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Notfalls werden die Bancomaten gesperrt

Niemand kann den Super-GAU mehr ausschliessen: Die morgigen Wahlen in Griechenland entscheiden über das weitere Schicksal der EU. Die Angst vor den Ergebnissen ist gross.

Furcht vor dem grossen Bankenrun: Ein zerstörter Geldautomat in Athen. (Archivbild)
Furcht vor dem grossen Bankenrun: Ein zerstörter Geldautomat in Athen. (Archivbild)
AFP

Das Schreckensszenario: Niemand will jetzt zu spät kommen. Es ist in den Tagen nach der Schicksalswahl, und die Hoffnung hat sich endgültig zerschlagen, dass Griechenland bald eine handlungsfähige Regierung haben wird, die den Sparkurs weiterführen kann.

Wenn am frühen Morgen die Schalter öffnen, werden sich Hunderte vor den Glastüren der Bankfilialen drängen. Es wird Rangeleien geben und Türen werden eingedrückt werden. Kunden bedrohen Bankangestellte, es kommt zu Prügeleien. Jeder will jetzt seine Euro in Sicherheit bringen.

Es ist dieses Szenario, das den Krisenmanagern am Vorabend der Wahlwiederholung in Griechenland Sorgen macht. Für die Panik reicht das Gerücht, dass die europäischen Geldgeber ihre Zahlungen einstellen und dass die Rückkehr zur Drachme droht, der alten Währung ohne viel Wert. Das Szenario dürfte im Zusammenbruch der griechischen Banken münden. Am Ende des Tages würde ein Land im Chaos versinken, und in den Städten könnte es zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen kommen.

Ein Gleichgewicht des Schreckens

Ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone sei keine Option, lautet zwar immer noch die offizielle Sprachregelung der Krisenmanager. Ein Verbleib bei der gemeinsamen Währung sei besser für Griechenland und die anderen Euroländer. Anders als noch vor einigen Monaten will heute aber niemand mehr ausschliessen, dass es am Ende anders kommt.

Ein Rauswurf der Griechen gilt aber nach wie vor als unwahrscheinlich. Ohnehin gibt es dafür keine rechtliche Grundlage. Selbst wenn in Athen die linksradikalen Spargegner die Wahlen gewinnen, dürften die Euroländer versuchen, mit den Griechen im Gespräch zu bleiben. Dabei könnten sie den Fahrplan etwas lockern und vielleicht neue Gelder für Wachstumsimpulse in Aussicht stellen. Damit wäre immerhin etwas Zeit gewonnen.

Bankensturm und Börsensturz

Zwischen den Griechen und ihren europäischen Partnern herrscht zurzeit eine Art Gleichgewicht des Schreckens. Es gibt zwar Experten und Politiker, die inzwischen einen Austritt für die Eurozone verkraftbar und für Griechenland wünschenswert halten. Doch es gibt mindestens so viele Beobachter und Beteiligte, die vor diesem Szenario eindringlich warnen. Es ist tatsächlich schwer vorstellbar, wie die demoralisierten Griechen mit einer neuen, entwerteten Währung, der alten Schuldenlast in Euro und ohne nennenswerte Exportwirtschaft plötzlich wettbewerbsfähig werden sollen.

Das Problem ist, dass niemand es so genau weiss und der Schaden nicht wiedergutzumachen wäre, wenn es schiefgeht. Deshalb ist die grösste Sorge der Euroretter ein unkontrollierter Austritt Griechenlands, etwa nach einem Sturm auf die Banken. Bei einer Eskalation nach der Wahl könnte die Krise schnell ausser Kontrolle geraten. Die Bilder vom Run auf die Banken in Griechenland dürften weltweit für Unruhe sorgen, die Börsen würden einbrechen.

«Keine Drehbücher für Katastrophenfilme»

Angst macht vor allem die Ansteckungsgefahr. Spanier, Portugiesen oder Italiener könnten es den Griechen nachmachen und alles daran setzen, ihre Ersparnisse zu retten. Dies wäre eine Dynamik, die zum GAU beziehungsweise zum Ende der Eurozone führen könnte. Gerüchte über Notfallplanungen der Krisenmanager tragen nicht zur Beruhigung bei. Demnach gibt es bei den Experten der Euroländer Überlegungen, vorübergehend den Bargeldbezug in Griechenland oder an den Bancomaten in weiteren Euroländern einschränken.

So könnte verhindert werden, dass die Griechen vor der Einführung einer neuen Währung ihre Euro abheben beziehungsweise ein massiver Geldabfluss auch spanische und italienische Banken in die Pleite treibt. Kapitalverkehrskontrollen an den Grenzen und im Zahlungsverkehr sind weitere Optionen, um Kapitalflucht einzudämmen. Die EU könnte das Schengener Abkommen mit Griechenland suspendieren und die Reisefreiheit einschränken. In Brüssel wurden die Gerüchte über Notfallplanungen in den Tagen vor der Schicksalswahl in Griechenland relativiert. Die EU-Kommission erstelle keine «Drehbücher für Katastrophenfilme». Und ein Austritt Griechenlands aus dem Euro sei rein «spekulativ».

Nord-Süd-Graben wird tiefer

Scheinbar unbeeindruckt von den Untergangszenarien arbeiten die Krisenmanager mit Blick auf den EU-Gipfel am 28. Juni an einem grossen Plan, um die Eurozone zu stabilisieren. Die Kluft zwischen kurzfristigen Gefahren und langfristig angelegten Plänen wird dabei immer grösser, der Graben zwischen den Nordländern um Deutschland und den Südeuropäern um Frankreich tiefer. Die Deutschen fürchten überhaupt um ihr Geld, mit dem jetzt nicht mehr nur andere Staaten, sondern auch Banken in anderen Ländern gerettet werden sollen.

Der Norden will deshalb die EU-Kommission als Kontrolleurin über die Schuldensünder im Süden und drängt auf Souveränitätsverzicht. Der Süden sträubt sich, appelliert an die Solidarität, will Lastenteilung über Schuldscheinen mit gemeinsamer Haftung. In einigen Regierungszentralen macht sich Resignation breit. Die Krisenmanager fühlen sich gehetzt, von den Finanzmärkten missverstanden. Immer neue Rettungsmassnahmen müssen immer schneller beschlossen werden, auch gegen wachsende Bedenken in den eigenen Reihen. Und gleichzeitig verpuffen Aktionen wie zuletzt die Hilfszusage für Spaniens Banken über 100 Milliarden Euro immer schneller. Die Euroretter drohen den Wettlauf mit den Finanzmärkten zu verlieren.

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