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Mit links stramm nach oben

Die Labour-Partei galt schon als tot, doch nun feiert sie sich und ihren Chef Jeremy Corbyn so begeistert wie noch nie. Sie will zeigen, dass sozialistische Politik in Europa erfolgreich sein kann.

Unbestrittener Labour-Parteichef: Jeremy Corbyn bei seiner Rede vor den Delegierten in Brighton. Foto: Leon Neal (Getty Images)
Unbestrittener Labour-Parteichef: Jeremy Corbyn bei seiner Rede vor den Delegierten in Brighton. Foto: Leon Neal (Getty Images)

Drei Sätze bringen den Parteitag zuverlässig zum Toben: «Ich bin neu hier», «Ich bin neu im Parlament» – und die ultimative Steigerung: «Wenn wir demnächst neu an der Regierung sind . . .»

Wenn also einfache Mitglieder die Bühne erklimmen, das Mikrofon ergreifen und erklären, dass dies ihr erstes Mal und sie also quasi «Parteitags-Jungfrauen» seien – dann tobt der Saal. Das kommt auf dem Treffen der Genossen im schönen Nordseebad Brighton sehr häufig vor, schliesslich hat Labour, zeitweilig totgesagt, seit der Kür des lange umstrittenen, mittlerweile aber wie ein Erlöser gefeierten Parteichefs Jeremy Corbyn seine Mitgliederzahl auf knapp 600 000 sensationell verdreifacht.

Gefühlt alle begeisterten Neumitglieder sind offenbar in diesem Jahr zum viertägigen Parteitag nach Brighton gereist, alle werden bejubelt, und alle wollen endlich auch reden: über Obdachlosigkeit, Armut und Niedergang, über die ihrer Ansicht nach katastrophale Sparpolitik der Konservativen, die miserable Gesundheitsversorgung. Über ihre tolle Parteitruppe daheim in Liverpool, Leeds, Littleton, wo die neue Euphorie greif- und spürbar ist. Auch über den Brexit wird natürlich gesprochen, hinter und vor den Kulissen, auf den kleinen Nebentreffen rund um das Kongresszentrum, aber das alles doch bitte nur in Massen und kontrolliert: Die Parteitagsregie hatte elegant verhindert, dass – wie von ein paar Dutzend Rebellen gefordert – über einen klaren Anti-Brexit-Kurs und einen Verbleib des Königreichs im gemeinsamen Markt abgestimmt wurde.

Stattdessen wird von Labours Brexit-Verantwortlichem, dem smarten Juristen Keir Starmer, eine mit Corbyn eng abgesprochene, kunstvoll vermessene Sowohl-als-auch-Linie präsentiert. Ja, eine Übergangsperiode nach 2019 soll es geben, eine «irgendwie geartete, noch auszuhandelnde» Zollunion auch, und überhaupt soll der Brexit sehr weich sein. Aber die Parteispitze will ihre 35 Prozent Leave-Wähler nicht verprellen – und Corbyn kann zudem für seinen Traum einer Subventionierung kranker Industriezweige keine dauerhafte Einmischung aus Brüssel brauchen. Also schlängelt sich die Parteispitze an klaren Aussagen für oder gegen den Brexit vorbei, und der Parteitag schlängelt mit: Er stimmt dafür, die Brexit-Debatte nicht auszuweiten.

Die Partei ist einig wie lange nicht mehr. Corbyn ist unumstritten wie nie. Und die Tories sind, das gilt als ausgemacht, dabei, die Regierung und das Land an die Wand zu fahren. Die Partei berauscht sich an sich selbst und einer Machtübernahme in nächster Zukunft. Und so auch ist der zweite Satz, der die Delegierten im Kongresszentrum aufspringen, auf die Stühle klettern, jubeln lässt, jener von Labour-Prominenten, die mitteilen, dass sie bei der Parlamentswahl im Juni, teils durchaus überraschend, einen Sitz für Labour gewonnen hätten. Satte 30 Sitze nahm Labour dem Gegner ab. Während die Sozialdemokratie in Europa im Niedergang ist, ist Labour im Aufwind. Nach einem langen Weg erst in die politische Mitte und dann in die politische Belanglosigkeit, nach dem freundlichen Harold Wilson, dem flotten Tony Blair, dem Narzissten Gordon Brown und dem hübschen Ed Miliband, ist die britische Linke auf dem Weg zurück zum sozialistischen Kern. Und die Menschen im Mutterland von Privatisierung, Deregulierung und Klassenunterschieden – sie lieben es.

Mit einem «Stalingrad» gedroht

Kensington oder Canterbury, wo bisher die Konservativen unüberwindlich zu sein schienen, gingen in der Wahl, die Premierministerin Theresa May ohne Not angesetzt und verloren hatte, an die Roten. Labour hat die letzte Wahl nicht gewonnen, aber das Gefühl ist: Wir waren knapp davor. Beim nächsten Mal wird es klappen. Und das wird bald sein.

Diejenigen, die es schaffen sollen, werden gefeiert wie Popstars – und daraufhin geprüft, ob sie dem 68-jährigen Corbyn nachfolgen könnten als Parteichef oder -chefin. Brexit-Mann Keir Starmer ist darunter, auch Emily Thornberry, eine resolute Allzweckwaffe der Partei, und der junge Chuka Umunna, Sohn eines Nigerianers, der zu den Brexit-Rebellen in der Partei gehört und für den EU-Verbleib wirbt. John McDonnell gehört dazu, der Schatten-Finanzminister, der dem jubelnden Parteitag eine Re-Verstaatlichung der Infrastruktur verspricht und für die ersten Monate nach der Machtübernahme mit einem «Stalingrad» in der Londoner City droht, wobei Labour, um im Bild zu bleiben, mutmasslich die Rote Armee und die kapitalistischen Eliten die Wehrmacht darstellen würden.

Die Partei will das Ende von May und ein Scheitern der Tories bei ihrer Mammutaufgabe: dem Ausstieg aus der EU. Und dann wollen alle dabei sein. Aber erst einmal ist da Jeremy Corbyn. Vor Jahresfrist schien er schon vor dem politischen Aus zu stehen, er galt als Altstalinist und starrsinniger Greis. Mit seinem Festhalten an einer klassisch linken Politik hat er, ähnlich wie Bernie Sanders in den USA, eine Renaissance der Sozialismus­begeisterung im Königreich ausgelöst.

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