Mal lügen, dann stehlen

Was immer sich die französische Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen an Verfehlungen leistet: Es nützt ihr.

Je grösser die Aufregung ist, desto stärker kommt ihr das entgegen: Marine Le Pen an einer Veranstaltung in Concarneau (31. März 2017). Foto: Stephane Mahe (Reuters)

Je grösser die Aufregung ist, desto stärker kommt ihr das entgegen: Marine Le Pen an einer Veranstaltung in Concarneau (31. März 2017). Foto: Stephane Mahe (Reuters)

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Kein Wunder, hält sie so viel von Donald Trump. Auch Marine Le Pen bringt es immer wieder fertig, etwas für sich zu nutzen, das man anderen vorhalten würde. In diesem Fall geht es um ein Plagiat. Le Pen hat sich Teile einer Rede geborgt, die ihr Gegner François Fillon vor drei Wochen gehalten hatte. Der republikanische Regierungskandidat, inzwischen ausgeschieden, hatte mit demonstrativ patriotischen Worten probiert, Wählerinnen und Wähler des Front National für sich zu gewinnen. Überall auf der Welt würden sich die Menschen darum drängen, behauptete Fillon unter anderem, Französisch zu lernen. Belegen konnte er die Behauptung nicht.

Jetzt haben die Berater von Marine Le Pen diese Passage und anderes aus Fillons Rede übernommen. Nachträglich verniedlichen sie das Plagiat zu einer «kleinen Anleihe». Und schaffen es damit einmal mehr, dass die Medien über Le Pens Auftritt reden und damit über ihre von Fillon übernommenen Aussagen und erst noch über ihre Strategie, ehemalige Wähler von Fillon anzusprechen. Laut Umfragen will jeder Dritte von ihnen für Marine Le Pen stimmen.

Perfekt getimter Skandal

Bekanntlich plagiiert diese nicht nur, sie lügt auch, und je grösser die Aufregung darüber ist, desto stärker kommt ihr das entgegen. Kurz vor dem ersten Wahlgang behauptete die rechtsnationale Kandidatin, der französische Staat trage «keine Mitschuld» an der Deportation von Juden in die Vernichtungslager der Nationalsozialisten. Der Skandal war perfekt getimt.

«Lügen gelten heute als Meinungen», sagte die jüdische Historikerin Deborah Lipstadt im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet Ende April. Die Amerikanerin hatte 1996 einen Verleumdungsprozess gegen den Holocaust-Leugner David Irving gewonnen. Sie wäre wohl ebenso erfolgreich gegen Marine Le Pen gewesen. Aber es hätte Le Pen garantiert genützt. Wie kommt man gegen solche Leute an?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.05.2017, 20:21 Uhr

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