Morddrohungen gegen den Bischof

Heinrich Bedford-Strohm, der oberste Protestant Deutschlands, wird wegen der geplanten Rettung von Migranten angegriffen.

Theologe Heinrich Bedford-Strohm ist das Gesicht der privaten Seerettungsinitiative, die auf den evangelischen Kirchentag von Dortmund im Juni zurückgeht. Foto: Keystone

Theologe Heinrich Bedford-Strohm ist das Gesicht der privaten Seerettungsinitiative, die auf den evangelischen Kirchentag von Dortmund im Juni zurückgeht. Foto: Keystone

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Heinrich Bedford-Strohm hat mit seinem Vorhaben, ein eigenes Schiff zur Flüchtlingsrettung ins Mittelmeer zu schicken, eine gesellschaftliche Kontroverse losgetreten – mit unabsehbaren Folgen. Er selber hat gerade Morddrohungen von rechter Seite erhalten. Worauf sich Aussenminister Heiko Maas oder Grünen-Politiker Cem Özdemir mit ihm solidarisierten. Der 59-jährige Bedford-Strohm ist nicht nur bayerischer Landesbischof, sondern auch Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD). Also «Chef des grössten Gutmenschenclubs der Republik», wie «Die Zeit» neulich titelte.

Theologe Bedford-Strohm ist das Gesicht der privaten Seerettungsinitiative, die auf den evangelischen Kirchentag von Dortmund im Juni zurückgeht. Die EKD gründete in der Folge das Bündnis United4Rescue und sammelt Spenden, um Ende Januar das Schiff Poseidon aus dem Besitz des Landes Schleswig-Holstein zu kaufen und dann Sea Watch mit Rettungsaktionen im Mittelmeer zu beauftragen. Mittlerweile beteiligen sich 150 Organisationen am Bündnis, das auch schweizerische ins Boot holen will. Zur Freude Bedford-Strohms hat gerade der oberste deutsche Katholik, Kardinal Reinhard Marx, persönlich 50'000 Euro für das Rettungsschiff gespendet.

Bedford-Strohm will es nicht bei politischen Appellen belassen, sondern sich «mit exemplarischem Handeln für Menschen in Not einsetzen», sagte er in den Medien. «Es geht nicht nur um ein Schiff. Es geht darum, die zivile Seenotrettung zu unterstützen, solange die europäischen Staaten ihre Pflicht schuldig bleiben, Menschen zu retten.» Der Vorwurf, durch die Seenotrettung entstehe ein «Pull-Effekt», der immer mehr Menschen zur Flucht über das Mittelmeer animiere, treffe nicht zu.

«Ulrich Körtner stösst sich an der von der evangelischen Kirche kultivierten ‹Moralisierung der Politik›».

Kritik am obersten Protestanten Deutschlands kommt nicht nur von Rechtsaussen. Der Wiener evangelische Professor für Theologie und Ethik, Ulrich Körtner, hält seinem Kollegen vor: «Das Schiff fährt mit defektem Navigationssystem geradewegs in eine Nebelbank hinein.» Denn die Seenotretter rechtfertigten ihr Handeln nicht nur mit der Rettung von Menschen aus unmittelbarer Lebensgefahr, sondern auch damit, dass jeder Mensch das Recht habe, in ein Land seiner Wahl zu flüchten. Was letztlich auf eine Politik der offenen Grenze hinauslaufe und politische Gründe mit moralischen ausheble.

Körtner stösst sich an der von der evangelischen Kirche kultivierten «Moralisierung der Politik». Tatsächlich tut sich Bedford-Strohm, der frühere Professor für Sozialethik, gern als Gesinnungsethiker hervor: Wenn er etwa ein Verbot der organisierten Suizidhilfe fordert oder den Dialog mit dem «menschenverbundenen Islam» anmahnt.

Seit Angela Merkels «Wir schaffen das!» im Herbst 2015 macht sich der Sozialdemokrat zum Parteigänger der Kanzlerin: Im Frühjahr las er in Palermo dem damaligen italienischen Innenminister Matteo Salvini die Leviten. Oder er kritisierte die in Deutschland übliche Glaubensprüfung bei muslimischen Flüchtlingen, die zum Christentum konvertieren. Anders als die Gerichte mag Bedford-Strohm nicht an deren ernst gemeintem Glaubenswechsel zweifeln.

Erstellt: 10.01.2020, 21:02 Uhr

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