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Mauer? Welche Mauer?

Die Berliner Mauer ist so lange weg, wie sie zuvor stand: 28 Jahre und drei Monate. Ein kleines Requiem.

Da stand sie noch. Die Mauer beim Brandenburger Tor im November 1989. Foto: Jockel Finck (AP, Keystone)
Da stand sie noch. Die Mauer beim Brandenburger Tor im November 1989. Foto: Jockel Finck (AP, Keystone)

Die Mauer kam über Nacht, und sie verschwand über Nacht. In der Nacht auf den 13. August 1961 versperrten 20'000 Grenz- und Volkspolizisten der DDR die Sektorengrenzen mit Stacheldraht und zogen erste Mauern hoch. Am Morgen erwachte Berlin als geteilte Stadt, der Westteil eingemauert wie eine Insel. 5000 Menschen gelang über die Jahre die Flucht in den Westen, 100 bis 200 wurden dabei getötet. Wie viele es genau sind, weiss niemand. Am Abend des 9. November 1989 fiel die Mauer wieder, wie aus dem Nichts. Im Zuge einer zaghaften politischen Öffnung erlaubte die DDR quasi aus Versehen den Grenzübertritt, zwei Atemzüge später tanzten die Berliner auf der Mauer. Die Ost-Berliner strömten in den Westen, während Mauerspechte gleich begannen, den innerstädtischen Betonwall in erinnerungstaugliche Stücke zu zerschlagen.

Ab dem 13. August 1961 stand die Berliner Mauer 10'315 Tage lang.
Ab dem 13. August 1961 stand die Berliner Mauer 10'315 Tage lang.
Keystone
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 wurde die Mauer geöffnet. Ost- und Westdeutsche feierten vor dem Brandenburger Tor.
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 wurde die Mauer geöffnet. Ost- und Westdeutsche feierten vor dem Brandenburger Tor.
AP Photo
Zwei ostdeutsche Soldaten patrouilleren am 14. November auf der Mauer vor dem Brandenburger Tor.
Zwei ostdeutsche Soldaten patrouilleren am 14. November auf der Mauer vor dem Brandenburger Tor.
AP Photo/Jocekl Finck
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Zwischen dem Trauma des Baus der Mauer und dem Rausch ihres Falls lagen 28 Jahre, zwei Monate und 26 Tage. Auf den Tag genau so viel Zeit ist heute, am 5. Februar 2018, wieder vergangen. Spricht man in Berlin jemanden darauf an, sieht man in ungläubige Gesichter. Stand die Mauer wirklich nur so kurz? Oder ist die Zeit seither so schnell verflogen? War die Teilung nur eine Schimäre? Ein geisterhafter Schwebezustand zwischen zwei Normalitäten der Grossstadt Berlin?

Von der Geschichte gezeichnet

Berlin ist getränkt und gezeichnet von Geschichte, aber an die Mauer erinnert im Alltag kaum noch etwas. Eine Lokalzeitung hat gerade einen Wettbewerb ausgeschrieben: Mit einem virtuellen Stift soll man auf einem virtuellen Stadtplan einzeichnen, wo genau die Grenze damals verlief. So richtig wissen tut es kaum noch einer, die meisten ziehen den Strich einfach irgendwie quer durch die Stadt.

«Berlin ist seit dem Mauerfall zusammengewachsen.»

Erst verschwand die Mauer, dann der Rest. Die meisten Einschnitte und Brachen, die früheren Todesstreifen, sind längst wieder bebaut oder dienen als urbaner Freiraum. Nach der Wende sah und roch man den Übergang von der einen in die andere Welt noch leicht: grau die Häuser, der herbe Geruch von Braunkohle in der Luft im Osten, pastellbunt die Gebäude, dezentes Parfüm von Steinkohle im Westen. Heute nimmt man die frühere Grenze nur noch wahr, wenn man es darauf anlegt. Ein Ostteil wie der Prenzlauer Berg ist längst weder West noch Ost, sondern bildet eine neue Mitte: radikal globalisiertes Berlin in altem Dekor.

Bilder: Die kühnsten Fluchten

Zwei Koffer, mit deren Hilfe einem zehnjährigen Mädchen im Jahr 1971 die Flucht aus der DDR per Eisenbahn gelingt.
Zwei Koffer, mit deren Hilfe einem zehnjährigen Mädchen im Jahr 1971 die Flucht aus der DDR per Eisenbahn gelingt.
Keystone
Zwölf Menschen seilen sich einen Monat nach dem Mauerbau in Berlin mit einem Seil von einem Haus an der Sektorengrenze auf die Westberliner Seite ab.
Zwölf Menschen seilen sich einen Monat nach dem Mauerbau in Berlin mit einem Seil von einem Haus an der Sektorengrenze auf die Westberliner Seite ab.
Keystone
Angehörige der DDR-Grenztruppen führen am 10. April 1989 am Übergang Chaussestrasse in Berlin zwei Männer ab, die beim Fluchtvesuch in den Westen festgenommen wurden.
Angehörige der DDR-Grenztruppen führen am 10. April 1989 am Übergang Chaussestrasse in Berlin zwei Männer ab, die beim Fluchtvesuch in den Westen festgenommen wurden.
Keystone
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Checkpoint Charlie, Mauerpark, Mauermuseum, Weisse Kreuze – natürlich weidet die Tourismusindustrie die Erinnerung an die geteilte Stadt noch ein bisschen aus. Die Fremdenführer aber sagen, die jungen Gäste aus Paris, Los Angeles, Tokio und Zürich würden sich längst für ganz anderes interessieren. Nach der Mauer frage kaum noch jemand.

Jungen Berlinern geht es genauso. Ältere Einheimische hingegen sehen das ganz anders. «Den Osten kenne ich fast gar nicht», sagen Westberliner Rentner und meinen damit nicht Polen, sondern den Osten der Stadt, in der sie leben. Wenn sie dann doch einmal nach Friedrichshain, Weissensee oder Pankow fahren, planen sie den Ausflug wie eine touristische Expedition, Reiseführer inklusive. Ältere Ostberliner wiederum, Spaziergänger, Handwerker, Taxifahrer, erkennt man oft an ihrem besonders breiten Berlinerisch, samt dem kunstvollen Einsatz des Plusquamperfekts als gängige Vergangenheitsform.

Zusammengewachsen und doch fremd

Berlin ist in den mehr als 10 000 Tagen seit dem Mauerfall zusammengewachsen, daran besteht überhaupt kein Zweifel. Ost und West sind sich zwar manchmal immer noch fremd, aber die Fremdheit ist eine unter vielen geworden: Die Yuppie-Anwältin vom Kollwitzplatz hat mit dem Villenbesitzer in Dahlem, dem Schrebergärtner in Spandau, der deutsch-türkischen Putzfrau in Neukölln, der Hausbesetzerin in Friedrichshain oder dem Diplomaten im Regierungsviertel wenig gemein.

Aber: Dit is Berlin. Was dieser Metropole an historischer Mitte fehlt, macht sie durch Vielfalt an den Rändern längst wett. Die Mauer? Geschenkt und vergessen.

Video: Jenseits der Mauer

Das längste noch erhaltene Mauerstück Berlins als Open-Air-Museum.

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