Sie geben den missbrauchten Mädchen eine Stimme

Zwei Frauen in Frankreich machen öffentlich, wie sie in der Kulturwelt sexuell belästigt wurden. Das ändert den Blick auf gefeierte Künstler.

Sie gibt dem missbrauchten Mädchen, das sie einst war, eine Stimme: Die Verlegerin Vanessa Springora. Foto: Jean-Francois (Leemage)

Sie gibt dem missbrauchten Mädchen, das sie einst war, eine Stimme: Die Verlegerin Vanessa Springora. Foto: Jean-Francois (Leemage)

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Das Buch, in dem Vanessa Springora ihre Wahrheit erzählt, ist in Frankreich noch nicht einmal seit zwei Wochen auf dem Markt und schon überall ausverkauft. Springora beschreibt, wie sie Ende der Achtzigerjahre als 14-jähriges Mädchen dem gefeierten Schriftsteller Gabriel Matzneff begegnet. Und wie der damals 50-jährige Autor das Kind zu seiner Liebhaberin macht. «Le Consentement» heisst Springoras Werk, die Einwilligung. Zu einem anderen Zeitpunkt wäre dem Buch wohl das Label «Skandalroman» verpasst worden. Nur dass es Springora nicht um den Skandal geht, sondern darum, skandalöse Zustände zu beenden.

Springoras Buch enthüllt nichts, was Frankreichs Verleger, Leser und Journalisten nicht schon seit Jahrzehnten wüssten. Matzneff selbst machte aus seinen pädophilen Obsessionen nicht nur kein Geheimnis, er machte sie zur Basis seines Erfolgs. Seine Bücher kreisen immer wieder um ein Thema: Matzneff, der elfjährigen Jungen und jungfräulichen Mädchen dabei hilft, so seine Weltsicht, ihre Sexualität zu entdecken. 1974 veröffentlichte er «Les moins de seize ans» («Die unter 16-Jährigen»), einen Essay, in dem er Kinder zum «dritten Geschlecht» erklärte. Für sich selbst erfand er den Begriff des «Philopäden».

Die Frage, die das Buch ins Zentrum rückt, stellt Springora selbst: «Warum begegnen wir Künstlern mit solcher Toleranz?»

Springoras Buch ist ein Dokument des Sinneswandels. Es zeigt, wie sehr sich die Kriterien verändert haben, nach denen Frankreichs Autoren und Künstler Triebe und Lust untersuchen. Es geht nicht mehr nur um den Bruch des Tabus, sondern auch um den Preis des Tabubruchs.

Auf knapp 200 Seiten gibt Springora in «Le Consentement» dem jungen Mädchen, das von Matzneff damals wie eine Trophäe durch die Welt geführt wurde, eine Stimme. Springora beschreibt ihre jugendliche Lust, ihre Einsamkeit und Selbstzweifel, ihr Bedürfnis nach Liebe und Anerkennung. Die Abwesenheit des Vaters. All die Umstände, die sie zu einem «zustimmenden Opfer» machten. Die Frage, die das Buch ins Zentrum rückt, stellt Springora selbst: «Warum begegnen wir Künstlern mit solcher Toleranz?»

Deneuves Zwischenruf verhallte

Doch wurde für genau diese Enthebung des Künstlers in Frankreich nicht bislang gekämpft? Als 2017 die Ära #MeToo begann, unterzeichnete die Schauspielerin Catherine Deneuve einen offenen Brief, in dem sie für Männer «das Recht, lästig zu sein» einforderte. Obacht, mahnte die Grande Dame der Erotik, Prüderie! Als wäre #MeToo eine Welle der Sexfeindlichkeit, gegen die das freigeistige Frankreich einen Damm errichten müsse. Grosse Namen verstellen manchmal den Blick auf grosse Veränderungen – Deneuves Zwischenruf verhallte. Stattdessen diskutiert Frankreich zwei Jahre später so intensiv über sexuelle Gewalt gegen Frauen wie kaum ein anderes Land in Europa.

Doch sucht man nach dem einen grossen #MeToo-Moment in Frankreich, dann muss man sich das Videointerview anschauen, das die Schauspielerin Adèle Haenel Anfang November 2019 dem Nachrichtenportal «Mediapart» gegeben hat.

2019 hätte für Haenel einfach das Jahr werden können, in dem sie endgültig zum Star wird. Sie ist bei den Filmfestspielen in Cannes mit drei Filmen vertreten. Schon 2014 und 2015 wurde sie jeweils mit dem César ausgezeichnet. Doch im November lässt Haenel sich nicht als gefeierte Schauspielerin befragen, sondern als Opfer sexueller Belästigung. Sie war zwölf Jahre alt, als sie in ihrem ersten grossen Spielfilm «Les Diables» («Die Teufel») mitspielte. Haenel machte öffentlich, dass der Regisseur des Films, Christophe Ruggia, sie jahrelang bedrängte. Drei Jahre lang, von 2001 bis 2004, habe er sich beinah jedes Wochenende mit ihr getroffen und dafür gesorgt, dass er mit ihr allein ist. Ihre Begegnungen seien jedes Mal gleich abgelaufen. Er habe sie gestreichelt und versucht, sie zu küssen, sie sei aufgestanden, vor ihm geflohen und habe sich eine Ecke im Zimmer gesucht, in der er ihr nicht mehr zu nah kommen konnte. «Ich kann es nicht mehr hören, dass man mir sagt, er habe mich entdeckt», sagt Haenel, «er hat mich zerstört.» Ruggia war 36, als die Übergriffe begannen, Haenel war 15, als sie endeten.

Haenel fürchtet, die Justiz würde sie zu wenig schützen

Haenel hat sich selbst jede Frage gestellt, die nun ihre Kritiker aufwerfen. Warum macht sie die Vorwürfe erst so spät öffentlich? Warum erhebt sie keine Anklage? Warum muss man über so einen alten Vorfall überhaupt reden? Ihre Antworten lauten: Weil sie selbst Jahre gebraucht hat, um zu verstehen, dass sie nicht mitschuldig ist. Und weil sie erfahren hat, dass Ruggia einen neuen Film mit Kinderdarstellern plant, deren Charaktere dieselben Namen tragen sollen wie sie und ihr Filmpartner damals in «Les Diables».

Sie zögert, vor Gericht zu ziehen, weil sie glaubt, dass das französische Justizsystem Opfer von sexueller Gewalt nicht genug unterstützt und schützt. Sie will ihre Vorwürfe öffentlich machen, weil sie verstanden hat, dass es nicht nur um ihren Fall geht, sondern um alle anderen Frauen und auch Kinder, die missbraucht werden, um die Lust mächtiger Männer zu befriedigen.

«Was wiegt schon das Leben einer anonymen Jugendlichen gegenüber dem literarischen Werk eines höheren Wesens?»

Springoras Buch und Haenels Vorwürfe hatten Folgen. Die Pariser Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Matzneff wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger, die Verlage gehen auf Abstand und nehmen seine Bücher aus dem Programm, das Kulturministerium überprüft, ob es ihm noch weiter sein Stipendium zahlen wird. Ruggia wurde inzwischen von Haenel angezeigt. Beide Männer streiten ab, Grenzen überschritten zu haben. Matzneff sagt, Springora negiere «die grosse Liebe ihrer Jugend».

Doch die Folgen beschränken sich nicht auf Matzneff und Ruggia. Weder bleibt in Frankreichs aktuellen Debatten der Eindruck, dass die beiden Monster zwischen Unschuldigen seien, noch wirken Springora und Haenel wie zwei Frauen auf Rachefeldzug. In Gesprächen über ihr Buch klagt Springora weniger Matzneff an als «die Verlogenheit» all derjenigen, die Bescheid wussten. Springora ist heute selber Verlegerin. Sie leitet ausgerechnet das Haus Julliard, das einen von Matzneffs Lobgesängen auf die Pädophilie herausbrachte.

«Als Verlegerin verstehe ich nicht», schreibt Springora in ihrem Buch, warum es möglich war, dass Matzneff persönliche Briefe, die sie ihm als Kind geschrieben hat, in seinen Werken veröffentlichte, ohne dass sich irgendjemand darum geschert habe, ihre Persönlichkeitsrechte zu schützen. «Aber», so Springora weiter, «was wiegt schon das Leben einer anonymen Jugendlichen gegenüber dem literarischen Werk eines höheren Wesens?»

Kritik antizipiert

Beide Frauen antizipieren genau die Kritik, die ihnen nun entgegenschlägt. Sie würden Werk und Künstler nicht ausreichend trennen. Sie würden eine Kultur der Zensur befördern. «In den Siebziger- und Achtzigerjahren war Literatur wichtiger als Moral, heute ist die Moral wichtiger als die Literatur», schreibt der Kulturjournalist Bernard Pivot auf Twitter. Pivot lud Matzneff fünfmal in seine Talkshow «Apostrophes» ein. Schaut man heute die Beiträge von früher, entsteht nicht der Eindruck, es gehe in erster Linie um Literatur. So fragte Pivot in einer Sendung 1990, warum Matzneff «junge Miezen» sammle. Der Literat erklärte, volljährige Frauen seien schon «zu verhärtet», Mädchen seien «viel lieber» und würden erst ab 18 «sehr hysterisch».

Springora kontert ihre Kritiker, die um die Freiheit der Literatur fürchten, in dem sie Vladimir Nabokovs «Lolita» verteidigt. Das Werk sei «alles, nur keine Entschuldigung der Pädophilie», schreibt sie. Nicht der Roman sei das Problem, sondern eine Gesellschaft, die nicht erkennt, dass Nabokov in «Lolita» den Blick eines Verbrechers auf ein Mädchen beschreibt. Eine Gesellschaft, die den Blick des Vergewaltigers übernimmt und Lolita zum Synonym des verführerischen Mädchens erklärt, das dem Mann keine Wahl gelassen habe.

Raus aus der Welt der Kunst

Schaut man mit den Augen der jungen Mädchen auf die Situation, ändert sich alles. Auch die Einsicht, wer sich eigentlich wie zum Künstler erklären kann. Springora beschreibt, wie sie schon als Kleinkind begann, mit Tesafilm und Pappe Bücher zu basteln, wie sie davon träumte, Schriftstellerin zu werden. Haenel wollte auf die Bühne, seit sie denken kann.

Beide Frauen erleben dasselbe: Das Milieu, nach dem sie sich sehnen, nimmt sie auf. Nur finden sie dort zunächst keinen Platz als Künstlerinnen, sondern als Objekt der Begierde des Künstlers. Sowohl Springora als auch Haenel sehen zunächst nur einen Ausweg: raus aus der Welt der Bücher, der Filme. Es dauerte Jahre, bis sie sich wieder trauten, einen neuen, eigenen Zugang zur Kunst aufzubauen.

Erstellt: 21.01.2020, 16:36 Uhr

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Der Fall Matzneff

In Frankreich vergeht kaum ein Tag, an dem nicht neue Details zur möglicherweise pädosexuellen Vergangenheit des heute 83-jährigen Schriftstellers Gabriel Matzneff
die Schlagzeilen beherrschen. Diese Woche berichtete das Nachrichtenmagazin «Le Point», dass die Polizei Matzneff schon in den Achtzigerjahren im Visier hatte. Die Ermittlungen wurden dann aber eingestellt. Das Magazin wirft die Frage auf, ob der Literat damals ungerechtfertigt politischen Schutz genoss. Matzneff fühlt sich selbst «ungerecht und exzessiv» angegriffen, wie «Le Monde» berichtet. (red)

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