Noch ist Polen nicht verloren

Markus Somm über ein tapferes Land.

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Eine meiner ersten wissenschaftlichen Arbeiten schrieb ich über die polnischen Flüchtlinge, die im 19. Jahrhundert in der Schweiz Asyl erhielten. Es handelte sich um Handwerker, Grafen, Studenten, Militärs und andere mutige Querulanten, die sich 1830/31 und 1863 gegen die Herrschaft der Russen in ihrer Heimat erhoben hatten. Ein ­unabhängiges Polen gab es zu jener Zeit nicht. Beide Aufstände scheiterten grandios, die Russen schlugen sie nieder – 1863 unter freundlicher Mithilfe der Preussen –, und Hunderte von Rebellen ergriffen die Flucht, viele gelangten nach Amerika, andere nach England, sehr viele aber kamen in die Schweiz, dem damals liberalsten Staat auf dem Kontinent. Trotzdem hatten sie es nicht einfach in unserem Land. Zuerst besonders von den Freisinnigen stürmisch begrüsst, weil diese in den Polen Verbündete im Geiste gegen die Konservativen sahen, stellte sich bald Ernüchterung ein: Die Polen wirkten anders als die Schweizer.

Standen vielleicht etwas weniger früh auf am Morgen, redeten viel und arbeiteten weniger, wobei die Schweizer das auch nicht unbedingt wünschten – und es ihnen dennoch vorhielten. Manche, besonders die Adligen unter den Polen, stellten sich als hervorragende Tänzer heraus, was den Schweizerinnen gefiel, während die männlichen Schweizer sich umso grollender über die polnische Asyl­frage im Allgemeinen enervierten. Sie kosteten auch Geld – und in einem zutiefst protestantisch-bürgerlichen Land, wo Sparsamkeit die wichtigste politische Kategorie war, gab das am Ende den Ausschlag. Trotz der Begeisterung für die polnischen Helden sorgte man dafür, dass die meisten wieder abreisten – zurück in ihr unfreies, unglückliches Land.

An die Polen musste ich am 1. August denken. Während wir an diesem Tag auf eine sehr lange Geschichte der Freiheit, der Unabhängigkeit und des Friedens zurückblicken, erinnern sich die Polen am gleichen Tag an ihre Vergangenheit – eine Abfolge von unterdrückten Rebellionen, Niederlagen, Tragödien und Völkermord. Jeden 1. August kommt das ganze Land um 17 Uhr zur Ruhe, alles schweigt, und Sirenen dröhnen, als ob es darum ginge, Soldaten zu den Waffen zu rufen. Damit wird des Aufstandes von Warschau gedacht, der am 1. August 1944, vor 75 Jahren, ausgebrochen war. 45'000 Polen kämpften wie Löwen, um ein brutales Besatzungsregime zu vertreiben. Hitler, der Diktator, warf ihnen 40'000 Soldaten der Wehrmacht entgegen, obwohl Deutschland den Krieg faktisch verloren hatte. Nach 63 Tagen kapitulierten die Polen – die meisten wurden erschossen, und Warschau, einst eine der schönsten Städte Europas, wurde dem Erdboden gleichgemacht. Wer heute die polnische Hauptstadt besucht, findet kaum mehr ein altes Haus oder eine alte Kirche, nicht einmal einen alten Grabstein. Nichts blieb übrig. Alles löschten die Nazis aus. Heiko Maas, der aktuelle deutsche Aussenminister, fuhr dieser Tage nach Warschau, um an den ­Gedenkfeierlichkeiten teilzunehmen. Er schäme sich dafür, was die Deutschen den Polen angetan hätten, sagte er.

Ein freies Polen?

Ähnliche Entschuldigungen wären auch von anderer Seite fällig, aber werden wohl kaum je zu hören sein: Am 1. August 1944 standen die Russen unmittelbar vor Warschau, es wäre für sie ein Leichtes gewesen, die ­Deutschen anzugreifen und die Polen zu unterstützen, was militärisch gesehen zweifellos Sinn gemacht hätte. Doch ­Stalin, der kommunistische Diktator, hielt seine Truppen ­zurück und wartete ungerührt ab, bis die Deutschen die Polen massakriert hatten. Ein freies Polen? Daran hatte Stalin kein Interesse. Es wiederholte sich die Geschichte: Als Hitler 1939 Polen überfallen hatte, waren wenig später russische Truppen von Osten her in Polen eingerückt, was einer geheimen Vereinbarung zwischen Hitler und Stalin entsprach. Den ahnungslosen Polen brach dies das Genick. Erst jetzt floh ihre Regierung ins Exil nach London. Keine fünf Jahre später wurden sie von den Russen, die inzwischen die Seite gewechselt hatten, erneut verraten. Der Westen schwieg – aus Rücksicht auf Stalin, den ­wichtigen, ungeliebten Verbündeten.

Wenn die Polen heute eine nationalistische Partei in die Regierung wählen und im Gegensatz zu den Deutschen an ihrem Nationalstaat hängen, dann liegt das an solchen Erfahrungen. Umso ungerechter und blasierter wirken jene Westeuropäer, die über die oft so konservativen Polen die Nase rümpfen. «Noch ist Polen nicht verloren!», riefen die Aufständischen im 19. Jahrhundert tapfer, als sie in die Schweiz kamen. Bald sagten sie es leiser. Niemand wollte es mehr hören.

Markus Somm ist Autor der SonntagsZeitung.



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Erstellt: 03.08.2019, 22:56 Uhr

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