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Luxusflucht übers Mittelmeer

Italien hat eine tunesische Schlepperbande ausgehoben, die mit Schnellbooten operierte. Nun gibt es einen bösen Verdacht.

Rettungsboot statt Luxus: Migranten nähern sich auf einem Boot von «Medecins Sans Frontières» der Stadt Trapani, auf Sizilien.
Rettungsboot statt Luxus: Migranten nähern sich auf einem Boot von «Medecins Sans Frontières» der Stadt Trapani, auf Sizilien.
Darrin Zammit Lupi, Reuters

Die Flucht über das Mittelmeer muss nicht gefährlich sein. Es geht auch bequem und sicher – an Bord von modernen Schlauchbooten, deren Motoren so stark sind, dass die Schiffe über das Wasser gleiten, ja fast fliegen. Zum Beispiel von Kap Bon, der Spitze einer Halbinsel bei Tunis, auf direktem Weg nach Marsala, einer Hafenstadt am südwestlichen Rand Siziliens, Provinz Trapani, in nur dreieinhalb Stunden. Für 3000 Euro.

Die Staatsanwaltschaft von Palermo hat eine Bande ausgehoben, die wie eine Reiseagentur für wohlhabende Migranten aus dem Maghreb gearbeitet hat. Alles soll sie organisiert haben: die Unterkunft vor der Überfahrt, den Empfang bei Ankunft in Marsala, die Weiterreise in den Norden Italiens und, gegebenenfalls, ins nördliche Europa. Die Steuermänner waren erfahrene Seeleute, und sie waren gut bezahlt: 5000 Euro pro Fahrt. An Bord führten sie genügend Treibstoff mit, um notfalls wieder umkehren zu können. Maximal 14 Passagiere reisten jeweils mit. Die italienischen Medien beschreiben den Fluchtdienst als «Luxustaxi».

Maximal 14 Passagiere reisten jeweils mit. Die italienischen Medien beschreiben den Fluchtdienst als «Luxustaxi».

Seit Januar hatten die Ermittler im Rahmen der Operation «Scorpion Fish» die Geschäftigkeiten der Organisation beobachtet. Die Guardia di Finanza, Italiens Finanzpolizei, hörte dafür die Telefongespräche der Mitglieder ab, verfolgte die Routen, filmte die Boote, bevor sie zuschlug. 15 Mitglieder der Bande wurden festgenommen, unter ihnen der mutmassliche Chef, ein 28-jähriger Tunesier, und dessen Partnerin, eine 55 Jahre alte Italienerin. Die wichtigsten Figuren, sagen die Ermittler, seien allesamt Nordafrikaner. Bei ihrer Razzia beschlagnahmte die Polizei zwei Schnellboote und zehn Autos. In einem der Schiffe fanden sie 100 Kilogramm Zigaretten.

Besondere Aufmerksamkeit erlangte «Scorpion Fish» aber nicht wegen der Schmuggelware, sondern wegen eines Verdachts, den der Oberstaatsanwalt von Palermo, Francesco Lo Voi, nach der Razzia äusserte. Er sprach von einer «These». Sie hätten Konversationen belauscht, die darauf hindeuteten, dass auch Jihadisten den Fluchtdienst benutzt haben könnten, um nach Europa zu gelangen. In einem Gespräch höre man einen Passagier sagen, er hoffe nur, dass er ans Ziel komme und ihn die Italiener nicht «wegen Terrorismus» nach Tunesien zurückbringen würden.

Verdient die Mafia mit?

In einem anderen Telefonat sagt die Partnerin des mutmasslichen Bandenchefs, als der besorgt ist über ihre Loyalität: «Ich schwöre auf Mohammed, der mein Leben ist.» Einmal ist die Rede von «der gerechten Causa». Mehr als ein Verdacht ist es nicht. Doch dem Oberstaatsanwalt schien er so bedeutend zu sein, dass er die Aktivitäten der Bande als «Bedrohung für die nationale Sicherheit» bezeichnete.

Die Vermutung Lo Vois lanciert eine alte Diskussion neu: Seit einigen Jahren fragt man sich in Italien, ob Terrororganisationen den Fluchtweg über das Mittelmeer als Reisekorridor für ihre Emissäre benutzen. Doch dafür gibt es keine Indizien. Aber das Thema kommt immer wieder auf, angeheizt von der rechtspopulistischen Lega Nord. Es wird auch spekuliert, dass Italien in jüngerer Vergangenheit womöglich deshalb keine islamistischen Terroranschläge erleiden musste wie alle anderen grossen europäischen Länder, weil es als Transitstaat dient und es da angeblich einfach ist, ein-, weiter- und auszuwandern – und es deshalb verschont wird.

Eine weitere abenteuerliche These lautet so: Die Mafia arbeite mit den Islamisten zusammen, und darum liessen die Terroristen Italien in Ruhe. Völlig unbelegt. Recht erstaunlich ist indes, dass da eine tunesische Bande ungestört einen lukrativen Fluchtdienst betrieben haben soll, ohne dass die Mafiaclans von Trapani, denen sonst kein Geschäft auf ihrem Territorium entgeht, davon gewusst haben. Es wäre eine Sensation.

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