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Mit der Spinne am Revers

Der Mathematiker Cédric Villani will Bürgermeister von Paris werden – gegen den Willen von Präsident Emmanuel Macron.

Macron konnte ihn nicht zum Aufgeben überreden: Cédric Villani. Foto: Benoit Tessier (Reuters)
Macron konnte ihn nicht zum Aufgeben überreden: Cédric Villani. Foto: Benoit Tessier (Reuters)

Man könnte fast glauben, die Pariser wollten alle am liebsten ins Grüne ziehen. In gut einem Monat wählen sie einen neuen Bürgermeister beziehungsweise eine Bürgermeisterin, und im Wahlkampf überbieten sich die Kandidaten mit grünen Vorschlägen. Der eine will eine Kopie des New Yorker Central Park in die französische Hauptstadt holen, die nächste träumt von einer Stadt der Fahrradfahrer, und Bäume pflanzen wollen sie alle.

Doch nur einer kann behaupten, dass ein Tier nach ihm benannt wurde, eine Spinne: Araniella villanii leuchtet neongrün und spinnt so regelmässige Netze, dass es aussieht, als habe sie die Abstände zwischen den Fäden genau berechnet. Sie trägt deshalb den Namen eines Mathematikers: Cédric Villani. Der 46-Jährige wurde 2010 mit der Fields-Medaille ausgezeichnet, einer Art Oscar für Mathematiker.

Wirklich berühmt wurde Villani in Frankreich aber erst, als er 2017 zum Vorzeige-Exzentriker der Macron-Partei La République en Marche (LREM) aufstieg. Und noch einmal berühmter, als er nun Emmanuel Macron den Rücken kehrte und sich aufmachte, um das Pariser Rathaus zu kämpfen.

Symbol der Zerstrittenheit

2017 verkörperte Villani noch die Aufbruchstimmung, die nach der Wahl Macrons zum Präsidenten das Land erfasst zu haben schien. LREM war gerade erst gegründet, doch im Juni 2017 gelang es der Partei, 314 Abgeordnete in die Nationalversammlung zu schicken, die satte Mehrheit. Der Auffälligste unter den Neuen war Villani. Er kombinierte den Look eines Dandys mit der Freundlichkeit eines Menschen, der so wirkt, als sei er nicht von Machthunger getrieben, sondern von Neugier.

Sein Haar trägt er lang, um den Hals bindet er sich eine grosse Seidenschleife, und auf seinem Revers sitzt immer eine Spinne. Überall wird herumerzählt, was für ein Teamplayer er sei. Kurzum: Villani ist die Art Politiker, die man sehr ungern ins gegnerische Lager wechseln sieht.

Doch nun, zwei Jahre später, steht Villani nicht mehr für die Strahlkraft Macrons, sondern ist zum Symbol der Zerstrittenheit der Regierungspartei geworden. Die aktuelle Bürgermeis­terin Anne Hidalgo, eine der letzten erfolgreichen Sozialistinnen des Landes, führt in den Umfragen. Macrons Kandidat Benjamin Griveaux wurde inzwischen von der konservativen Ex-Justizministerin Rachida Dati überholt. Den Macronisten geht die Hauptstadt verloren. Und Teil dieses Debakels ist Villanis Kandidatur.

Kampf um die öffentliche Sympathie

Der offizielle Kandidat Griveaux zeichnet sich in erster Linie durch seine grosse Loyalität gegenüber Macron aus, die Pariser werden nur schwer mit ihm warm. Und während Griveaux sich durch seinen Wahlkampf schleppt, reiht Villani sich nicht hinter ihm ein, sondern erhält seine eigene Kandidatur aufrecht.

Der parteiinterne Auswahlprozess sei «ungültig» gewesen, so Villani. Das Ende der Freundschaft zwischen LREM und Villani kam Ende Januar. Macron persönlich versuchte Villani zum Aufgeben zu überreden, doch dieser weigerte sich und wurde daraufhin aus der Partei ausgeschlossen.

Bürgermeister wird Villani gemäss den Umfragen wohl nicht werden, doch im Kampf um die öffentliche Sympathie hat nicht Villani verloren, sondern LREM.

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