu sein?
Es ist schon eher ungemütlich. Das Leben in Brüssel ist sonst sehr entspannt. Jetzt haben wir Panzerfahrzeuge, Soldaten und schwer bewaffnete Polizei in den Strassen. Vor allem weiss im Moment niemand, wie lange die Behörden die Terrorwarnung auf der höchsten Stufe lassen. Lange kann eine Stadt mit knapp 1,5 Millionen Menschen in einem solchen Ausnahmezustand nicht funktionieren.

Video: Brüssel im Ausnahmezustand. (Reuters)

Was schreiben die Zeitungen?
Die meisten Zeitungen haben die Nachricht von den Razzien am späten Sonntagabend und den Festnahmen noch auf ihren Titelseiten vermelden können. Dabei wurden bei Hausdurchsuchungen in acht Brüsseler Gemeinden 16 Personen festgenommen. Die Zeitungen konstatieren allerdings, dass der Hauptverdächtige Salah Abdeslam nicht unter den Verhafteten ist und die Polizei bei den Razzien keine Waffen oder Sprengstoff gefunden hat.

Was berichten die Radios?
Dort war heute Morgen Belgiens Innenminister Jan Jambon wichtigster Gast. Befragt zu den nächtlichen Razzien hielt sich der Minister aber bedeckt. Der flämische Nationalist hatte letzte Woche mit der Ankündigung für Schlagzeilen gesorgt, in den Brüsseler Gemeinden aufräumen zu wollen.

Was sind die Meinungen der Kommentatoren?
Es gibt erste Fragen zur Strategie der belgischen Behörden, eine ganze Stadt wegen der Terrorgefahr lahmzulegen. Der präventive «Lockdown» einer Stadt für eine so lange Periode sei eine Premiere, schreibt zum Beispiel «Le Soir», und könne nicht unbegrenzt aufrechterhalten werden, ohne Psychosen auszulösen.

Treten die Politiker und Sicherheitsleute überzeugend auf?
Der Einsatz von Armee und Polizei ist massiv und wohl bewusst martialisch. Auch jetzt sind wieder Razzien im Gang. Das soll der Bevölkerung Sicherheit vermitteln. Wenn die Behörden aber nicht bald Ergebnisse präsentieren, könnte die Stimmung rasch kippen und der Eindruck von Hilflosigkeit entstehen.

Was machen die Menschen? Bleiben sie zu Hause bei ihren Kindern?
Ich selber habe derzeit fünf Kinder im Haus, inklusive zwei von unseren Nachbarn. Jetzt werde ich dann aber gleich abgelöst. So machen es viele. Sie arbeiten von zu Hause aus, während andere Eltern ins Büro fahren, und wechseln sich dann ab. Das geht für einen oder zwei Tage, aber nicht viel länger.

Was bedeuten die Zwischenergebnisse der Razzien?
Die Bilanz ist gemischt. Die Polizei führt derzeit zwei Fahndungen parallel. Einerseits nach Salah Abdeslam, einem der mutmasslichen Terroristen von Paris und Bruder eines Selbstmordattentäters. Salah Abdeslam ist immer noch auf der Flucht. Zudem sind Polizei und Armee auf der Jagd nach einer zweiten Terrorzelle, die nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden jederzeit einen Anschlag verüben könnte. Es ist unklar, ob die Festgenommenen gestern zur fraglichen Zelle gehören. Die Tatsache, dass keine Waffen gefunden wurden, deutet eher darauf hin, dass die Zelle nicht gefunden wurde.

Wie gross ist die Chance, Abdeslam zu erwischen?
Das ist schwer einzuschätzen. Es gibt Meldungen, dass Salah Abdeslam in einem BMW Richtung Deutschland unterwegs sein soll. Das klingt aber unwahrscheinlich. Ich vermute eher, dass er in der Region Brüssel untergetaucht ist.

Wie lange ist Terrorstufe 4 noch zu erwarten?
Die nationale Sicherheitsbehörde wird heute Nachmittag die Lage neu analysieren. Das ist das Dilemma der Regierung: Sie kann die Terrorwarnung jetzt nicht einfach aufheben. Das geht nur, wenn die Polizei eindeutige Ergebnisse und Fahndungserfolge präsentieren kann. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.11.2015, 12:03 Uhr

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