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Merkels Lehre aus dem Fall Hoeness

Nach zweitägigem Schweigen nimmt nun auch die deutsche Kanzlerin zum Fall Hoeness Stellung: Der Fussball-Manager kommt dabei nicht gut weg. Den Blick richtet Merkel dann auch noch Richtung Schweiz.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich von FC-Bayern-Präsident Uli Hoeness nach dessen Selbstanzeige wegen Steuerhinterziehung distanziert. «Viele Menschen sind jetzt enttäuscht von Uli Hoeness, die Bundeskanzlerin zählt auch zu diesen Menschen», sagte Regierungssprecher Steffen Seibert heute Montag in Berlin.

Diese Enttäuschung sei natürlich umso grösser bei jemandem, der für so viel Positives stehe. Es gebe weiterhin Verdienste des Bayern-Präsidenten. «Aber es ist jetzt durch die Tatsache der Selbstanzeige wegen Steuerbetrugs eine andere, traurige Facette hinzu gekommen.» Steuerhinterziehung sei ohne jeden Zweifel ein schweres Delikt.

Die Kanzlerin bleibe davon überzeugt, dass ein Steuerabkommen mit der Schweiz weiter nötig sei. «Eines Tages wird ein solches Abkommen auch kommen», sagte Seibert. Mit einem solchen «wäre es gelungen, nicht nur die Einzelfische zu fangen, sondern den ganzen Schwarm im Netz zu haben».

Grosse Aufregung in den deutschen Medien

Hoeness, Präsident des FC Bayern München, hatte ein Konto in der Schweiz und deklarierte dessen Kapitalerträge nicht. Wie viel Geld auf dem Konto lag, ist nicht bekannt. Laut der «Süddeutschen Zeitung» soll aus politischen Kreisen verlautet sein, Hoeness habe drei Millionen Euro Steuern und Zinsen nachgezahlt. Daraus lasse sich auf einen angelegten Betrag von etwa 18 bis 20 Millionen Franken schliessen.

Die Aufregung in den deutschen Medien ist gross. «Ausgerechnet er?», lautet der Tenor der meisten Kommentare. Das grosse Erstaunen ist rasch erklärt: Der erfolgreiche Fussballer, Fussballmanager und Würstchenfabrikant äusserte sich in den letzten Jahren vermehrt zu politischen Fragen. In einer Talkshow von Günther Jauch zum Thema Steuergerechtigkeit sagte er gar einmal: «Wir müssen die Reichen hier halten, damit sie weiterhin gemolken werden können, wie das in der Vergangenheit der Fall war.»

«Einer der ihren»

Auch wenn Fussball und Wurst politisch wenig relevante Geschäfte waren, ist Hoeness einer, der in Kontakt mit vielen Wirtschafts- und Politgrössen des Landes stand. Laut der «Süddeutschen Zeitung» schätzte sogar die Kanzlerin seinen Rat, und «wirklich grosse Wirtschaftsgrössen» hätten Hoeness «für einen der ihren gehalten».

Ob Hoeness im Stillen bereits eine politische Karriere lanciert hatte, ist nicht bekannt. Die nun nachgezeichnete Berichterstattung über Hoeness legt allerdings nahe, dass er eine solche problemlos hätte antreten können. Die «Süddeutsche Zeitung» verweist darauf, dass der «Spiegel » vor ein paar Wochen gefragt habe: «Taugt er als Vorbild für ein ganzes Land?» Und die «Bild» schrieb: «Brauchen wir mehr Hoeness in der Politik?» Edmund Stoiber soll Hoeness gar als «Homo politicus» bezeichnet haben, und der «Spiegel» schreibt nun: «Manchmal hatte man den Eindruck, Hoeness ist nicht Bayern-, sondern Bundespräsident.» Auch die FAZ meint: «Hoeness wünschten sich viele Leute als Politiker, er war eine Art Schattenbundespräsident.»

«Lebenswerk kurz vor der Vollendung»

Der «Spiegel» zeichnet nach, wie sich Hoeness ein «Lebenswerk» aufgebaut hatte, das «kurz vor der Vollendung» stand. Lange habe sich Hoeness zwar als oft aggressiver Manager Feinde geschaffen und habe es seinen Gegnern leicht gemacht, ihn als «personifizierte Bayern-Arroganz» zu sehen. Doch mit seinem wohltätigen Engagement, der Kritik an der Vetternwirtschaft und Korruption im Fussball, als «Kultfigur der Bundesliga» und mit seinem Auftreten als gesellschaftlich-moralische Instanz sei mit der Zeit in der Öffentlichkeit das Bild eines erfolgreichen Unternehmers und Managers entstanden, der aber die sozialen Belange der kleinen Leute nie aus den Augen zu verlieren schien: «Der gute Mensch vom Tegernsee.»

Er habe kaum eine Gelegenheit ausgelassen, sich nicht nur im Fussball als moralische Instanz zu zeigen, findet auch die FAZ. «Durch emotionale Wucht und rhetorische Deutlichkeit war er in Fernsehsendungen das populäre Gegenteil des wachsweichen Politfunktionärs: einer, der Klartext sprach und glaubwürdig wirkte.» Förderlich für Hoeness' Beliebtheit dürfte auch gewesen sein, dass dieser sich unter anderem mit Benefizturnieren für die Rettung mehrerer deutscher Fussballvereine einsetzte. Diese Meinung vertritt unter anderen die taz: «Die Hassfigur von einst wurde in der Republik immer mehr geliebt, weil es da mittlerweile keinen Traditionsverein mehr gibt, der sich noch nicht vom FC Bayern hat retten lassen.»

«Tiefe Enttäuschung»

Was ihn bei den Medien beliebt machte, wendet sich nun gegen Hoeness. Die Kommentatoren halten sich selber zwar noch zurück: «Wohl jeder hätte ihm mehr zugetraut. Mehr Ehrlichkeit. Oder mehr Cleverness», urteilt die FAZ. Ein «Steuersünder Hoeness» wäre eine «tiefe Enttäuschung», meint der «Spiegel».

Über den Fall Hoeness geurteilt wurde gestern auch im deutschen Fernsehen – und zwar ausgerechnet in der Sendung, in der Hoeness selber dafür plädierte, die Reichen in Deutschland zu halten. «Erschüttert», «überrascht» und «enttäuscht» zeigten sich die Gäste bei Günther Jauch, darunter der Finanzminister von Nordrhein-Westfalen, Norbert Walter-Borjans. Die Debatte war aber wenig ergiebig, wie auch der «Spiegel» findet: «Schade vor allem, dass nicht jemand da war wie Sylvia Schenk, die energische Sportbeauftragte von Transparency International. Die Juristin hätte diese Runde, die leider nur aus Männern bestand, sicher auf eine andere Ebene gestellt: die der Moral und der Glaubwürdigkeit des Sports. Beides kam so gut wie nicht vor in der Debatte.» Auch gab es in der Sendung niemanden, welcher die Meinung vertreten hätte, Überraschung sei nicht angebracht – so wie beispielsweise die taz in ihrem Kommentar: «Er war eben immer ein Angeber – als solcher indes ein wahres Naturtalent. Man hat ihm aus der Hand gefressen. Warum nur?»

Rücktritt verneint

Auch in der Frage, ob Hoeness nun weiterhin die Geschicke von Bayern München lenken kann oder soll, zeigen die deutschen Medien Zurückhaltung. «Wie tief der wohlmeinende Patriarch nun fällt», sei noch offen, schreibt die «Zeit». Hoeness schliesst für sich personelle Konsequenzen beim FC Bayern München vorerst aus. «An einen Rücktritt als Aufsichtsratsvorsitzender bei Bayern München denke ich nicht», zitiert die «Bild» Hoeness. Schäden für Bayern München befürchten die deutschen Medien derweil nicht: Beim Geld soll es sich laut der «Bild» um privates Geld von Hoeness gehandelt haben, und die FAZ sieht die Ära Hoeness sowieso als begrenzt: «Ohnehin ist der FC Bayern, dieser Vorzeigebetrieb der globalen Unterhaltungsbranche, auf dem Sprung vom Zeitalter des Patriarchen zu dem einer kollektiveren, transparenteren Unternehmensführung.»

SDA/mw/fko

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