Mit höhnischen Grüssen aus São Paulo

Der italienische Ex-Terrorist Cesare Battisti, seit 34 Jahren auf der Flucht, entgeht erneut seiner Auslieferung.

Wird von Brasilien erneut nicht ausgeliefert: Der 60-jährige Cesare Battisti.

Wird von Brasilien erneut nicht ausgeliefert: Der 60-jährige Cesare Battisti.

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Dieses Lächeln, dieser Hohn. Die Italiener haben Cesare Battisti schon oft spöttisch in ausländische Fernsehkameras lächeln sehen. Triumphierend auch. Als freute ihn nichts mehr als die Düpierung der Justiz in der Heimat. Seit 34 Jahren ist der frühere Links­extremist, einst Mitglied der Terrorgruppe «Bewaffnete Proletarier für den Kommunismus», nun auf der Flucht vor seiner lebenslangen Haftstrafe – Frankreich, Mexiko, wieder Frankreich, Brasilien. Und immer, wenn man in Rom glaubt, Battistis endlich habhaft zu werden, entwindet er sich. Und lächelt. Beklatscht von mächtigen Freunden, von brasilianischen Politikern und französischen Intellektuellen, die den ehemaligen Terroristen für einen Märtyrer halten.

Vor einigen Tagen war es wieder so weit. Da liess ihn eine Bezirksrichterin von São Paulo festnehmen. Dort, in einem Vorort der brasilianischen Grossstadt, lebt Battisti mit seiner neuen Frau und ihrem kleinen Kind schon seit einigen Jahren. Er ist jetzt 60 Jahre alt. Battisti gehöre ausgeliefert, fand die Richterin, der Mann sei schliesslich rechtmässig verurteilt. Man holte ihn mit Blaulicht, es war früher Abend in Brasilien. Die italienischen Medien berichteten aufgeregt – das Ende des Hohns schien erneut nahe zu sein. Dann ging Italien ins Bett. Als es aufwachte, war Battisti wieder frei. Und lächelte in die Kameras.

Die Geschichte Battistis nahm ihren Anfang in den «bleiernen Jahren» des roten und schwarzen Terrorismus, den Siebzigern, die Italien fast zerrissen hätten. Der Schulabbrecher aus Latina bei Rom wurde als Kleinkrimineller gross: Seine Spezialität waren Überfälle auf Supermärkte. Im Gefängnis lernte er einen Ideologen der Terrorgruppe kennen. Als er freikam, organisierte er Überfälle für die Finanzierung der Bande. Dazu steht er. Die Mordfälle aber, die man ihm anlastet, will er nicht begangen haben.

Zu Fuss über die Alpen

Ende der Siebziger wurde er erneut inhaftiert, konnte aber bald ausbrechen und türmte nach Frankreich – zu Fuss, über die Alpen. Von da ging es für einige Jahre nach Mexiko. Dann lockte Paris mit einer unwiderstehlichen Offerte: Frankreichs damaliger Präsident, der Sozialist François Mitterrand, bot italienischen Linksextremisten politisches Asyl an. Er nannte sie «Aktivisten». 140 von ihnen siedelten um, tauchten unter, schwiegen dankbar. Battisti wurde Hauswart und schrieb dunkle Kriminalromane mit autobiografischen Zügen. Sie wurden zu Bestsellern. Die Pariser Kulturszene feierte ihn. Aus dem früheren Terroristen wurde ein Star. In den Salons am linken Ufer der Seine erzählte man sich, Battisti sei das Opfer des wieder erstarkenden Faschismus in Italien.

2002 drehte der Wind. In Paris und Rom regierten die Rechten, die «Mitterrand-Doktrin» begann zu welken. Nach 9/11 nannte man Terroristen wieder Terroristen. Frankreich gelobte, Battisti auszuliefern. Es gab schon Termine. Festnehmen mochten ihn die Franzosen dann aber doch nicht. Es ging das Gerücht um, die Geheimdienste schützten ihn, weil er ihnen mit Informationen half. 2007 floh Battisti nach Brasilien, kam für eine Weile ins Gefängnis, wurde begnadigt und mit einem Dauervisum ausgestattet. Von ganz oben, vom Präsidenten. Als wäre er ein politisch Verfolgter, ein armer Kerl. Trotz des bleiernen Schattens.

Erstellt: 17.03.2015, 07:18 Uhr

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