«Neue IRA» – ein altes Kürzel verbreitet wieder Angst

Die militante Gruppe übernimmt die Verantwortung für den Tod der nordirischen Journalistin. Und spricht von einem Versehen.

Noch immer hat die IRA in Nordirland ihre Anhänger. Doch der Nachsatz zeigt, dass andere finden, mit der Gruppierung sei es nun mal vorbei. (20. April 2019) Bild: Clodagh Kilcoyne/Reuters

Noch immer hat die IRA in Nordirland ihre Anhänger. Doch der Nachsatz zeigt, dass andere finden, mit der Gruppierung sei es nun mal vorbei. (20. April 2019) Bild: Clodagh Kilcoyne/Reuters

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Eine Nachfolge-Organisation der Irisch-Republikanischen Armee, die sogenannte Neue IRA, hat am Dienstag die Verantwortung für die Tötung der nordirischen Journalistin Lyra McKee übernommen. Der Tod der 29-Jährigen sei ein tragisches Versehen gewesen, hiess es in dem Bekennerschreiben der 2012 gegründeten Gruppe; man entschuldige sich bei ihren Freunden und ihrer Familie.

Allerdings war in dem Schreiben, das an die Irish News ging, auch zu lesen, dass die Kugeln, die am Abend des 18. April bei Ausschreitungen am Rande einer Hausdurchsuchung im Ortsteil Creggan in der nordirischen Stadt Londonderry/Derry abgefeuert worden waren, eigentlich Polizeibeamten gegolten hätten; man habe die Freiwilligen, die sich den Polizeimassnahmen widersetzten, angewiesen, mit äusserster Vorsicht im Kampf gegen «den Feind» vorzugehen. Dabei sei McKee versehentlich getroffen worden.

Die Entschuldigung der Neuen IRA, einer paramilitärischen Splittergruppe, die auch nach dem Ende des Bürgerkriegs weiter mit Gewalt für eine Wiedervereinigung der Republik Irland mit dem Nordteil der Insel kämpft, ist daher in den Augen vieler Iren nicht das Papier wert, auf dem sie steht. Die irische Historikerin Ruth Dudley Edwards sagte am Morgen in der BBC empört, dies sei die «übliche Heuchelei» der Terroristen, denen der Tod einer Unbeteiligten nach eigenen Angaben leidtue. Hätte es aber Polizeibeamte getroffen, «hätten alle gefeiert». Offenbar sei Nordirland dazu verdammt, dass Männer in Uniformen Waffen in die Hand nähmen und Morde rechtfertigten.

Tatsächlich kann, auch 21 Jahre nach dem Karfreitagsabkommen, das den 30 Jahre währenden Bürgerkrieg in Nordirland formell beendete, von Frieden keine Rede sein. Das hat nicht erst McKees Tötung gezeigt. Paramilitärs der IRA, die mit Terror und Gewalt den Abzug der Briten aus Nordirland und die Wiedervereinigung der 1920 geteilten Insel erzwingen wollten, hatten 2005, sieben Jahre nach dem Friedensabkommen, das Ende der bewaffneten Kampagne erklärt. Man werde die Waffen abgeben und von nun an den Kampf für ein vereintes Irland nur noch mit politischen und demokratischen Mitteln führen.

Splittergruppen der IRA

Dennoch bildeten sich aus Überresten der alten Terrortruppe und neuen Kämpfern mehrere kleine Gruppierungen, unter anderem die Real IRA und die Continuity IRA, die weiterhin Waffenlager anlegten, Bomben zündeten, Polizeiwachen und Gerichte angriffen. Sie finanzierten sich nach Angaben der PSNI, der nordirischen Polizei, unter anderem durch Drogenhandel und Kleinkriminalität.

Es gab, auch nach dem Karfreitagsabkommen, immer wieder grössere Anschläge mit Toten und Verletzten. Zahlreiche Attentate konnten von nordirischen Polizeikräften aber auch verhindert werden; der Geheimdienst unterwanderte die Splittergruppen, sodass die Real IRA sich Ende der Nullerjahre auflöste.

Die, die weiterkämpfen wollten, fusionierten vor etwa sieben Jahren zur Neuen IRA. Diese brüstet sich nun mit dem Kampf gegen «schwer bewaffnete britische Polizeikräfte», welche die Ausschreitungen in Derry (das die Briten Londonderry nennen) «provoziert» hätten. Die radikale Gruppe gilt als neue und ideologisch hochmotivierte Nachfolge-Organisation der alten IRA. Sie besteht aus Dissidenten, die das Niederlegen der Waffen und den friedlichen Kampf als wirkungslos verurteilen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 23.04.2019, 22:24 Uhr

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