Links – aber gnadenlos pragmatisch

Mit Bodo Ramelow stellt sich am Sonntag in Thüringen der einzige linke Ministerpräsident im Land zur Wiederwahl. Seine Chancen stehen gut.

Populist und Macher: Der 63-jährige Bodo Ramelow. Foto: Michael Reichel (Keystone)

Populist und Macher: Der 63-jährige Bodo Ramelow. Foto: Michael Reichel (Keystone)

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Auf einer Bühne ist Bodo ­Ramelow im Element. Wenn er mit Mikro in der Hand einmal durch die thüringische Politik hin und zurück führt, wirkt er wie ein Alleinunterhalter auf einem ­Kreuzfahrtschiff. Seine sonore Stimme versprüht Charme, sein Schalk strahlt bis in die letzte Reihe. Als Geschichtenerzähler ist er schnell, ­präzise und plakativ. Er hat die Gabe, in fünf Minuten vom thüringischen Wald, der stirbt, über die elektrischen Tretroller, die er für eine Landplage hält, zu den Vorzü­gen der einheimischen Hightech-Industrie zu gelangen und beim Bekenntnis zu enden, dass er nicht gegen die AfD kämpfe, sondern für mehr Demokratie. «Was war noch einmal die Frage?»

Ramelow kann populistisch, wenn er über Amazon als «Sozialschmarotzer», «Steuerdrücker» und «Wettbewerbsverzerrer der übelsten Art» schimpft. Er kann kämpferisch, wenn er sich über seinen Coup freut, ein Nazi-Rockfestival mit einem Alkoholverbot sabotiert zu haben: «Das tut denen auch mal gut, dass sie bei klarem Kopf ihren Scheissdreck hören müssen.» Und er kann pragmatisch. «Was heisst schon linke Politik? Ich mache Politik für die Menschen.» Er sehe seine ­Aufgabe darin, jeden Tag für ein bisschen mehr Gerechtigkeit zu arbeiten, sagte er schon vor Jahren.

Voller Widersprüche

Ramelow, 63 Jahre alt, ist keiner dieser politischen Dampfplauderer, deren Ego sich umgekehrt proportional zu ihrem Einfluss verhält. Seit fünf Jahren ist er Ministerpräsident von Thüringen. Die Thüringer mögen und schätzen ihn. Wer ihm länger zuhört, fühlt sich zudem noch glänzend unterhalten. Es gibt kaum bessere Redner in der deutschen ­Politik.

Wer Ramelow einen halben Tag lang im Wahlkampf ­begleitet, lernt einen erstaunlich entspannten Mann kennen, trotz aller Aufregung um ihn herum. «Was gut läuft, macht Freude», meint er. Dabei ist der Mensch Ramelow aus lauter Widersprüchen gemacht: ärmlich aufgewachsen, unstudiert, aber höchst erfolgreich. Legastheniker, aber brillanter Redner. Von aufbrausendem Temperament, aber mit präsidialer Ausstrahlung. Sozialistisch, aber bekennender Christ. Einer aus dem Westen, der nach drei Jahrzehnten in Thüringen so sehr Ossi ist, wie ein Wessi überhaupt sein kann. Die grösste Verwandlung von allen: 30Jahre lang wurde der radikale Gewerkschafter mit der exzentrischen Haartolle wegen seiner Verbindung zu den westdeutschen Kommunisten vom Verfassungsschutz beobachtet. Heute, als einziger linker Ministerpräsident eines deutschen Bundeslandes, könnte man ihn leicht für einen konservativen Sozialdemokraten halten.

Ramelows Verwandlung hat eine Geschichte: Schon 2009 ­hätteer an der Spitze eines linken Bündnisses regieren können, aber da waren die Vorbehalte ihm gegenüber noch zu gross. Seine Linkspartei roch noch ziemlich nach der DDR-Staatspartei SED, aus der sie hervorgegangen war. «Rot lackierte Faschisten» hatte ­HelmutKohl die Ex-Kommunisten von der PDS geschimpft, Ramelow selbst galt weithin als «rotes Tuch». Doch Schritt für Schritt reifte er und emanzipierte sich von ­seiner Partei.

2014 wurde er endlich Ministerpräsident – doch niemand gab ihm eine Chance. Ein Radikaler an der Spitze der ersten rot-rot-grünen Regierung in Deutschland? Bei einer einzigen Stimme Mehrheit für Linke, SPD und Grüne im Landtag? «Fünf Jahre später sind wir immer noch da», freut sich Ramelow diebisch – «fröhlich wie am ersten Tag.»

Statt dass Chaos und Anarchie ausgebrochen wären, regierte sein linkes Bündnis weitgehend geräusch- und skandalfrei. Rame­low sorgte für Disziplin und Gemeinsinn, gestritten wurde nur hinter verschlossenen Türen. Nun steht dem Chef am Sonntag sein Meisterstück bevor: Er will beweisen, dass seine Wahl kein Ausrutscher war, sondern der Anfang von etwas Neuem.

«Keine Zeit für Ideologie»

Der Schlüssel zu Ramelows Verwandlung liegt in seinem gnaden­losen Pragmatismus. Dabei war es weniger der Wille zur Macht, der ihn pragmatisch stimmte, eher umgekehrt: Er begriff irgend­wann, dass regieren muss, wer die Lage konkret verbessern will. Ramelow kam im Nach-Wende-Chaos 1990 nach Thüringen, um im Osten eine Gewerkschaft aufzubauen. Als Gewerkschafter lernte er: Linke Fantasien helfen nicht dabei, Probleme im Interesse der Schwachen zu lösen. Dafür taugen nur Realitätssinn, harte Arbeit und Kompromiss.

So arbeitete Ramelow auch als Ministerpräsident: Schritt für Schritt, um die Dinge zu ­bewegen.

Er stellte Tausende von neuen Lehrern ein, Hunderte von Polizis­ten, verbesserte den Nahverkehr, sorgte für bezahlbare Wohnungen und kostenlose Kinderbetreuung. Statt als «linker Spinner» entpuppte Ramelow sich als Kümmerer. «Für Ideologie hatte ich nie Zeit.»

Der Partei längst entwachsen

Seinen Kritikern, die ihn fragen, was an seiner Politik eigentlich noch links sei, antwortet Ramelow: «Muss an mir überhaupt etwas links sein?» Er mache ­soziale Politik für die Menschen, nicht für die Linke. Er vertrete Thüringen, nicht seine Partei. Fragt man den Politiker, was er seiner ­Partei schulde, antwortet er: «Nichts.» Im Jahr 2005 habe er als Unterhändler der PDS bei der Fusion mit den westdeutschen Linken mass­geblich dazu beigetragen, dass die Linkspartei heute überhaupt existiere. Damit sei es aber auch gut.

Die Linkspartei steckt im Osten in einer tiefen Krise. Seit dem Aufstieg der AfD hat sie mehr als die Hälfte ihrer Wähler verloren. Ramelows Popularität jedoch reicht längst weit über die seiner Partei hinaus. Zwei von drei Thüringern schätzen ihn, mehr als die Hälfte auch seine Regierung. Darin gleicht er Winfried Kretschmann, dem grünen Ministerpräsidenten von Baden-Württem­berg, der schon 30 Prozent der Stimmen holte, als die Grünen bundesweit noch unter 10­Prozent lagen. Wie Kretschmann ist er als «Landesvater» seiner Partei längst entwachsen.

Dank Ramelow liegt die ­Linke in den Umfragen mit fast 30 Prozent an der Spitze, rund fünf Punkte vor AfD und CDU. Unsicher ist weniger sein Sieg, sondern mehr, ob sein Bündnis nochmals eine Mehrheit erhält. Reicht es nicht, muss der schlaue Pragmatiker eine neue Lösung finden. Eine Minderheitsregierung, kaum erprobt in der deutschen Politik? Ramelow wäre es zuzutrauen. Oder die allererste Koalition eines Linken mit den Christdemokraten? Ramelow wäre dazu wohl bereit. Ob auch die CDU den Mut dazu aufbringen würde, ist weniger sicher.

Erstellt: 21.10.2019, 20:44 Uhr

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