Luigi Di Maio schlägt Pirouetten

Der Chef der italienischen Protestpartei Cinque Stelle opfert vor den Wahlen Prinzipien, die zuvor als heilig galten. Über den Euro will er auch nicht mehr abstimmen lassen.

Vom Studienabbrecher zum «Capo politico» der Protestpartei Cinque Stelle: Luigi Di Maio. Foto: Gabriele Maricchiolo (Nur, AFP)

Vom Studienabbrecher zum «Capo politico» der Protestpartei Cinque Stelle: Luigi Di Maio. Foto: Gabriele Maricchiolo (Nur, AFP)

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In der italienischen Politik sind erstaunliche Karrieren möglich. Die denkwürdigste Geschichte schreibt gerade Luigi Di Maio, ein schmaler Mann mit jungenhaft glatten Gesichtszügen aus Pomigliano d’Arco bei Neapel. Er ist 31 Jahre alt und hört auf den Titel «Capo politico», politischer Chef. So rufen sie ihn bei seiner Partei Cinque Stelle, seit er die Onlinewahl zum Spitzenkandidaten gewonnen hat. Und da sich seine Fünf Sterne anschicken, bei den Parlamentswahlen am 4. März stimmenstärkste Partei Italiens zu werden, ist nicht ganz unerheblich, wer dieser Luigi Di Maio ist.

In Brüssel gilt er als Schreckgespenst, als personifizierte Bedrohung des Euro. Die Sorge ist natürlich stark übertrieben. Die Protestbewegung Cinque Stelle dürfte tatsächlich von allen Parteien am meisten Stimmen gewinnen: Laut jüngsten Umfragen könnten es 27 Prozent werden. Doch da sie bislang nie mit anderen Formationen koalierte und sich wohl auch keine grössere Partei finden liesse für eine Allianz, bleibt ihr die Macht wahrscheinlich verwehrt. So ist die Aussicht, dass Di Maio italienischer Ministerpräsident wird, sehr gering.

Gegen das böse System

Dennoch bemüht sich der Informatiktechniker neuerdings mit rührseliger Hingabe, der Welt zu beweisen, dass er ein verlässlicher Politiker sei, ein ganz normaler gewissermassen. Er reist dafür ins Ausland, verwirft bisherige Prinzipien und vermeidet allzu populistische Töne. Man nennt ihn schon «den Christdemokraten unter den Sternen», die Mässigung in Person. Er trägt Anzüge, die zu diesem Profil passen: dunkelblau bieder, gar nicht rebellenhaft.

Früher waren die Cinque Stelle mal Feinde der Grossbanken und der multinationalen Konzerne. Die gehörten für sie zum bösen «System», zur «Kaste». Nun nimmt Di Maio auch an Meetings von Industriellen teil und buhlt um die Gunst der Unternehmer. Früher hiess es, der Staat müsse sparen, Verschwendung sei eine Plage. Nun sagt Di Maio, Italien sollte Steuern senken und Milliarden für staatliche Investitionen ausgeben, und wenn dabei gegen Brüsseler Defizitvorgaben verstossen werde, dann seis drum. Klingt nach Keynes.

Und dann ist da noch die konfuse Geschichte mit dem Euro. Früher versprachen die Fünf Sterne, dass sie, wenn sie dann mal regierten, ein Referendum veranstalten würden, damit die Italiener über einen Ausstieg aus der Gemeinschaftswährung abstimmen könnten. Von allen Punkten in ihrem Programm war das der wichtigste, der disruptivste. In einem Interview sagte Di Maio: «Gäbe es ein Referendum, ich würde für den Ausstieg stimmen.» Das ist erst vier Wochen her. Unterdessen hat er seine Meinung total revidiert. Ein Referendum, sagt er nun, nein, das sei momentan nicht nötig. Im neuen Wahlprogramm figuriert es nicht mehr.

Mal links, dann wieder rechts

Kohärenz ist nun mal eine überschätzte Kategorie in diesen volatilen Zeiten. Bei den Cinque Stelle geht das schon seit Jahren so, da purzeln die Positionen wild durcheinander. In wirtschaftspolitischen Fragen stehen sie meist links, bei der Immigrationspolitik zuweilen weit rechts – gerade so, wie der Wind weht. Bei den eingetragenen Partnerschaften für homosexuelle Paare stimmten sie zuerst zu, als dann aber eine Umfrage einen Umschwung in der Bevöl­kerung signalisierte, zogen sie sich wieder zurück.

Bisher schadete ihnen diese Unverbindlichkeit nicht. Auch ihr desolates Regieren in Rom, wo sie seit bald zwei Jahren die Bürgermeisterin stellen, schmälert ihre Popularität nicht. Offenbar profitierten die Cinque Stelle davon, dass für viele Italiener die alten, etablierten Parteien noch immer das grössere Übel sind als die chaotischen, da und dort inkompetenten Systemkritiker.

Luigi Di Maio wird oft belächelt, weil er sich in Geografie und Geschichte nicht so gut auskennt. Und in der Grammatik: Einmal unterliefen dem Liebling von Beppe Grillo, dem Parteigründer und Komiker, in einem einzigen Tweet drei Konjunktivfehler.

Bisher stand Grillo seinem Zögling immer zur Seite, wenn der in der Partei unter Druck geriet, wenn andere Sterne um etwas Glanz kämpften. Dass Di Maio der Star blieb, hat er Grillo zu verdanken. Nun hat sich der «Garant» der Bewegung, wie Grillo genannt wird, aber etwas zurückgezogen – samt seinem Charisma. Seinen berühmten Blog hat er ebenfalls von der Partei abgekoppelt. Grillos Blog war so etwas wie das Zentralorgan der Cinque Stelle gewesen. Er gab die Linie vor.

Über Nacht Abgeordneter

Di Maio soll nun selber bestehen, ohne Deckung, ohne ständiges Einflüstern. Die Gefahr, zu stolpern, ist noch grösser geworden. Im Netz gibt es Sammlungen von seinen Versprechern und Sottisen, ganze Best-of-Listen davon. Doch auch diese ironische Geringschätzung schadet ihm bisher nicht, eher im Gegenteil: Vielleicht ist es ja so, dass einer wie Luigi Di Maio dem Volk nähersteht als ein Politiker mit geschliffenem Mundwerk. Der Süditaliener war arbeitslos, als er in die Politik wechselte und über Nacht Abgeordneter wurde.

Er teilte also das Schicksal von vielen Süditalienern. Das war vor fünf Jahren. Sein Studium hatte er abgebrochen, die Partei bot eine tolle Karrierechance. Jetzt ist er schon «Capo politico» – eine Traumkarriere, fünf Sterne.

Erstellt: 23.01.2018, 23:29 Uhr

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