«Noch nie geschah einem von uns etwas so Entsetzliches»

Die Ermordung von Daphne Galizia in Malta ist ein brutaler Rückschlag für den Journalismus.

Das Vertrauen in die Regierung ist weg: Gedenkschrift für Daphne Galizia. Foto: Darrin Zammit Lupi (Reuters)

Das Vertrauen in die Regierung ist weg: Gedenkschrift für Daphne Galizia. Foto: Darrin Zammit Lupi (Reuters)

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«Ich schaute runter, und da lagen die Körperteile meiner Mutter um mich herum», schrieb Matthew gestern Morgen auf seiner Facebook-Seite. Matthew Galizia, das ist ein guter Kollege von mir. Er hat mir noch vor kurzem gemailt, wir haben uns mehrfach getroffen und zusammen mit vielen anderen Journalisten an Artikeln gearbeitet, zum Beispiel an den Panama Papers. Matthews Mutter ist die Journalistin Daphne Galizia. Sie enthüllte jahrelang die Korruption der Eliten in Malta. Gestern wurde sie mit einer Autobombe ermordet. Matthew war einer der Ersten am Wrack.

Für uns alle, die wir mit Matthew gearbeitet haben, ist es ein Schock, zu erleben, wie nah die Gewalt plötzlich an einen heranrückt. Dass sie nicht mehr in einer Drogenhochburg in Kolumbien stattfindet, sondern 60 Flugminuten von hier, bei einem Kollegen, der am selben Thema recherchiert wie wir.

«Entsetzlicher Effekt auf Journalisten»

Noch unheimlicher wirkte auf mich aber die Stimme eines anderen Kollegen in Malta, den ich gestern Morgen anrief, um ihn nach den Umständen des Attentats zu fragen. Dieser Kollege hatte schlicht Angst. Er wollte sich nicht mehr namentlich äussern. Er verhielt sich fast wie ein Zeuge in einem Drogenprozess – obwohl er ein normaler Reporter ist, in einem Land in der EU, wo die Pressefreiheit fest verankert ist. Diese Angst ist es, die so gefährlich ist.

Mark Wood, Chefredaktor der «Sunday Times» von Malta, erklärte es gestern am Telefon: «Das Attentat hat einen entsetzlichen Effekt auf unsere Journalisten. Es gibt zwar viel Entschlossenheit, gegen das System anzukämpfen, aber es gibt auch viel Angst, speziell bei den Kollegen, die versuchen, die Korruption aufzudecken.»

Der Tatort: Hier wurde Daphne Caruana Galizia getötet. Video: Tamedia, Storyful

Matthew arbeitet für das International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ), bei dem auch die Recherchegruppe von Tagesanzeiger.ch/Newsnet dabei ist. Wir erhielten in den vergangenen Jahren mehrfach Meldungen aus Washington, dass einer von uns im Gefängnis sitzt, eine Kollegin aus Aserbeidschan etwa. Viele mussten sich bei der Recherche schützen. Genutzt wurden nur verschlüsselte E-Mails und Internettelefonie, die man kaum abhören kann. Aber noch nie geschah einem von uns etwas derart Entsetzliches. Und so war es gestern spürbar, wie die Journalisten des Konsortiums versuchten, gegen die Angst anzukämpfen, und sich Mut machten.

Für manche gehört Gewalt zum Alltag

Nach dem Attentat strömten die Mails an Matthew und das Team in unsere Postfächer. Unter den Ersten, die kondolierten, waren die Kollegen aus Südamerika und Russland, die Gewalt gegen Medien aus erster Hand kennen. «Keine Worte», schrieb der Reporter aus Kolumbien. «Support from Lima» schickte der Kollege aus Peru. Die Journalisten aus Mexiko, Ecuador, Russland und Honduras stimmten ein. Der Ungar, dessen Zeitung unter massivstem Druck der Regierung Orban steht, schreibt: «Ich kann nicht glauben, dass das in einem EU-Land passieren kann.»

Über 90 Mails kamen so innert Stunden zusammen. Es schrieben Journalisten aus über 50 Ländern, von Ägypten über Japan bis Australien und Südafrika. «Ich kenne diesen Schmerz», schrieb die Kollegin aus Sri Lanka. Sie habe Attentate in ihrem Land erlebt. Die Korruptionsexperten aus Osteuropa, die ebenfalls schon Opfer von Gewalt wurden, gaben derweil konkrete Hinweise, wie man nun zu recherchieren habe, damit dieser Fall nicht einfach in den Akten verstaubt. Alle sind sich einig: Den Tätern muss klar werden, dass es eine Menge Aufmerksamkeit gibt, wenn man eine Journalistin ermordet. Dass die Welt hinschaut und dafür sorgt, dass so lange ermittelt wird, bis die Hintermänner demaskiert sind. Nur so greift die Abschreckung. Sie alleine kann anderen Kollegen das Leben retten.

Matthew Galizia bleiben nur die Trauer und die Wut. Er fühlt sich ohnmächtig angesichts der Untätigkeit der Behörden. So zitiert er einen Facebook-Eintrag eines Polizisten, über den seine Mutter berichtete. Dieser schrieb nach dem Attentat: «Jeder kriegt, was er verdient.»

Erstellt: 17.10.2017, 19:38 Uhr

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