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Mit warmherziger Strenge

In Baden-Württemberg, dem Land der Häusle- und Autobauer, dürfte Ministerpräsident Kretschmann wiedergewählt werden. Ein Wunder.

Beliebtester Ministerpräsident Deutschlands: Der Grüne Winfried Kretschmann vergiesst 2011, nach 100 Tagen im Amt, ein paar Tränen. Foto: Maja Hitij (Keystone)
Beliebtester Ministerpräsident Deutschlands: Der Grüne Winfried Kretschmann vergiesst 2011, nach 100 Tagen im Amt, ein paar Tränen. Foto: Maja Hitij (Keystone)

Ein liebliches Dorf auf der Schwäbischen Alb. Kirchturm mit Zwiebeldach, Vögel zwitschern, aus einer Werkstatt hämmert es. Winfried Kretschmann sitzt im festen blauen Hemd an der Werkbank, hobelt und schleift, bohrt und sägt, im Hintergrund hebt seine Stimme an: «Wer etwas schaffen will, das hält, der muss seine ganze Energie da reinstecken.» Nach getaner Schreinerei tritt der Ministerpräsident im edlen Zwirn vor die Tür, blickt in die Kamera, nennt dem Wahlvolk seinen Namen, steigt in den Fond einer grünen Mercedes-Limousine, S-Klasse, natürlich mit Hybridantrieb, und rollt davon.

Kretschmanns Wahlkampffilm ist von derart erschütternder Betulichkeit, dass er bereits wieder genial ist. In wenigen Bildern zeigt hier ein Politiker seinen Charakter: ungekünstelt und bescheiden, heimat- und naturverbunden, bodenständig und doch modern, bedächtig und redlich, klug und streng. Gerade so, wie die Menschen in Baden-Württemberg sich ihr Land erträumen.

Den 67-jährigen grünen Ministerpräsidenten mit dem grauen Bürstenschnitt und den Bequemschuhen hat noch nie ein Wahlkampfdesigner stylen müssen, ganz einfach weil er selber Stil hat, unverwechselbar. Der frühere Gymnasiallehrer für Chemie und Ethik spricht als Politiker auffällig langsam. Im Zweifel gibt er statt einer Floskel lieber lebensweise Sätze von sich oder zitiert die jüdische Philosophin Hannah Arendt. Er ist katholisch, nennt seinen Glauben aber fragend, nicht wissend. Wenn er sich frei machen möchte, wandert er mit seiner Frau Gerlinde, mit der er seit 1975 verheiratet ist, über die geliebte Schwäbische Alb.

Doch kein Betriebsunfall

Kretschmann ist derzeit der beliebteste Ministerpräsident Deutschlands und der einzige Star seiner Partei. Seine Grünen liegen vor der Wahl in Baden-Württemberg am Sonntag über 30 Prozent und damit mehrere Punkte vor der CDU, die dieses Land zuvor während sechs Jahrzehnten wie ihr Privateigentum betrachtet hat. Sogar unter den CDU-Wählern, sagen Umfragen, möchte eine Mehrheit den «Kretsch» behalten.

Politisch ist das ein Wunder. Der Grüne kam 2011 an die Macht, weil zwei Wochen vor der Wahl im japanischen Fukushima Atomreaktoren explodiert waren und die politische Erschütterung seine Partei auf 24 Prozent katapultierte. Das war eine Sensation. Erstmals überhaupt regierte ein Grüner ein Bundesland, und dann ausgerechnet das der Häusle- und Autobauer.

Die gedemütigte CDU betrachtete Kretschmanns Wahl als einmaligen Betriebsunfall. Doch der hielt sich nicht nur an der Macht, sondern politisierte sich mit warmherziger Strenge mitten in die Herzen der Bürger. Mittlerweile wird er wie ein Landesvater verehrt quer durch alle Parteien. Seine Wiederwahl wäre die Krönung eines politischen Langzeitprojekts: die Grünen, die als laute Protestpartei von links gross geworden waren, als Regierungskraft der bürgerlichen Mitte zu etablieren. Selbst bürgerliche Kommentatoren halten die baden-württembergischen Grünen mittlerweile für eine Volkspartei, ja, für die bessere, modernere CDU.

Wie hat Kretschmann das geschafft? Seine Strategie war es, erst einmal die Wirtschaft zu umarmen, die dem Land seinen grossen Wohlstand verschafft, bevor er diese mit ökologischen Zumutungen behelligte. Der neue «Genosse der Bosse» arbeitete beharrlich daran, Ökonomie und Ökologie sinnvoll zu verknüpfen. Einen Aussetzer leistete er sich dabei nur ganz zu Beginn, als er einmal meinte, «weniger Autos sind natürlich besser als mehr». Den Satz kassierte er unverzüglich wieder ein. Von da an war er pragmatisch und wirtschaftsfreundlich bis an die Schmerzgrenze, etwa wenn er der Autoindustrie, von der jeder vierte Arbeitsplatz im Land abhängt, neue Teststrecken oder Versuche mit überlangen Lastwagen genehmigte.

Wie ein Erfinder

Im Gegenzug verpflichtete er die Autoindustrie, die Zukunft ökologischer anzugehen, und vermied jeden Eindruck der Willfährigkeit. Fundamentalistischen Grünen in der Bundespartei standen ob dieses «Opportunismus» und «Ausverkaufs» von grünen Prinzipien die Haare zu Berge, aber Kretschmann trug der Kurs den Respekt und die Zuneigung der Unternehmer ein. Heute parliert der Ministerpräsident flüssig von der digitalen Revolution und schwärmt von seinen Besuchen im Silicon Valley, wie wenn er selbst ein Erfinder wäre.

Zuletzt hat Kretschmann auch noch gezeigt, dass Grüne nicht nur regieren, sondern auch mit einer Krise umgehen können. In der Hysterie, die die Ankunft von einer Million Flüchtlingen aus dem Nahen Osten auslöste, blieb er jederzeit ruhig und klar. Obwohl der alte politische Fuchs sofort realisierte, dass die Krise das Zeug hatte, ihn aus dem Amt zu fegen, hörte man von ihm kein populistisches Wort.

«Ich bete jeden Tag dafür, dass Angela Merkel gesund bleibt.»

Winfried Kretschmann

Pragmatischen Humanismus nannte er seine Überzeugung. «Ich kann den Menschen nicht radikale Menschenliebe verordnen. Die sind zu bestimmten Dingen bereit, und irgendwo hört es auf.» Deutschland müsse flüchtenden Menschen Schutz gewähren, sagte er, ja, aber die Willkommenskultur habe Grenzen. «Wenn die halbe Welt auf die Idee kommt, nach Deutschland zu kommen, können wir das nicht stemmen.»

Und so exerzierte Kretschmann wieder sein berüchtigtes Sowohl-als-auch. Baden-Württemberg nahm auf sein Betreiben als einziges Bundesland 1000 irakische Jesidinnen auf, die vor den Vergewaltigern des Islamischen Staates geflüchtet waren. Andererseits half er der Regierung von Kanzlerin Angela Merkel, strengere Asylgesetze durch den Bundesrat zu bringen – sehr zum Missfallen seiner Bundespartei. Während in Baden-Württemberg sein ratloser Herausforderer von der CDU, Guido Wolf, nach den Silvesterübergriffen von Köln noch nach Worten suchte, sagte Kretschmann: «Wer straffällig geworden ist, hat sein Bleiberecht verwirkt.» Und kündete an, dass er Einwanderer ohne gültige Aufenthaltstitel künftig konsequent abschieben werde.

Das erste Mal im Leben

Heute ist der Grüne einer der überzeugendsten Unterstützer von Merkels Willkommenspolitik, nicht nur aus Sorge um die Menschlichkeit, sondern auch aus Sorge um Europa. Er wisse nicht, wer die EU noch zusammenhalte, wenn nicht die Kanzlerin, sagte er. Er bete jeden Tag dafür, dass sie gesund bleibe. Wann hat man so etwas zuletzt von einem Politiker der CDU gehört?

Merkels Parteifreunde im Land, die sich von der Willkommenspolitik zunehmend distanziert hatten, versuchten den Grünen als «Kanzlerinnenversteher» und «Stalker» zu diffamieren. Sie erreichten damit nur, dass Merkel-Anhänger in der CDU zunehmend dazu neigen, grün zu wählen. Das erste Mal in ihrem Leben, wie viele sagen. Im vergangenen Oktober stand die CDU noch bei 40 Prozent, die grüne Partei bei 24. Nun steht es 29 zu 33.

Wenn Kretschmanns Grüne am Sonntag stärkste Partei werden, dürfte der alte Ministerpräsident in Stuttgart auch die neue Regierung bilden. Angesichts des Absturzes der CDU, seines jetzigen Koalitionspartners SPD und des gleichzeitigen Einzugs der fremdenfeindlichen Alternative für Deutschland wird das nicht einfach werden. Aber Kretschmann trauen es alle zu. Dann würde er nochmals fünf Jahre regieren, so hat er es versprochen. Für mehr Schreinern und Wandern auf der Schwäbischen Alb ist auch danach noch Zeit genug.

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