Zum Hauptinhalt springen

Malta sucht die Mörder

Die Insel boomt, nirgendwo sonst in Europa wird so trickreich Geld versteckt. Musste die Journalistin Daphne Caruana Galizia sterben, weil sie dabei störte?

Spurensuche: Forensiker untersuchen die Stelle, an der Daphne Caruana Galizias Auto in die Luft gesprengt wurde. Foto: Darrin Zammit Lupi (Reuters)
Spurensuche: Forensiker untersuchen die Stelle, an der Daphne Caruana Galizias Auto in die Luft gesprengt wurde. Foto: Darrin Zammit Lupi (Reuters)

Daphne Caruana Galizia war in Malta bereits eine angesehene Kolumnistin, als sie sich im März 2008, kurz vor der Parlamentswahl, einen Blog zulegte: Running Commentary. Ihren ersten Beitrag postete sie um zwei Uhr nachts: «Zero tolerance for corruption», ein Text in Magazinlänge, am Nachmittag schon legte sie nach, am Tag darauf gleich viermal.

Das war das Tempo. Der Ton war deutlich: Diebe und Betrüger dürfen Malta nicht mehr regieren. ­Benehmt euch, wir sind jetzt in der EU!

Der erste Beitrag war Alfred Sant gewidmet, ­damals Chef der maltesischen Labour Party. Sant hatte Malta schon mal regiert, nun wollte er wieder ran. «Er hat längst unser Vertrauen verloren», schrieb Caruana Galizia: «Er wird es nicht zurückgewinnen, indem er in seinem Bus des Wandels auf den Inseln herumkurvt und die Kacke zum ­Dampfen bringt.»

21'630 Einträge schrieb sie in diesen neun Jahren. Viele scharfe, einige investigative, einige geschmacklose: die perfekte Mischung für eine grosse Reichweite. Ihr Blog wurde zu einem neuralgischen Knoten auf der Insel, sie hatte bis zu 400'000 Leser am Tag, bei einer Bevölkerung von 430'000. Viele Leser waren, den Kommentaren nach, eher aus Hass dabei als aus Freude. Andere folgten ihr mit der Neugier von Gaffern, die einer ungesicherten Seiltänzerin zuschauen.

Maltas bekannteste Journalistin ist tot: Die Bombe explodierte beim Start des Autos.

Ihren letzten Beitrag schrieb Daphne Caruana Galizia eine halbe Stunde vor ihrem Tod. Es ging, wie schon beim ersten und wie bereits seit drei Jahrzehnten, um Korruption, vor allem in der Partit Laburista, die jetzt seit viereinhalb Jahren an der Macht ist. Am 16. Oktober um drei Uhr nachmittags wurde Daphne Caruana Galizia in Stücke gerissen. Jemand hatte an ihrem Auto eine Bombe angebracht und diese wohl aus der Ferne gezündet. Jetzt sagen Journalisten auf der Insel, Daphne sei die Einzige hier gewesen, die Eier hatte.

Der Ort, an dem sie starb, wird eine Weile ein Tatort bleiben, mit sichtbaren Spuren. Hier, am Rande des Dorfes Bidnija im Nordwesten von Malta, nur eine halbe Autostunde von der Hauptstadt Valletta entfernt, haben es die jungen Ahornbäume abgekriegt: Die Blätter sind versengt, sie versuchen standhaft weiterzuwachsen an diesem Ort, an dem der Peugeot von Daphne Caruana Galizia in die Luft geflogen ist. Forensiker haben gelbe Pfeile und Ziffern auf dem Asphalt hinterlassen. Die Überreste des Autos und die Überreste von Daphne Caruana Galizia haben sie im Umkreis von mehreren Hundert Metern aufgesammelt. Vom Haus der Familie, das seitdem von der Polizei bewacht wird, führt ein schmaler Weg hinüber zur Landstrasse. Am Nachmittag des 16. Oktober bog die Journalistin nach links ab, am Kürbisfeld vorbei, hinunter Richtung Tal, sie passierte das Warnschild mit dem lachenden Igel («Achtung, Fahrer, zerquetsch mich bitte nicht»), beschleunigte hinter der Kurve.

Eine Million Euro Belohnung

Ihr Sohn Matthew rannte hinaus, als die Fenster erzitterten. Er sah Feuer und Körperteile auf einem Acker. Daphne Caruana Galizia wurde 53 Jahre alt.

Jetzt fliesst auf der Landstrasse wieder der Verkehr, behäbig, Hügel runter, Hügel rauf, auch viele Touristen mit braun gebrannten Gesichtern und I-love-Malta-T-Shirts. Unter den sprengstoffversengten Bäumen am Strassenrand liegen Blumen: «Gott sei mit dir, bis wir uns wiedersehen.»

Malta sucht nach den Mördern, ganz Europa sucht nach den Mördern, sogar das FBI sucht mit. Und Premierminister Joseph Muscat will, so hat er das gesagt, «vor niemandem und nichts haltmachen, um die Wahrheit zu finden». Eine Million Euro Belohnung gibt es für Hinweise, und aus Ermittlungskreisen wird schon mal eine heisse Spur geleakt: Hinter dem Mord könnte jenes kriminelle Netzwerk stecken, das libysches Öl nach Sizilien schmuggelt. Daphne Caruana Galizia hatte auch darüber berichtet. Hatte sie neues Material, das sie veröffentlichen wollte? Eine Bombe am Auto ist jedenfalls ein «metodo mafioso». Fünf solcher Anschläge wurden in den letzten zwei Jahren auf Malta verübt, keiner wurde aufgeklärt. Drei galten Gestalten aus der maltesischen Unterwelt, Schmuggel, Drogen, Prostitution, bei zweien dieser Anschläge sind Geschäftsleute ums Leben gekommen.

Sie schrieb pausenlos über die «Vetternwirtschaft, die hierzulande als normal akzeptiert wird»: Die investigative Journalistin Daphne Caruana Galizia. (Archiv)
Sie schrieb pausenlos über die «Vetternwirtschaft, die hierzulande als normal akzeptiert wird»: Die investigative Journalistin Daphne Caruana Galizia. (Archiv)
Matthew Mirabelli, AFP
Ein Jahr nach dem Mord gedachten Menschen auf Malta der Journalistin. (16. Oktober 2018)
Ein Jahr nach dem Mord gedachten Menschen auf Malta der Journalistin. (16. Oktober 2018)
John Borg, Keystone
«Der Stift wird die Angst besiegen»: Auf allen maltesischen Zeitungen prangte am 22. Oktober dieses Titelbild.
«Der Stift wird die Angst besiegen»: Auf allen maltesischen Zeitungen prangte am 22. Oktober dieses Titelbild.
Matthew Mirabelli, AFP
1 / 9

Daphne Caruana Galizia hat die maltesische Gesellschaft mal mit einer Ziegenherde verglichen. Sie verachtete Menschen, die sich nicht über Korruption aufregen, solange etwas davon in ihren ­Taschen landet, die sich aber wochenlang über ein Video aufregen, das zwei Nachbarn beim Sex im Auto zeigt. Viele in Malta hielten Daphne Caruana Galizia deswegen für arrogant. Wegen Sätzen wie diesen: «Ich versuche, nicht an der Tatsache zu ­verzweifeln, dass das meine Heimat ist.»

Ihre Familie versucht gerade, nicht daran zu verzweifeln, dass die Regierung so tut, als wäre ihr die Suche nach den Mördern wichtiger als ihre Arbeit. Die jüngere Schwester von Daphne Caruana Galizia, Corinne Vella, mag nicht darüber nachdenken, wer den Mord verübt haben könnte. Man erreicht sie am Handy («Bitte Whatsapp!», weil verschlüsselt). Sie sagt, und klingt dabei müde: «Es geht nicht um Individuen, es geht um das System.»

Die Familie fordert den Rücktritt des Premiers

Caruana Galizia hat sicher ein paar Leute auf ­Sizilien und in Kalabrien genervt, aber der Schwerpunkt ihrer Arbeit der letzten Jahre ist auf ihrem Blog dokumentiert. Da geht es fast ausschliesslich um Korruption im Umfeld von Dr. Joseph Muscat, dem Premierminister der Repubblika ta’ Malta. «Mafiosi – raus hier, jetzt», schrieb sie im Mai und meinte damit nicht die Cosa Nostra oder die ’Ndrangheta, sondern «Muscat und seine Bande».

Trotzdem unterstellt niemand dem Premierminister ernsthaft, er könnte diesen Mord in Auftrag gegeben haben. «Er trägt die politische Verantwortung», sagt Corinne Vella, die Schwester. Sie spricht ruhig, mit Würde, in feinstem britischen Englisch. Die Familie fordert Muscats Rücktritt.

Aus der Ferne gesehen, ob aus Brüssel oder Berlin, erscheinen Maltas Korruptionsprobleme ein kleines Übel. Die EU hat grössere Probleme. Daphne Caruana Galizia befürchtete aber, dass sich Malta, wenn es so weitergeht, bald von jeglichen EU-Standards verabschiedet haben würde.

Was konnte sie aufdecken? Zum Beispiel, dass zwei der engsten Vertrauten von Premier Joseph Muscat, sein Kanzleichef und sein Lieblingsminister, Offshore-Gesellschaften in Panama unterhalten. Eine Enthüllung, die durch die Panama Papers bestätigt wurde. Und: dass die Gattin des Premiers offenbar eine eigene Offshore-Firma besitzt.

Daphne Caruana Galizia ärgerte sich sehr darüber, dass Maltas Regierung mit Pässen handelt. 650'000 Euro das Stück, ganz offiziell, unter dem Namen «Individual Investor Programme». Letztes Jahr wurden an die 700 maltesische Pässe verkauft, und offenbar kassierte Muscats Kanzleichef bei ­jedem Pass eine Provision von 50'000 Euro. Jedenfalls steht das so in einem geleakten Bericht der staatseigenen Financial Intelligence Analysis Unit (FIAU), den Caruana Galizia auf ihrem Blog veröffentlicht hatte.

Maltas politische und wirtschaftliche Elite hat auf den Panama-Papers-Skandal und andere Enthüllungen im Wesentlichen damit reagiert, dass sie Daphne Caruana Galizia mit Verleumdungsklagen überzog. Stand 16. Oktober: 47 Klagen. Jede Klage kostete sie Hunderte Euro, ihre Bankkonten waren bereits seit Februar gesperrt. An dem Montag im Oktober, an dem Daphne Caruana Galizia starb, hatte sie das Haus verlassen, um ihren Mietwagen bar zu bezahlen. Der Peugeot gehörte nicht ihr.

«Das war eine neue Taktik», sagt ihre Schwester Corinne Vella: «Diese Verleumdungsklagen. Sie war anderes gewohnt.» 1995, kurz vor Weihnachten, wurde die Eingangstür ihres Hauses in Brand gesetzt. «Daphne hat den Kindern damals erzählt, sie hätte Kerzen vor der Tür vergessen.» Drei Söhne hat sie zur Welt gebracht, mittlerweile alle erwachsen. Einer arbeitet für das International Consortium of Investigative Journalists, einer ist im diplomatischen Dienst, ein dritter forscht an der London School of Economics. Der Witwer ist Anwalt.

Daphnes Hund wurde die Kehle durchgeschnitten.

2006 ist die Familie beinahe im Schlaf verbrannt, wäre einer der Söhne nicht nachts nach Hause gekommen. Einem Hund von Daphne Caruana Galizia wurde die Kehle durchgeschnitten. Ihr Blog wurde von Hackern angegriffen. So was war sie gewohnt.

In Valletta und Umgebung wird gerade viel gebaut. Auf saftigen Feigenkakteen liegt Betonstaub. Auf der Fähre Valletta–Sliema hört man tausend Sprachen, es werden tausend Selfies geschossen: Der Blick ist ein Instagramparadies. Es herrscht Boomstimmung auf Malta. Seit dem Arabischen Frühling hat Malta den Kampf um Touristen mit ­Tunesien für sich entschieden. Und seit dem Bankencrash auf Zypern vor vier Jahren hat sich Malta als alternative Finanzoase im Mittelmeer ent­wickelt. Jetzt sind hier 70'000 ausländische Unternehmen vertreten, Wettunternehmen wachsen wie Pilze aus dem Boden. Panama im Mittelmeer.

Als Daphne Caruana Galizia 1964 geboren wurde, im gleichen Jahr, in dem Malta seine Unabhängigkeit von Grossbritannien erlangte, war das alles noch unvorstellbar. Aber ihre Aversion gegen die Partit Laburista begann bereits in der Schulzeit. Labour war damals an der Macht, die Partit Nazzjonalista war in der Opposition, wie heute. Am 15. Oktober 1979 stürmte ein Labour-Mob die Redaktion der Zeitung «Times of Malta», steckte das Gebäude in Brand, plünderte das Haus des Oppositionsführers Edward Fenech Adami. Die Polizei sah zu. Es war ein prägendes Erlebnis für eine ganze Generation. «Sie blieb sich immer treu», sagt ihre Schwester Corinne Vella. Der einzige maltesische Führungspolitiker, den Daphne Caruana Galizia zuletzt respektierte, war der Oppositionelle Simon Busuttil. «Ein Gentleman», schrieb sie über ihn. «Ein Normaler.» Maltesische Medien vergleichen Busuttil, rein äusserlich, mit George Clooney.

Das Budget ist wichtiger

Er lädt ins Parlament ein, es ist Tag acht nach dem Mord, sechs Uhr abends. Im Konferenzraum der Opposition wird auf einem grossen Bildschirm die Debatte im Plenum übertragen. «Wir versuchen seit heute früh», sagt Busuttil, «über Daphne zu sprechen, und Labour will nur über das Budget reden.»

Im Plenarsaal hängt zwischen zwei Malta-Flaggen ein Kruzifix, Jesus, das Kinn auf der Brust. Es spricht ein Parteikollege Busuttils. Er donnert, klagt an, dann weint er fast: «Ich will ein normales Land!» Er kann wie so viele nicht fassen, dass es einfach immer so weitergeht, mit der Korruption, mit den Morden, den vielen offenen Fragen. Und dann debattieren sie hier über das Budget. Die Labour-Abgeordneten versuchen zu lachen, dann versuchen sie, ihn zu unterbrechen, dann vertiefen sie sich in ihre Handy- und PC-Bildschirme.

Die Söhne von Daphne Caruana Galizia sind an diesem Abend im Europäischen Parlament. Es gibt eine Schweigeminute, bewegende Reden, ein Pressesaal wird nach Daphne Caruana Galizia benannt. Simon Busuttil tut diese Solidarität gut. Er ist nun derjenige in Malta, der die Arbeit von Daphne ­Caruana Galizia fortsetzt, nicht journalistisch natürlich, aber juristisch, so gut es geht, sagt er.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch