Leere Wiegen in Serbien

Politiker, Popen und Publizisten schlagen Alarm: In Serbien sinkt die Geburtenrate dramatisch. Schuld daran sollen nur die Frauen sein.

Schätzungen zufolge haben seit dem Zerfall Jugoslawiens über eine halbe Million Serben ihre Heimat verlassen – vor allem gut ausgebildete junge Menschen: Kinder in Lozovik, rund 100 km vor Belgrad. Foto: Marko Djurica (Reuters)

Schätzungen zufolge haben seit dem Zerfall Jugoslawiens über eine halbe Million Serben ihre Heimat verlassen – vor allem gut ausgebildete junge Menschen: Kinder in Lozovik, rund 100 km vor Belgrad. Foto: Marko Djurica (Reuters)

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Zuerst sprachen die religiösen Würdenträger. Amfilohije Radovic, ein Hardliner der serbisch-orthodoxen Kirche, meinte in einer Predigt, die Serbinnen würden innerhalb eines Jahres mehr Kinder töten als Adolf Hitler und Benito Mussolini zusammen. Auch das Oberhaupt der Kirche, Patriarch Irinej, hatte eine klare Botschaft an die Frauen: «Die Serbinnen sind verpflichtet, Kinder zu gebären.» Nur so könne das serbische Volk seinen Platz in der Geschichte sichern.

Nun hat Staatspräsident Aleksandar Vucic das Wort ergriffen. Vor den Medien in Belgrad sagte er im dramatischen Jammerton, wenn die Geburtenrate in Serbien weiterhin sinke, dann «sind wir als Nation am Ende». Unterstützung erhielt der Autokrat umgehend von der Revolverpresse, die ihm treu ergeben ist. Das Blatt «Informer», bisher zuständig vor allem für Diffamierungskampagnen gegen die Opposition, bastelte eine unangebrachte Schlagzeile zur demografischen Lage der Nation: «Der Krieg gegen den Baby-Schwund beginnt».

Wenn in Serbien vom Krieg die Rede ist, dann darf der Verteidigungsminister nicht fehlen. Er sagte, auch die Armee werde sich im Kampf gegen die fallende Geburtenrate einsetzen und Schwangerschaften stimulieren.

Prämie für Mütter

Die Regierung will sofort umgerechnet 14 Millionen Franken zur Verfügung stellen, um den Nachwuchs für die Familien attraktiv zu machen. Beim ersten Kind sollen die Mütter eine einmalige Prämie von 1000 Franken erhalten, beim zweiten 100 Franken monatlich, beim dritten und vierten sogar 300. Zum ersten Mal seit einem halben Jahrhundert hat Serbien laut Vucic weniger als sieben Millionen Einwohner. Das Land schrumpft jährlich um 35'000 Menschen – das ist eine mittelgrosse Stadt. UNO-Experten vermuten, bis 2041 werden nur noch 5,5 Millionen Serben im Land wohnen. «Es wird gerade noch genug Serben geben, um unter dem Birnbaum zu sitzen», lautet eine beliebte Warnung der Belgrader Medien.

Die Wortwahl der Politiker, Popen und Publizisten empört viele Frauen. Sie wehren sich dagegen, dass sie zu Gebärmaschinen degradiert werden. «Wir wollen nicht für den Staat, für die Nation, für die Kirche, die Armee und die Partei gebären», heisst es in einer Erklärung von Nichtregierungsorganisationen. Als völlig deplatziert bezeichnen Frauenrechtlerinnen auch den Slogan «Genug der Worte, lass es schreien». Damit wollte das Kulturministerium die Frauen zu mehr Geburten animieren.

Ein Viertel der Serben lebt in Armut.

Der Hauptgrund für den unaufhaltsamen Bevölkerungsrückgang in Serbien ist die schlechte Wirtschaftslage. Ein Viertel der Serben lebt in Armut. Die Provinz verödet, vor allem in Südserbien vergreisen und verwaisen ganze Landstriche. Mancher Bauer heiratet in der Not sogar eine Albanerin aus Nordalbanien, wo sich viele Männer längst in Richtung Griechenland oder Italien verabschiedet haben.

Der Ultranationalist Vojislav Seselj, in den 90er-Jahren Vucics politischer Ziehvater, appellierte diese Woche an seine Landsleute, Chinesinnen zu heiraten – sie seien «gewissenhafte Ehefrauen, gute Mütter und erfolgreiche Hausfrauen». Doch auch albanische Frauen dürften Heim und Herd in Serbien hüten, schlug Seselj vor.

Die eigenen Landsleute ins Elend gestürzt

Es waren Politiker wie Seselj, Vucic und der inzwischen verstorbene Gewaltherrscher Slobodan Milosevic, die in den 90er-Jahren mit ihrer Kriegspolitik gegen andere Völker auch die eigenen Landsleute ins Elend gestürzt haben. Vucic hat mittlerweile viel proeuropäische Kreide gefressen und bereut ziemlich glaubwürdig seine dunkle Vergangenheit. Die Folgen des wirtschaftlichen Niedergangs spürt die serbische Gesellschaft bis heute. Schätzungen zufolge haben seit dem Zerfall Jugoslawiens über eine halbe Million Serben ihre Heimat verlassen – vor allem gut ausgebildete junge Menschen.

Als besorgniserregend bezeichnet das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef) die Lage im Bildungswesen. Ein Viertel der Schüler bis 15 Jahre sind sogenannte funktionale Analphabeten: Sie können zwar einzelne Sätze lesen oder schreiben, aber keine zusammenhängenden Texte verstehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.03.2018, 19:31 Uhr

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