Psychoterror im Dschungel

Der deutsche Sektenguru Arno W. machte seine Anhänger gefügig und missbrauchte deren Töchter. Eine von ihnen erzählt von der Tortur – und ist empört, dass Arno W. nicht bestraft wird.

Auf einer Ranch im tropischen Urwald von Belize lebte die Sekte jahrelang weitgehend abgeschnitten von der Aussenwelt. Foto: Gabbro, Alamy

Auf einer Ranch im tropischen Urwald von Belize lebte die Sekte jahrelang weitgehend abgeschnitten von der Aussenwelt. Foto: Gabbro, Alamy

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Nach ihrer spektakulären Flucht aus der Lichtoase-Sekte in Belize, Zentralamerika, hat die junge Schweizerin Lea Laasner den Guru Arno W. wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt. Kurz vor dem Prozess in Deutschland tauchte der Sektenführer ab. Deutsche Fahnder spürten ihn nach achtjähriger Flucht letztes Jahr in Uruguay auf, er wurde in Montevideo in U-Haft gesetzt. Nun entschieden die Justizbehörden, Arno W. nicht auszuliefern, weil die Taten nach den Gesetzen von Uruguay verjährt seien. Für die missbrauchten Sektenopfer ein Schlag ins Gesicht.

Zu ihnen gehört auch Katharina Meredith, die wie Lea von ihren Eltern nach Belize verschleppt wurde und 10 Jahre lang abgeschottet von der Wirklichkeit aufwuchs. Auch sie wurde von Arno W. sexuell missbraucht und kämpft noch heute mit den Folgen der traumatischen Sektenerfahrung, wie sie im folgenden Text schreibt:

Die Nachricht, dass Arno W. ohne Prozess davonkommt, vibriert durch meinen ganzen Körper. Die jahrelange psychische und sexuelle Pein wird nicht gesühnt. Er missbrauchte Lea und mich, er verkuppelte andere Jugendliche mit Sektenmitgliedern.

Ich war 11 Jahre alt, als der Albtraum losging. Erst küsste er mich, dann musste ich bei ihm übernachten. Eine besondere Ehre für mich, ein Ritual, das meine spirituelle Entwicklung beschleunigen sollte. Ich schloss vor Panik kein Auge. Am andern Morgen machte er sich lustig über mich, weil ich ganz an den Rand der Matratze geflüchtet und fast von der Bettkante gefallen war.

Als ich 15 war, gab es kein Entrinnen mehr. Ich musste mich fügen. Wir lebten in Belize fernab der Zivilisation, meine Eltern waren Komplizen des Gurus, und wir hatten keinen Kontakt nach aussen. Etwa die Hälfte der Männer schlief mit Jugendlichen unter 18, und die anderen Erwachsenen hielten den Mund. Ihnen wurde eingetrichtert, wir Jugendliche würden freiwillig mitmachen. Deshalb empfanden sie die Übergriffe nicht als Vergewaltigung. Ausserdem galten wir ausgewählte Kinder als reife Seelen und wurden wie Erwachsene behandelt.

Ich selbst suchte die Schuld oft bei mir, schliesslich hatte ich nicht ausdrücklich Nein gesagt, mich nicht wirklich gewehrt. Heute weiss ich, dass ich in der Falle sass und gar nicht Nein sagen konnte.

Durchsagen aus kosmischen Sphären

Mein Verhängnis begann 1992. Ich war 10, wir lebten in Niederbayern. Die Beziehung meiner Eltern kriselte, was beim Stress mit zwei Kindern und einer eigenen Firma nicht überraschte. Trotzdem hatten sie sich stets liebevoll um uns gekümmert. Auf der Suche nach einem neuen Lebenssinn schleppte meine Mutter den Vater zu einem esoterischen Wochenendseminar nach Berlin. Beide waren hin und weg von Julie R., die im Auftrag von Arno W. spirituelle Durchsagen von einem angeblichen Geistwesen aus den kosmischen Sphären empfing. Ein paar Monate später liessen wir alles hinter uns und zogen Knall auf Fall in die Kommune von Arno W. nach Österreich. Alle Mitglieder wurden genötigt, ihr gesamtes Vermögen abzugeben.

Wir wurden in unserem neuen Zuhause mit sieben andern Kinder in ein Zimmer gepfercht und von fremden Erwachsenen betreut. Der Kontakt zu den Eltern wurde unterbunden, was zum Indoktrinationsprogramm gehörte. Wir sollten verunsichert und entwurzelt werden, was der Überanpassung diente. Ich durfte nie zu Mama, um mich trösten zu lassen. Statt Lob und Aufmerksamkeit gab es ständig Kritik. Von uns wurde verlangt, stets gut drauf zu sein, schliesslich waren wir die geistige Elite auf dem Weg zum höheren Selbst. Das war eine Art Psychofolter, die mich als Jugendliche vermutlich stärker traumatisierte als die sexuellen Übergriffe. In der Erinnerung schmerzten mich diese Isolation in der Gruppe, der Psychoterror und die emotionale Kälte jedenfalls mehr.

Heute denke ich manchmal, dass es einfacher gewesen wäre, wenn ich meine Eltern wirklich verloren hätte. Sie waren zwar physisch da, ich durfte aber keine Beziehung zu ihnen pflegen. Sie mussten mich von einem Tag auf den andern wie eine Fremde behandeln und von sich stossen. Zärtlichkeit sollten wir von den zugeteilten Kuschelpartnern auf unserem Matratzenlager bekommen. Ich war verzweifelt, desorientiert und hatte eine Art Heimweh, das nicht gestillt werden konnte.

Ich fragte mich oft, was ich tun könnte, um ihre Liebe zurückzugewinnen. Als Ersatz bot sich Arno W. an, der sich uns als Vaterfigur aufdrängte. Wären meine Eltern gestorben, hätten uns Verwandte liebevoll aufgenommen und uns eine einigermassen unbeschwerte Kindheit und Jugendzeit ermöglicht. Vor allem hätte ich den Schmerz über den Verlust von Mutter und Vater über die Trauer verarbeiten können. Hingegen konnte ich nicht um sie trauern, ich sah sie ja täglich, doch sie verhielten sich mir gegenüber wie Fremde.

Das jüngste Mädchen war zu Beginn 5 Jahre alt. Es stand oft im Treppenhaus und weinte. Julie R. und andere Erwachsenen machten sich lustig über sie. Mitleid galt als egoistisch und war angeblich Gift für die spirituelle Entwicklung. Wenn ich heute an meine eigene Tochter denke, die 6 Jahre alt ist, wird mir schlecht. Wer tut einem Kind so etwas an? Nur jemand, der im Sektenwahn die Lüge verinnerlicht hat, dass alle, selbst Kinder, ihr Schicksal selbst erschaffen hätten und es keine Opfer gebe. Eine schauerliche Welt, in der es kein Mitgefühl gibt.

Auch die Erwachsenen in der 40-köpfigen Gruppe waren Arno W. und Julie R. ausgeliefert. Die zwei trichterten ihnen ebenfalls ein, alle unsere Gedanken und Gefühle aus der Alten Welt seien schlecht, persönliche Bedürfnisse sowieso. Rückblickend klingt dies wie ein Hohn, denn unser grosser Guru Arno W. nutzte jede Gelegenheit, seine irdischen Begierden hemmungslos zu befriedigen, bis hin zum Sex mit Minderjährigen. Wir hingegen mussten asketisch leben: Es gab lange Meetings, wenig Schlaf, offene Klotüren, geteilte Zahnbürsten.

Allgegenwärtiger Gruppenzwang

Der Alltag in der Sekte war eine Tortur. Uns wurde weisgemacht, wir müssten mit unseren Unterdrückern körperlich eins werden und unsere Zellen in Licht verwandeln, um das Universum zu retten. Wir wurden vor allen gedemütigt, ohne den wirklichen Grund zu kennen. Der Guru änderte laufend die Verhaltensregeln, um uns zu verunsichern. Ich wusste nie, wie ich mich geben sollte. Die Gruppennorm war bindend, der Gruppenzwang allgegenwärtig. Jeder bespitzelte jeden. Ich fühlte mich dauernd schuldig und für alles verantwortlich. Das ist der Normalzustand für die meisten Kinder, die in Sekten und extremen religiösen Gruppen aufwachsen.

Der ständige Druck, bloss keine Fehler zu machen, bereitete mir häufig Magenschmerzen und Albträume. Irgendwann glaubte ich wirklich an Arno W.s wahnhafte Ideen und hätte mich umgebracht, wenn er es befohlen hätte. Ich wollte schliesslich nicht für das Ende der Welt verantwortlich sein. Ich beneidete Lea, weil ich glaubte, sie würde als Auserwählte von Arno alle Zweifel überwunden haben.

Die Flucht sprengte die Sekte

Inzwischen weiss ich, dass Experten Sektenerfahrung mit Inzest, Folter und Kriegsgefangenschaft vergleichen. Selbst die Symptome sind ähnlich. Die Leute, denen man am meisten vertraut hat, zerstören einen. Es gibt keinen Ausweg, keine Fluchtmöglichkeit, keine unabhängige Ansprechperson. Wir Kinder und Jugendliche waren einsam in unserem Elend. Jeder denunzierte jeden beim Guru. Er hatte dieses Klima der Angst als Unterdrückungsinstrument gezüchtet.

Deshalb war ich Lea Laasner unglaublich dankbar, als sie 2002 mit ihrer mutigen Flucht die Sekte sprengte. Arno W. floh aus Angst vor einer Verhaftung Hals über Kopf aus Belize. 2005 schrieb Lea Laasner mit Hugo Stamm ihren Bestseller «Allein gegen die Seelenfänger», in dem sie die Geschehnisse aus ihrer Sicht schilderte. Die Erwachsenen taten sich schwer mit dem Tatsachenbericht, weil er dokumentierte, wie sie selbst indoktriniert und ausgebeutet worden waren.

Ich kämpfte bis vor einem Jahr noch täglich mit meinem posttraumatischen Belastungssyndrom. Ich hatte panische Angst, meinen Kindern könnte etwas geschehen, ich könnte meine Familie ein zweites Mal verlieren. Obwohl ich trotz mangelhafter Schulbildung erfolgreich studierte, als Managerin arbeitete und mich als Künstlerin etablierte, glaubte ich weiterhin, nicht zu genügen.

Arno W. wird für seine Verbrechen strafrechtlich nicht belangt. Das ist ein weiterer Schlag und schmerzt mich sehr, denn der sexuelle Missbrauch war «nur» eines von vielen Verbrechen. Eigentlich müsste er sich auch dafür verantworten, dass er uns psychisch zerstört hat. Vor allem uns Kinder, die wir reine Opfer sind.

Die Gesellschaft schaut weg

Letztlich wäre mir eine Bestrafung für den zehnjährigen Psychoterror wichtiger als für den sexuellen Missbrauch. Doch dafür fehlen die gesetzlichen Grundlagen weitgehend. Und den Gesetzgebern mangelt es an Sensibilität. Für die Tausende von Kindern und Jugendlichen in den Hunderten radikalen religiösen oder politischen Gruppen mit sektenhaften Strukturen gibt es kaum Hilfe. Auch nicht, wenn sie aussteigen. Es kommt selten zu Strafanzeigen und noch seltener zu Verurteilungen. Das ist ein Skandal.

Politiker und Gesellschaft schauen einfach weg und viele Psychologen sind ahnungslos und behandeln nur einen Teil der Symptome. Aussenstehende können den Psychoterror und emotionalen Missbrauch nur schwer verstehen, auch Therapeuten sind meist überfordert. Und nun haben uns auch die Justizbehörden von Uruguay im Stich gelassen. Dabei frage ich mich, ob sich Arno W. mit Schmiergeld freigekauft hat. Zuzutrauen wäre es ihm.

Die junge Frau war mehr als zehn Jahre eine Gefangene der Lichtoase-Sekte.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.01.2016, 19:54 Uhr

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Katharina Meredith war mehr als
zehn Jahre eine Gefangene der Lichtoase-Sekte und berät heute Sektenopfer: katharina.meredith.photographer@gmail.com


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