Maltas dunkles Herz

Der Mordanschlag auf die Journalistin und Bloggerin Daphne Caruana Galizia rückt Malta in ein neues, düsteres Licht.

Mit Mafiamethoden zum Schweigen gebracht: Forensiker untersuchen das Wrack von Daphne Galizias Mietwagen. Foto: Darrin Zammit Lupi (Reuters)

Mit Mafiamethoden zum Schweigen gebracht: Forensiker untersuchen das Wrack von Daphne Galizias Mietwagen. Foto: Darrin Zammit Lupi (Reuters)

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Eine Bombe ist wie Krieg, auch wenn sie einen einzigen Menschen tötet. Gezielt. Gezündet aus der Ferne. Wahrscheinlich klebte die Bombe, die Daphne Caruana Galizia tötete, unter ihrem Mietwagen, einem Peugeot 108, der nun verkohlt auf einer Wiese steht, neben einer Landstrasse im Norden von Malta. Und wahrscheinlich wurde der Sprengsatz mit einem Handy aktiviert. Das werden die Ermittlungen offenbaren. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.

Nichts ist mehr sicher in Malta nach dem «Black Monday», wie die Zeitung «Times of Malta» den Montag mit der Bombe gegen die berühmte Bloggerin nennt. Es ist, als habe diese Bombe auch vermeintliche Gewissheiten weggesprengt, letzte Hoffnungen, verschrobene Romantik. Das «Herz des Mittelmeers», wie sich die schöne Inselgruppe auch nennt, es rast. Und niemand weiss, wer das Rasen stoppen soll.

Daphne Caruana Galizia hatte gerade ihr Haus verlassen. Sie wollte in die Stadt fahren, um die Rechnung für den Mietwagen zu bezahlen, mit einem Check, denn ihre Bankkonten waren eingefroren. So erzählt es ihr Sohn Matthew. Er war der Erste, der zum Tatort kam. Die Explosion hatte die Stille zerrissen. Ein Bein seiner Mutter lag am Strassenrand.

Keine Leibwächter

Sie war wieder ohne Leibwächter unterwegs gewesen, wie immer. Obschon sie gefährdet war. Das wussten alle. Sie hatte sich in ihrer langen Karriere als investigative Journalistin viele Gegner erschrieben. Feinde auch. Prominente und weniger prominente. Mächtige Politiker aus der Regierung und der Opposition, dazu Leute aus der Unterwelt, die sie wahlweise und zuweilen auch etwas voreilig aller Schweinereien bezichtigte: des Drogenhandels, der Korruption, des Steuerbetrugs.

Sie beschrieb Malta als «Panama des Mittelmeers»: Die ermordete Daphne Caruana Galizia. Foto: Reuters

Sie malte ein dunkles Bild von Malta. Als Insel der vielen Gauner beschrieb sie es, als «Panama des Mittelmeers», wo zwielichtige Figuren verkehrten. Mafiosi aus Italien, ehemalige Offiziere des libyschen Langzeitherrschers Ghadhafi, Geldwäscher, Steuerhinterzieher, Leute mit fiktivem Wohnsitz, Russen, denen man unter mysteriösen Bedingungen den maltesischen Pass verkaufte. Malta – weit weg vom Postkartenimage.

«So sieht Krieg aus»

Einmal, vor elf Jahren, zündeten Unbekannte den Wagen der Journalistin an. Doch sie machte immer weiter, angetrieben von einem inneren Furor. In jüngerer Vergangenheit hat sie Morddrohungen erhalten. Offenbar ging sie damit zur Polizei, wie das maltesische Fernsehen berichtet. Doch die Polizei dementiert. Muss sie wohl, was bleibt ihr anderes übrig? Eigentlich hätte Caruana Galizia bewacht gehört. Die Frage ist, warum das nicht passierte. Nahm der Staat das Risiko etwa bewusst in Kauf? Es ist alles etwas kompliziert.

Eine Bombe, an einem Montagnachmittag. «So sieht Krieg aus», schreibt Matthew Caruana Galizia, Daphnes Sohn, der als Datenjournalist beim International Consortium of Investigative Journalists arbeitet, in einem aufwühlenden Post auf Facebook. Er werde nie vergessen, wie er um dieses Inferno auf dem offenen Feld gerannt sei und versucht habe, die Tür des Autos aufzureissen. Wie er die Polizisten anschrie, die nur die Arme ausbreiteten. Bis auch er merkte, dass es zu spät war.

Der Tatort: Hier wurde Daphne Caruana Galizia getötet. Video: Tamedia, Storyful

Seine Mutter sei ermordet worden, schreibt er, weil sie den Rechtsstaat gegen die beschützen wollte, die ihn verletzten. «Doch sie stand auch im Visier, weil sie die Einzige war, die das tat.» Alleine also, exponiert. In dieser Absolutheit stimmt der Vorwurf natürlich nicht. In Malta gibt es viele Journalisten, die mutig gegen die Korruption der Mächtigen anschreiben. Aber ja, keiner tat das jemals so mutig und frei, wie es Daphne Caruana Galizia immer tat. Vermutlich wird die Courage nun bei vielen verkümmern.

Mit Klagen eingedeckt

Ihre Laufbahn begann Caruana Galizia bei der «Sunday Times of Malta». Richtig berühmt wurde sie aber mit ihrem eigenen, unabhängigen Blog «Running Commentary – Daphne Caruana Galizia’s Notebook». Running, laufend also, hatte einen doppelten Sinn: Sie kommentierte schnell und ständig. Immer unverblümt, oft auch sarkastisch. In den Nachrufen in Malta wird sie auch als «controversial» beschrieben, als kontrovers. Manche Dossiers machte sie schon publik, bevor sie feste Beweise vorlegen konnte. Und so wurde sie von denen, die sie kritisierte, mit Verleumdungsklagen überzogen. Mit der Zeit wurden es so viele, dass die Bank ihre Konten einfror. Doch sie war eben auch das moralische Gewissen der Insel. Zu seinen besten Zeiten erreichte ihr Blog 400'000 Leser. Malta zählt insgesamt ungefähr 450'000 Einwohner.

Auf der Suche nach den Mördern und den möglichen Mordmotiven wird nun wieder an alle grossen Dossiers erinnert, die Daphne Caruana Galizia recherchiert hatte. International bekannt machten sie die Enthüllungen über zwei Vertrauensleute von Maltas Premier Joseph Muscat. Die hatten, kaum war die Labour Party an die Macht gekommen, Gesellschaften in Panama und Trusts in Neuseeland gegründet – fernab von daheim und dem maltesischen Finanzamt. So etwas tut man nicht, wenn man lautere Absichten hat. Caruana Galizia kam damals mit ihren Enthüllungen den Erkenntnissen aus den Panama Papers ­zuvor, die zwei Monate später die Vorwürfe bestärkten.

Wie im B-Movie

Sie blieb an den Fällen dran, trieb sie immer weiter und landete schliesslich auch bei der Frau des Premiers, bei Michelle Muscat. Daphne Caruana Galizia behauptete, eine Firma in Panama, die Egrant Inc., sei unter dem Namen der Gattin des Regierungschefs eingetragen worden und habe unter anderem eine Gutschrift von einer Million Dollar erhalten. Einbezahlt habe das Geld die Tochter des Herrschers aus Aserbeidschan, mit dem Maltas Regierung Energiedeals abgeschlossen hatte. Es floss offenbar über die maltesische Pilatus Bank, ein kleines und mysteriöses Geldinstitut. Als die Enthüllungen publik wurden, filmte eine Crew, wie der Direktor der Pilatus Bank, ein junger Iraner, mit zwei dicken Koffern durch einen Seitenausgang den Geschäftssitz verliess und bald darauf in einem Privatjet entschwand. Wie in einem B-Movie.

Muscat stritt die Vorwürfe immer ab, und die Bloggerin blieb bei ihren Anschuldigungen, obschon sie sie nicht belegen konnte. Bis zu ihrem Tod nicht. Tod durch Bombe, wie im Krieg. Als die sizilianische Mafia einst Krieg gegen den italienischen Staat führte, zündete sie auch Bomben aus der Ferne. 1992 war das. Der schwarze Montag gemahnt auch daran. Nun laufen die Untersuchungen. Sie begannen, wie sie beginnen mussten. Die Untersuchungsrichterin, die den Fall übernehmen sollte, war selber immer wieder im Blog von Daphne Caruana Galizia aufgetaucht, nie vorteilhaft.

Und so forderte die Familie der Ermordeten den Staat auf, einen anderen Fahnder zu bestimmen, einen ohne Ressentiments. Maltas Regierung liess Leute vom FBI einfliegen, damit sie bei den Ermittlungen helfen. Ein weiser Einfall. Ob das etwas bringt? Ob es die Gemüter besänftigt? Man vertraut sich nicht mehr in Malta, die Herzen rasen, aus Angst und Schock.

Erstellt: 17.10.2017, 21:35 Uhr

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