Moskau ist auch Paris

Frankreichs Präsident Hollande kann mit einem warmen Empfang im Kreml rechnen. Denn auch Russland befürchtet Anschläge.

Die Russen stehen hinter der Mission in Syrien: Präsident Wladimir Putin. Foto: Alexei Nikolsky (Keystone)

Die Russen stehen hinter der Mission in Syrien: Präsident Wladimir Putin. Foto: Alexei Nikolsky (Keystone)

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Der russische Präsident Wladimir Putin war einer der Ersten, der seinem französischen Amtskollegen nach den Terroranschlägen in Paris vom 13. November die Anteilnahme aussprach. Genauso wie 2001, als Putin nach den Anschlägen des 11. September George W. Bush anrief, um sein Mitgefühl auszudrücken.

Wie heute lagen sich Russland und der Westen auch damals in den Haaren, wegen Rüstungsfragen und dem Krieg in Tschetschenien. Heute geht es um die Ukraine. Trotzdem hatte Putin sich überraschend und ohne Wenn und Aber hinter die Opfer gestellt und seine Solidarität angeboten. «Es ist offensichtlich, dass die ganze internationale Gemeinschaft zusammenstehen muss, um dieses Übel zu bekämpfen», sagte er François Hollande. Danach wechselte der Ton des russischen Fernsehens gegenüber Frankreich abrupt von Kritik auf Sympathie. Wenige Tage später erklärte Putin die Franzosen ungefragt zu Alliierten im Kampf gegen den Terror. Hollande darf in Moskau also mit einem warmen Empfang rechnen.

Streit um Assad

Dabei sind sich Paris und Moskau keineswegs so einig, wie es der Kreml gerne hätte. Frankreich kämpft an der Seite der Amerikaner gegen den IS und verlangt einen sofortigen Abgang des syrischen Diktators Assad, während Moskau auf eigene Faust bombardiert und Gebiete der gemässigten syrischen Opposition ins Visier nimmt; zudem will der Kreml Assad wenigstens mittelfristig an der Macht halten. Der Kreml versucht, diese Differenzen unter dem Deckmantel der Solidarität gegen den Terror zu verwischen, verfolgt aber unbeirrt die eigenen Ziele.

Auch 2001 agierte Moskau nicht immer zur Freude des Westens: So bombardierte Putin getreu der russischen Version des Kriegs gegen den Terror das Pankisital im Nachbarland Georgien. Dort hielten sich Terroristen versteckt, sagten die Russen. Dorthin seien ausgebombte Tschetschenen geflohen, sagte der Westen.

Heute kämpfen bis zu 7000 Mann aus Russland an der Seite der Islamisten in Syrien. Viele von ihnen stammen aus dem Nordkaukasus. Sogar in den oberen Rängen des IS finden sich Tschetschenen und Georgier, die meisten kommen aus genau diesem Pankisital. Der Bekannteste ist Abu Omar al-Shishani (Omar der Tschetschene), der die IS-Milizen im Norden Syriens kommandiert. Die Kaukasier gelten als besonders kampferprobt und skrupellos. Solche Gruppierungen habe der Bomber angegriffen, den die türkische Luftwaffe am Dienstag abgeschossen hatte, erklärte Putin wütend. Terroristen also, «die jeden Augenblick in Russland zuschlagen könnten».

Bisher hatte Putin die Gefahr von Anschlägen in Russland heruntergespielt, um nicht an schlimme Zeiten zu erinnern. In der Metro und in Flugzeugen gingen zu Beginn seiner Präsidentschaft Bomben hoch. 2002 attackierten Selbstmordattentäter das Musicaltheater Nord-Ost, ähnlich wie in Paris das Bataclan. Bei der Geiselnahme in Moskau und der anschliessenden Befreiungsaktion starben damals 130 Menschen.

Noch grausiger war die Massengeiselnahme zwei Jahre später in einer Primarschule in Beslan im Nordkaukasus, bei der 385 Menschen getötet wurden, die meisten von ihnen Kinder. In den 90er-Jahren hatten tschetschenische Kämpfer Hunderte Geiseln in einem Spital und einer Geburtsklinik genommen. Damals habe der Westen nicht halb so viel Mitgefühl gehabt wie mit den Opfern in Paris, beklagen heute viele Russen bitter.

«Wenn etwas Schlimmes in Russland passiert, liegen die Gründe dafür in Russland selber, wenn aber ein Unglück den Westen trifft, sollen wir die Gründe ausserhalb seiner Grenzen suchen», kritisiert der russische Politologe Alexander Baunow.

Der Auszug der nordkaukasischen Kämpfer nach Syrien hat Moskau und dem Nordkaukasus zunächst durchaus Vorteile gebracht. Die Lage hat sich beruhigt. Die Zahl der Zusammenstösse und auch der Todesopfer etwa in Dagestan, der Nachbarrepublik Tschetscheniens, ist die letzten zwei Jahre deutlich gesunken. Russland zeigte sich deshalb zuversichtlich, allfällige Rückkehrer an der Grenze abfangen und ausschalten zu können.

Die Ruhe trügt

Doch nach dem Anschlag auf das russische Passagierflugzeug über dem Sinai und den Attentaten in Paris schwant offenbar auch Putin, dass die Ruhe trügerisch sein dürfte und Russland genauso eine Welle der Gewalt droht wie Europa.

In einem neuen Video droht der IS, dass in Russland «bald, sehr bald» Blut fliessen werde. Der Islamische Staat werde Russland den Kaukasus wegnehmen, sagte ein radikaler Imam aus dem sogenannten IS-Regierungsbezirk Dagestan. «Wir werden euch töten, wir werden euch schlachten, wir werden euch verbrennen.» Die Drohungen haben nicht nur den Kreml aufgeschreckt, sondern auch viele Russen davon überzeugt, dass der Kreml in Syrien keineswegs nur einen fernen Krieg für Assad führt, sondern ganz direkt die Interessen Russlands verteidigt. Nach der anfänglichen Skepsis steht heute eine klare Mehrheit der Russen hinter Putins Intervention in Syrien.

Erstellt: 25.11.2015, 20:25 Uhr

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