Maltas Marine stürmt Boot mit 108 «Piraten»

Flüchtlinge kapern den Frachter, der sie vor Libyen aus Seenot gerettet hat.

Die Zeitung «Times of Malta» schreibt, die Marine habe das Schiff «gestürmt» und dann in den Hafen begleitet.

Die Zeitung «Times of Malta» schreibt, die Marine habe das Schiff «gestürmt» und dann in den Hafen begleitet. Bild: Keystone

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Im Hafen von La Valletta liegt ein rotes Frachtschiff, das mit seiner jüngsten, offenbar bewegten Reise der bereits reichhaltigen und dramatischen Fluchtsaga auf der zentralen Mittelmeerroute ein neues Kapitel beifügt. Die Betreiberfirma der Elhiblu 1 ist türkisch, das Schiff kreuzt aber unter der Flagge von Palau, einem kleinen Inselstaat im Pazifik.

Am Mittwoch, als es seinen Zielhafen Tripolis anlief, erhielt es von der libyschen Küstenwache den Auftrag, 108 Flüchtlinge zu retten, die vor der Küste Nordafrikas in Seenot geraten waren. Selber könne man nicht helfen, funkten die Libyer, ihr Schnellboot sei gerade kaputt.

Die türkische Crew des Ölfrachters nahm die Migranten an Bord und wollte sie nach Tripolis bringen, wie ihr die Küstenwache beschieden hatte. Der Kommandant berichtet, die Flüchtlinge seien darüber sehr aufgebracht gewesen: Um keinen Preis hätten sie zurückgewollt, in die berüchtigten libyschen Auffanglager. Sechs Seemeilen vor Tripolis registrierten die Radare, wie die Elhiblu 1 abdrehte und Kurs nach Norden nahm. Einige Migranten sollen die Crew überwältigt und sie gezwungen haben, Europa anzusteuern – Lampedusa, Italiens südlichsten Aussenposten, oder La Valletta.

«Italien könnt ihr vergessen»

Kaum hatte Italiens Innen­minister Matteo Salvini von der Geschichte der Elhiblu 1 erfahren, meldete er sich mit einer Direktschaltung auf Facebook, wie er das in solchen Fällen oft macht. Es sei eine «Entführung» im Gange, sagte er. Und fügte mit einem ironischen Unterton an: «Arme Schiffbrüchige kidnappen einen Frachter, der sie gerettet hat, weil sie die Strecke ihrer Kreuzfahrt selber bestimmen wollen. Ich sage zu den Piraten: Italien könnt ihr vergessen.» Das sei ein Verbrechen, und für Verbrecher seien die italienischen Gewässer gesperrt.

Bald war klar, dass das Schiff stattdessen Kurs auf Malta eingeschlagen hatte. Die maltesische Regierung, die sich sonst oft mit der populistischen römischen Regierung über Zuständigkeiten streitet, sah es für einmal gleich wie Salvini. An die ­Marine erging der Befehl, die ­Elhiblu1 dreissig Seemeilen vor La Valletta abzufangen. Die Zeitung «Times of Malta» schreibt, die Marine habe das Schiff «gestürmt» und dann in den Hafen begleitet. Fünf Passagiere wurden in Handschellen abgeführt, wohl die Rädelsführer. Unter den 108Migranten, die das Schiff verliessen, waren 19 Frauen und 12 Kinder. Was aus ihnen wird, war zunächst nicht klar.

Notzentrale antwortet nicht

Dass einem privaten Frachter die Seenotrettung zufiel, könnte bald noch viel öfter vorkommen. Gerade hat die Europäische Union beschlossen, ihre Kontroll- und Rettungsmission «Sophia» für sechs weitere Monate fortzuführen, jedoch ganz ohne Schiffe. Der Einsatz im zentralen Mittelmeer beschränkt sich neuerdings auf die Überwachung aus der Luft.

Der Entscheid ist aus mehreren Gründen umstritten, vor allem aber, weil damit die effektive Seenotrettung noch prekärer wird. Die libysche Küstenwache wird zwar mit europäischen Mitteln unterstützt und soll auch weiterhin Schiffe und Training erhalten: Doch besonders verlässlich ist sie nicht. Rettungsorganisationen berichten, oftmals antworte niemand in der Notzentrale.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.03.2019, 22:33 Uhr

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