Mord mitten in Berlin – und ein schlimmer Verdacht

Die Spuren rund um einen mysteriösen Anschlag führen zum russischen Staat. Unterhält Moskau eine Truppe von Killern in Europa?

Nach dem Mord sperrten die Ermittler den Tatort im Kleinen Tiergarten in Berlin-Moabit weiträumig ab.Foto: Paul Zinken (Keystone, dpa)

Nach dem Mord sperrten die Ermittler den Tatort im Kleinen Tiergarten in Berlin-Moabit weiträumig ab.Foto: Paul Zinken (Keystone, dpa)

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Es war helllichter Tag, als Selimchan Changoschwili am 23. August in Berlin durch den Kleinen Tiergarten spazierte, auf dem Weg zum Freitagsgebet in der Moschee. Da näherte sich ihm von hinten ein Mann auf einem schwarzen Mountainbike. Unvermittelt schoss der Angreifer dem Spaziergänger in den Rücken. Als Changoschwili am Boden lag, tötete er ihn mit zwei Kugeln in den Kopf. Dann fuhr er mit dem Fahrrad davon.

Einige Hundert Meter weiter verwandelte der Täter in einem Gebüsch am Ufer der Spree sein Aussehen und versuchte, seine Spuren zu verwischen. Er rasierte den Kinnbart, liess nur einen Schnauz stehen. Den Barttrimmer, eine Perücke, seine Kleider und die Waffe – eine Glock 26 mit Schalldämpfer – packte er in einen Plastiksack und versenkte diesen im Wasser. Das Bike stiess er hinterher. Dann fuhr er mit einem Elektroroller weg.

Es mehren sich die Berichte, dass Russland eine geheime Truppe von Killern unterhält, die in Europa Moskaus Feinde töten.

Zwei Jugendliche hatten den Mann jedoch beobachtet und die Polizei alarmiert. Innert Kürze wurde er bei der S-Bahn-Station Bellevue festgenommen, am Rande des Grossen Tiergartens. In der Vernehmung wies er sich als Russe namens Wadim Sokolow aus und schwieg. Auffallend schnell wurde er von zwei Mitarbeitern der russischen Botschaft besucht. Dass es sich um einen Auftragsmord handelte, schien den Ermittlern bald klar. Aber was war das Motiv? Eine Abrechnung unter Kriminellen? Ein Streit unter Islamisten? Eine Geheimdienstoperation?

Der Tote war jedenfalls ein Kämpfer. Selimchan Changoschwili, 40 Jahre alt, fünffacher Vater, nannte sich in Berlin lieber Tornike Kawtaradze. Er wuchs als ethnischer Tschetschene im georgischen Pankissi-Tal auf. Wie viele seiner Leute kämpfte er im zweiten Tschetschenienkrieg Anfang der Nullerjahre gegen die Russen. Changoschwili stieg schnell zum Kommandanten und Vertrauten des tschetschenischen Präsidenten Aslan Maschadow auf. Bilder zeigen ihn aber auch mit dem islamistischen Terroristen Schamil Bassajew. Maschadow wie Bassajew wurden später von russischen Spezialtruppen getötet.

Changoschwili kehrte 2004 nach Georgien zurück, diente georgischen und westlichen Geheimdiensten als Informant und Vermittler und agitierte weiter gegen russische Interessen. 2008 führte er eine georgische Miliz im Krieg mit den Russen um Südossetien, 2015 unterstützte er die Ukrainer im Kampf gegen russisch-tschetschenische Milizen in der Ostukraine.

Acht Kugeln, aber er überlebte

In Georgien fühlte sich Changoschwili bedroht. 2015 entging er in der Hauptstadt Tiflis nur um ein Haar einem Mordanschlag. Acht Kugeln wurden auf ihn abgefeuert, als er Milch holen ging, vier davon trafen. Er überlebte, floh aber erst in die Ukraine, Ende 2016 nach Deutschland. Bei der Asylanhörung gab er an, russische Akteure trachteten ihm nach dem Leben.

Der deutsche Verfassungsschutz bestätigte diese Einschätzung, Asyl erhielt Changoschwili trotzdem nicht. Stattdessen stufte ihn der Inlandgeheimdienst als islamistischen Gefährder ein. Die Behörde hatte russischen Behauptungen geglaubt, er sei Mitglied der Terrorgruppe Kaukasisches Emirat. Erst diesen Sommer wurde der Verdacht fallen gelassen.

Die Ermittlungen zum Mord an Changoschwili zeigten schon bald auf den russischen Staat. Bereits nach drei Tagen warnte das Aussenministerium das Kanzleramt vor einer Affäre, die ungeahnte politische Auswirkungen haben könne. Von einem «deutschen Fall Skripal» war die Rede – in Anlehnung an den spektakulären russischen Giftanschlag auf den Überläufer Sergei Skripal im englischen Salisbury.

Sokolow (l.) und Krassikow: Die Bilder zeigen dieselbe Person. Foto: PD

Schnell fanden die Ermittler heraus, dass der Täter, der sich Wadim Sokolow nannte, über Paris in die EU eingereist war, dann nach Warschau flog und erst kurz vor der Tat nach Berlin reiste. Sein Pass erwies sich als echt, seine Identität hingegen als gefälscht. Recherchen der britischen Plattform Bellingcat, des russischen Onlinemediums The Insider und des «Spiegels» zeigten, wie aufwendig Sokolows gefälschte Persona konstruiert war.

Sein Pass wurde von einer Stelle des Innenministeriums ausgegeben, die auch schon jene Agenten des Militär­geheimdienstes GRU ausgestattet hatte, die Skripal vergifteten. Steuer- und Sozialversicherungsnummer basierten ebenso auf falschen Angaben wie der Visumsantrag für die Reise nach Europa. Die dort genannte Firma ist nach Ansicht der Ermittler ein Tarnvehikel des russischen Verteidigungsministeriums, dem auch die GRU untersteht. In der zentralen russischen Datenbank sind Sokolows Angaben mit dem Vermerk gesperrt: «vom Gesetz geschützte Person». Sowohl die Ermittler wie die Experten von Bellingcat glauben, nur staatliche Stellen seien in der Lage, eine Identität derart umfassend zu fälschen.

Etwas länger dauerte es, bis Rechercheure herausfanden, wer Sokolow wirklich ist: Letzte Woche identifizierten sie ihn als Wadim Krassikow, 54 Jahre alt, gebürtiger Kasache. Auf seine Spur hatte sie ein altes Fahndungsbild von Interpol geführt: Krassikow wurde verdächtigt, 2013 in Moskau einen Geschäftsmann getötet zu haben. Wie in Berlin kam der Mörder mit dem Fahrrad, schoss erst auf den Körper, dann in den Kopf. In wunderlicher Weise zog Russland die Suche 2015 zurück, ohne Angabe von Gründen. Zwei Monate später wurde aus Krassikow Sokolow.

Ein «Dienst am Vaterland»

Ermittler und Rechercheure glauben, ein russischer Geheimdienst habe den Auftragskiller damals rekrutiert. Statt als Mörder ins Gefängnis zu gehen, habe man ihm angeboten, sich mit einem «Dienst am Vaterland» reinzuwaschen. Vor kurzem berichtete Bellingcat, Krassikow sei wahrscheinlich ein Veteran der berüchtigten Spezialeinheit Wympel des Inlandgeheimdienstes FSB. Bereits 2007 sei er in einen Mord in Karelien verwickelt gewesen, gemeinsam mit zwei ehemaligen Kameraden.

Seit Krassikow Sokolow ist, sind alle früheren Angaben über ihn aus den russischen Datenbanken gelöscht worden, zum Teil von Hand. In Karelien fehlt im entsprechenden Morddossier jeder Hinweis auf ihn. Selbst alle Angaben zu dessen zweiter Ehefrau wurden getilgt. Auch dies vermöge eigentlich nur der russische Staat, glaubt man in Berlin.

Letzte Woche, 103 Tage nach der Tat, übernahm deshalb der deutsche Generalbundesanwalt die Ermittlungen. Man habe Grund zur Annahme, dass es sich um einen politischen Mord handle, im Auftrag staatlicher russischer oder russisch-tschetschenischer Stellen, teilte die Bundesanwaltschaft mit. Die deutschen Medien sprachen von «russischem Staatsterrorismus auf deutschem Boden». Die Regierung wies als erste Massnahme zwei Diplomaten der russischen Botschaft in Berlin aus. In Wahrheit waren sie hohe Offiziere der Geheimdienste GRU und FSB.

Putin gab vor den Medien zu erkennen, dass er den Tod Changoschwilis für gerechtfertigt hält.

Kanzlerin Angela Merkel sagte: «Wir haben diese Massnahme ergriffen, weil wir nicht gesehen haben, dass Russland uns bei der Aufklärung dieses Mordes unterstützt.» Am Rande des Ukraine-Gipfels in Paris am Montag konfrontierte Merkel den russischen Präsidenten Wladimir Putin mit dem Vorwurf. Putin gab vor den Medien zu erkennen, dass er den Tod Changoschwilis für gerechtfertigt hält – auch wenn Russland natürlich jede Verwicklung im Mordfall abstreitet.

Der Georgier sei ein «Bandit» gewesen, «blutrünstig und brutal», ein «Killer», der bei Anschlägen Dutzende von Menschen getötet habe. Belege dafür legte Putin keine vor. Politisch kam seine Aussage aber einem Geständnis sehr nahe. Am Donnerstag wies Russland seinerseits zwei deutsche Diplomaten aus Moskau aus.

Die Parallelen zum Fall Skripal fallen ins Auge. Im März 2018 hatte ein GRU-Kommando den abtrünnigen GRU-Oberst mit dem Nervenkampfstoff Nowitschok töten wollen. Noch bevor die britische Regierung viele Belege dafür hatte, beschuldigte sie Russland. Westliche Staaten wiesen 146 russische Diplomaten aus, auch Deutschland deren vier. Ermittlungen erhärteten später den Verdacht. Skripals «Verrat» wurde von eigenen Leuten gerächt, Changoschwili hingegen wurde als «Terrorist» getötet – von einem Killer, der von der GRU wahrscheinlich nur beauftragt war.

Unterstützer in Berlin

Als Nächstes wollen die deutschen Ermittler herausfinden, wer Krassikow unterstützt hat. Offensichtlich konnte er auf Leute zählen, die das Opfer ausspähten, die Waffe und das Fahrrad besorgten. Waren GRU-Agenten in Berlin und Warschau? Seit dem Anschlag auf Skripal mehren sich Berichte, dass Russland eine geheime Truppe von Killern unterhält, die in Europa Moskaus Feinde töten. Sollte sich erweisen, dass die GRU-Einheit 29155 am Mord an Changoschwili beteiligt war, wird Berlin scharf reagieren müssen. Nochmals ein paar Botschaftsmitarbeiter auszuweisen, dürfte dann nicht mehr reichen.

Krassikow übrigens ist vor kurzem in eine andere Haftanstalt verlegt worden. Der Bundesnachrichtendienst hatte gewarnt, jemand könnte versuchen, ihn zu töten. Aus Sorge, er verrate seine Auftraggeber doch noch.

Erstellt: 13.12.2019, 13:36 Uhr

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