Meghan, von der Kellnerin in L.A. zur Prinzessin

Rassismus zu Beginn, jetzt Euphorie: Wie Meghan Markle die Briten begeistert.

Sie will auf ihrer Hochzeit am Samstag eine kleine Ansprache halten – was allen Gepflogenheiten bei Hofe widerspricht: Meghan Markle. Foto: RoyalGB, dana Press

Sie will auf ihrer Hochzeit am Samstag eine kleine Ansprache halten – was allen Gepflogenheiten bei Hofe widerspricht: Meghan Markle. Foto: RoyalGB, dana Press

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Es war das Jahr vor Dianas Tod, in dem Meghan Markle London besuchte. Ein inzwischen legen­däres Foto dokumentiert diesen Aufenthalt. Es zeigt die 15-Jährige zusammen mit ihrer Freundin Ninaki Priddy auf einem gusseisernen Geländer vor dem Buckingham-Palast sitzen, ganz wohlgelaunte junge Touristin, im schwarzen Kleid, die Tasche umgehängt, die Sonnenbrille im Gesicht. Meghan, die sich da so munter und fotogen in Szene setzte, genoss offenkundig ihren Abstecher in die «Alte Welt» – in ein Reich kurioser Adelsnester und Schlösser und einer hartnäckig über die Zeiten gekommenen Königsfamilie. Wie für Millionen Besucher Londons war die Palastfassade für sie die ideale Kulisse für ein Fotosouvenir. Als sie im folgenden Jahr, 1997, von Dianas Unfalltod hörte und daheim im Fernsehen den Begräbniszug für die «Königin der Herzen» am Buckingham verfolgte, muss sie sich an ihren Sommertrip ins Vereinigte Königreich erinnert haben.

In ihrer katholischen Schule in Los Angeles, der Schule des «Unbefleckten Herzens», kam der tragische Tod der englischen Prinzessin offenbar in einer Philosophiestunde zur Sprache. In der Folge soll Teenager Meghan begeistert alte Videos von der Hochzeit von Charles und Diana ausgegraben haben. Immerhin war sie selbst in jenem Sommer 1981 zur Welt gekommen: sechs Tage nach der «Märchenhochzeit» drüben überm Atlantik, in St Paul’s. «Sie war immer fasziniert von der königlichen Familie», hat Ninaki Priddy, die damals mit Meghan in London war, dem britischen Königshof-Biografen Andrew Morton berichtet. Und heute wolle ihre Freundin «gern eine Neuausgabe von Prinzessin Diana» sein. Als «die neue Diana» ist ­Rachel Meghan Markle tatsächlich auch schon in Teilen der britischen Presse gefeiert worden. Ihr feierlicher Einzug in Windsor an diesem Samstag, an der Seite von Prinz Harry, hat fast schon so viel Aufregung ausgelöst wie damals Lady Diana Spencers Heirat mit dem Prinzen von Wales.

Erinnerungen an Diana

Die Zuschauerzahlen werden diesmal zweifellos noch einiges höher liegen. Diesem höfischen Schauspiel, dem Reiz des Eheschlusses zwischen dem Wildfang der Windsors und der Schönen aus Hollywood, können sich selbst überzeugte Republikaner nur schwer entziehen. Viele bewundern Meghan allein schon wegen ihres glamourösen Stils, der sie an Diana erinnert. Anderen gefällt ihre humanitäre Ader, ihr Sinn für Engagement und Aktivismus. Den schreibt man auf der Insel auch gern dem Vorbild Dianas zu – wiewohl wahrscheinlicher ist, dass Meghans Mutter Doria, eine wackere Sozialarbeiterin, ihre Tochter dazu inspiriert hat.

Video: Harry & Meghan in Zahlen

Am Samstag wird der Prinz die Schauspielerin heiraten. Das müssen Sie vor dem grossen Tag wissen. Video: Tamedia

Davon abgesehen, unterscheidet sich Meghan Markle natürlich sehr vom bitter vermissten Idol früherer Generationen britischer Royalisten. Sie ist sehr viel selbstsicherer, als es Diana jemals war. Sie ist eloquent, scheut sich nicht vorm Äussern eigenwilliger Ansichten, weiss sich zu bewegen, ist stets bereit für die laufende Kamera. Natürlich bringt sie auch berufliche und Lebenserfahrung mit, wie sie «Lady Di» abging. Schliesslich ist Meghan heute, mit 36, bei ihrem Eintritt in die königliche Familie genauso alt, wie es Diana zum Zeitpunkt ihres Todes war – am traurigen Ende des «Märchens» einer anderen Ära. Für Traditionalisten ist sie ausserdem qua Herkunft, Biografie und Ausblick etwas gänzlich Unkonventionelles. Eine Art persönliche Herausforderung. Sie ist drei Jahre älter als Harry und hat schon eine Ehe hinter sich. Sie ist im Filmmilieu aufgewachsen, stammt aus L. A. Britische Staatsbürgerin ist sie noch nicht. Auch der anglikanischen Kirche hat sie erst beitreten müssen.

Von der britischen Gesellschaft weiss sie nicht sonderlich viel. Dafür hatte sie, bis sie Harry traf, drüben in Amerika einen eigenen Beruf, eine erfolgreiche Karriere. Sie war ihren Mitbürgern aus der Fernsehserie «Suits» bekannt und hatte sich nebenher einen Namen als UN-Emissärin gemacht. Die Zahl ihrer Instagram-Fans betrug fast drei Millionen. Ihr hauptsächlich beim Fernsehen verdientes Vermögen der letzten Jahre soll sich auf fünf Millionen Dollar belaufen. Abhängig ist sie in diesem Sinne von den Windsors also nicht. Im Übrigen glaubt Meghan «als Feministin», nicht nur selbst eine spezielle Mission zu verfolgen. Sie hält, wie sie sagt, auch ihren künftigen Gatten, Prinz Harry, für einen ernsthaften Vorkämpfer für Gleichberechtigung. Davon, dass Frauen erst noch «ihre Stimme finden» müssten, will sie erst einmal nichts hören: «Frauen brauchen keine Stimme zu finden. Sie haben eine Stimme. Sie müssen nur in die Lage versetzt werden, diese Stimme auch zu benutzen.» Sie selbst will, hat sie zu verstehen gegeben, auf ihrer Hochzeit am Samstag eine kleine Ansprache halten – was allen Gepflogenheiten bei Hofe widerspricht.

Bei den königlichen Schosshunden kam die Neue auf Anhieb gut an.

Auch sonst würde «die Neue» bei Hofe gern einiges ändern. Zum Beispiel möchte sie sich für ein neues Verhältnis zur Homosexualität einsetzen. Kein Wunder, dass die Queen zunächst die Augenbrauen angehoben haben soll, als sie von Harrys «Hollywood-Liebschaft» zu hören bekam, und als Meghan im vorigen Herbst erstmals zum Afternoon-Tee bei ihr erschien.

Glücklicherweise akzeptierten die königlichen Schosshunde die Besucherin auf Anhieb: Was ihr schon mal Pluspunkte eintrug. Und aufs Teetrinken bei Elizabeth hatte sich Meghan vorsichtshalber in einer «typisch englischen» Teestube in Los Angeles, im «Rose Tree Cottage», vorbereitet. Sie las das Skript des kommenden Auftritts sehr genau. Dennoch musste die Monarchin wohl schlucken, als man ihr berichtete, Harrys Braut liebe es, Leute zu umarmen, ihnen nahe zu sein. Taktiles Vermögen und physische Nähe aber sind der Queen nie geheuer gewesen. Da ist ihr die etwas gequälte Formalität Williams und Kate Middletons, des Herzogs und der Herzogin von Cambridge, schon lieber.

Bilder: Meghans Modestil

Mehr als alles andere freilich hat Meghans familiäre Herkunft die älteren Royals und das konservative England verunsichert. Denn Mutter Doria Ragland – Make-up-Expertin, Yogalehrerin, Sozialarbeiterin und Anhängerin der US-Demokraten – ist bekanntermassen schwarz. Ragland stammt von afrika­nischen Sklaven ab, die weisse Händler in einer ­anderen Zeit auf die Baumwollfelder Georgias verschleppten. Als «echten Freigeist, mit Dreadlocks und Nasenring», hat Meghan ihre Mutter einmal vergnügt beschrieben. Doria war «meine karamellfarbene Mama», die nach 1981 «ein hellhäutiges Baby mit sich herumschleppte», sagte sie zurückblickend. Regelmässig sei ihre Mutter als Nanny oder als Dienstmädchen der Familie eingestuft worden. Vater Thomas Markle, weiss und irisch-holländischer Abstammung, arbeitete zu jener Zeit als ­Beleuchtungsdirektor in Hollywood. Beide Eltern verdienten genug, um Meghan auf «gute Schulen» zu schicken. Aus ärmlichen Verhältnissen kam sie also nicht.

«Das ist Britannien, nicht Afrika»

Aber Rassismus war ihr von Anfang an vertraut. Ihre relative Hellhäutigkeit hat sie nie davon abgehalten, auf ihre Herkunft zu verweisen. Sie sei «zur Hälfte schwarz und zur Hälfte weiss», erklärte sie jedem, der es wissen wollte. Sie sei, sagte sie, ­«ausgesprochen stolz darauf, eine starke, selbst­bewusste, gemischtrassige Frau zu sein». An den Gedanken, dass nun eine afroamerikanische Mutter mit ihrer Tochter in aller Form und vor den ­Augen der Welt ins Königshaus aufgenommen werden soll, muss sich manch einer unter den Royals erst noch gewöhnen. Äusserst pikiert hatten sich anfangs auch viele Tory-Zeitungen im Königreich gezeigt, denen unbegreiflich blieb, warum Harry dem «normalen Typus» seiner blonden Gespielinnen untreu geworden war. Kommentatorinnen wie Rachel Johnson, die Schwester des Aussenministers Boris Johnson, machten sich Gedanken über die «exotische DNA» Meghans, die sich nun mit dem «blauen» Blut der Windsors und Spencers vermischen werde.

In den sozialen Medien entlud sich eine Menge übler Beschimpfungen und purer Gehässigkeit. So schlimm wurde die Schmierenkampagne zeitweise, dass sich Harry gezwungen sah, dem «unverblümten Sexismus und Rassismus» entgegenzutreten. Zu notorischer Prominenz gelangte im Vorjahr eine 25-jährige Freundin Harry Boltons, des damaligen Vorsitzenden der Rechtspartei Ukip. Sie bezichtigte Markle, «ein Makel» fürs Königshaus zu sein und «einem schwarzen König» den Weg bereiten zu wollen. Mit «Negern» könne sie schon mal gar nichts anfangen, erklärte sie: «Das hier ist Britannien. Nicht Afrika.» Neu waren solche Anfeindungen für Meghan nicht. Mit zehn Jahren wusste sie dank Mutter Doria schon so viel, dass sie sich in Schul­debatten einmischen konnte. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich ihre Eltern bereits auseinandergelebt und getrennt.

Damals mühte sich Meghan um gute Zensuren. Sie sei intelligent und habe «Charisma», fanden ihre Lehrer. Dass sie zugleich ein «Party Animal» war, hat sie selbst freimütig bekannt. Später begann sie, Theaterwissenschaft und Internationale Beziehungen zu studieren – in weiser Voraussicht, wie sich herausstellte, für ein Leben in England bei Hofe.

Kellnerin in Beverly Hills

Als ihr ein Onkel eine Praktikantinnenstelle an der US-Botschaft in Buenos Aires besorgte, dachte sie noch an eine Laufbahn im diplomatischen Dienst. Bei der Aufnahmeprüfung fiel sie allerdings durch. Von da verfolgte sie zielstrebig eine Karriere im Showbusiness. Einfach war es nicht. Quizshows und Minirollen waren lange alles, was man ihr geben wollte. Zu jener Zeit musste sie sich über Wasser halten mit kleinen Restaurantjobs in Beverly Hills oder mit gelegentlichen Kalligrafie-Aufträgen, auf die sie sich spezialisiert hatte. Erst ein fester Part in der TV-Soap «Suits» bedeutete den Durchbruch für sie, öffnete ihr allerorten Türen und verhalf ihr zu guten und später zu fürstlichen Einkünften. Just als die Serie in Gang kam, im Jahr 2011, heiratete sie den Filmproduzenten Trevor Engelson.

Video: Die Milliardenhochzeit

Die anstehende Prinzenhochzeit wird ein Boom für die britische Wirtschaft.

Beide lebten und arbeiteten allerdings an verschiedenen Orten und hatten sich schon bald nicht mehr viel zu sagen. Letztlich hielt die Ehe nur zwei Jahre. Als Meghan sie jäh beendete, fiel Engelson aber offenbar aus allen Wolken. Ihren Ehering soll sie ihm per Post und mit Einschreiben, ohne viel Federlesens, zugesandt haben. Geradezu einen «Meghan Chill», eine rasche Abkühlung der Gefühle Meghans für allerlei Freunde im Zuge ihres beruflichen Aufstiegs, will der Biograf Morton bei seinen Gesprächen mit enttäuschten Zeitgenossen ausgemacht haben. Dass Meghan bei allem, was sie tue, scharf kalkuliere, ist ihr häufig vorgehalten worden. Mit dem bösen Prädikat «selbstsüchtig» hat ihre Halbschwester Samantha sie bedacht – die allerdings nie etwas Gutes zu sagen hatte über sie.

Andere, die Meghan freundlicher gesonnen sind, halten solche Bemerkungen für puren Neid derer, die auch künftig vor dem Schloss sitzen müssen, wo «Hoheit» ihren Platz einnehmen wird.

Seit sie und Harry sich im Sommer 2016 in ­London durch Vermittlung von Freunden erstmals trafen, hat sich die Beziehung jedenfalls im Rekordtempo entwickelt. Nach einer diskret arrangierten Safari in Botswana und gegenseitigen Besuchen in Toronto, wo «Suits» gefilmt wurde, und im Kensington-Palast, wo Harry zu Hause war, liess sich die ­Sache nicht viel länger geheim halten. Im Oktober vorigen Jahres führte Harry Meghan bei Hofe ein. Im November wurde die Verlobung bekannt gegeben. Spätestens zu diesem Zeitpunkt gaben auch vormals kritische Medien in London alle Vorbehalte auf und begannen von der kommenden Hochzeit zu schwärmen. Meghan «Mega-Star» Markle kommt den kränkelnden Zeitungen und den brexit-müden Fernsehanstalten im Königreich äusserst ­gelegen. Wie lange der Maienzauber hält, wie lange Meghan ein «Mega-Star» bleibt in ihrer neuen Heimat: Das ist eine Frage, die auf dieses Wochenende hin nur wenige zu stellen wagen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.05.2018, 07:21 Uhr

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