Papst unterstellt Medien dunkles «Kalkül»

Der Papst beschliesst den Missbrauchsgipfel mit einem Leitfaden in sieben Punkten, doch die Opfer finden, er relativiere vor allem das Problem.

Papst Franziskus verspricht im Vatikan, entschlossen gegen sexuelle Missbräuche vorzugehen. Foto: Giuseppe Lami (AFP)

Papst Franziskus verspricht im Vatikan, entschlossen gegen sexuelle Missbräuche vorzugehen. Foto: Giuseppe Lami (AFP)

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Hart durchgreifen, nie mehr vertuschen. Zum Abschluss der internationalen Kinderschutzkonferenz im Vatikan hat der Papst viel Entschlossenheit versprochen im Kampf gegen sexuelle Missbräuche. Verbrechen gegen Minderjährige seien ein «monströses Geschwür», sagte Franziskus und zählte sieben Punkte eines Leitfadens auf, die es nun anzugehen gelte. Dazu gehört ein Umdenken bei der Ausbildung der Priester, die intensivere Betreuung von Opfern, die Forderung nach besserer Ahndung pädopornografischer Inhalte im Internet sowie der Kampf gegen den Sextourismus.

Doch die Rede wurde gemischt aufgenommen, weil sie mit einer langen Prämisse dazu begann, wie breit das Problem in der Welt sei. Der Grossteil der Vergehen, sagte der Papst, werde von «Eltern, Verwandten, Partnern von Kinderbräuten, Trainern und Erziehern» begangen. Er nannte Zahlen und Statistiken. Dann erst räumte er die besondere Verantwortung der Kirche ein: «Die Unmenschlichkeit dieses Phänomens auf weltweiter Ebene wird in der Kirche noch schwerwiegender und skandalöser, weil es im Gegensatz zu ihrer moralischen Autorität und ihrer ethischen Glaubwürdigkeit steht.» Die Kirche müsse lernen, nicht andere zu beschuldigen, weil das nur ein Schritt zu Alibis sei.

Papst «sehr deutlich»

Opfervereinigungen gaben sich enttäuscht. Sie werfen Franziskus vor, er habe die Rolle der ­Kirche relativiert, indem er das Problem als globales, gesamt­gesellschaftliches darstellte. Aus­ser­dem vermissen sie konkrete Massnahmen im Kampf gegen den Missbrauch durch Priester. Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz und enger Berater des Papstes, verteidigte Franziskus’ Rede als «sehr deutlich». «Ich kann nicht erkennen, dass das nur qualmiges, nebulöses Gerede war», sagte Marx.

Zu reden gibt nun auch die Kritik des Papstes an den Medien. Die Kirche müsse sich über «alle ideologischen Polemiken und journalistischen Kalküle» erheben, sagte er. Medien würden oftmals Dramen, die Minderjährige erlebten, aus anderen Interessen instrumentalisieren. Die Kritik mutet deshalb erstaunlich an, weil der Papst am dritten Konferenztag, als über Transparenz gesprochen wurde, die mexikanische Vatikankorrespondentin Valentina Alazraki in die Tagung eingeladen hatte, die ebendiese These zerriss.

Alazraki berichtet seit fast 45 Jahren aus Rom, sie ist damit die Doyenne unter den Be­richterstattern im Vatikan. Fünf Päpste hat Alazraki erlebt, auf 150 Papstreisen war sie schon dabei. Ihr Auftritt «als Frau und Mutter» sollte einer der eindrücklichsten, eindringlichsten Momente der ganzen Tagung werden.

«Nicht wir Journalisten sind die grausamen Wölfe», sagte sie und klagte über eine seltsame Verkehrung der Wahrheiten. In ihrer Karriere habe sie viel zu oft gehört, wie Kirchenmänner sich über die Medien beschwert hätten, statt das Übel einzugestehen. Die Medien, hiess es jeweils, stünden im Dienst «dunkler Mächte» und bauschten Missbrauchsfälle zu Skandalen auf, um die Kirche zu diskreditieren und sie zu zerstören. «Wir Journalisten», sagte Alazraki, «haben uns entschieden, auf welcher ­Seite wir stehen. Und Sie, haben Sie sich wirklich auch dafür ­entschieden, oder ist es nur ein ­Lippenbekenntnis?» Sexuelle Missbräuche an Minderjährigen seien kein «Gossip» und kein «Gerede», wie es ein Kardinal vor einigen Jahren genannt hatte. «Es sind Verbrechen.»

Standing Ovation

Sollte die Kirche nicht beschliessen, sich radikal auf die Seite der Kinder zu schlagen, der Opfer, dann sei es nur recht, wenn sie sich vor den Medien fürchte: «Dann sind wir Journalisten eure schlimmsten Feinde.» Zehn Minuten nur dauerte die Rede, fünf weniger lang als alle anderen Referate, weil die Zeit plötzlich drängte und die Gipfelteilnehmer bei der Bussliturgie in der Sala Regia des Apostolischen Palasts erwartet wurden. Valentina Alazraki ging zurück in den Pressesaal der «Vaticanisti». Dort empfing man sie mit einer Standing Ovation.

Wie kommt draussen an, was drinnen besprochen wird? Dem Vatikan ist das nicht immer gleich wichtig, manchmal offenbar gar nicht. Die beiden Welten hinter und vor den heiligen Mauern sind weit auseinander. Im Fall der Missbrauchsskandale aber erträgt das Publikum draussen die traditionelle Abgehobenheit und oftmals theologisch überhöhte Sprachwahl des Vatikans besonders schlecht. Weil es um Kinder geht, um die Verbrechen an den Schwächsten.

Laien sollen helfen

Es hiess deshalb, die Konferenz sei ein «Point of no Return» für die Kirche – danach gebe es kein Zurück mehr in vergangene Muster. Entsprechend offensiv kommunizierte der Vatikan während des Gipfels. Zum ersten Mal kam dabei der neue Kommunikationsapparat zum Einsatz, in dem viele Laien sitzen: Journalisten vor allem, die der Kirche helfen sollen, so unkirchlich wie nur immer möglich zu kommunizieren. Gelingen mochte das aber noch nicht so recht.

Der epidemische Missbrauch durch Kleriker an Kindern und Jugendlichen beschert der katholischen Kirche die schlimmste Krise seit der Reformation. Die Krise ist systembedingt, hausgemacht, von innen kommend, existenzgefährdend. So war es schlicht unabdingbar, dass Papst und Bischöfe in Rom demonstrierten, sich der existenziellen Krise bewusst zu sein und das Übel bekämpfen zu wollen. Die Kirchenspitze debattierte über Prävention, Transparenz und Öffnung der Archive, über Sanktionen gegen Missbrauchspriester, Statistiken der nachlässigen Bischöfe oder über zu schaffende Richtlinien, Anlaufstellen und Verwaltungsgerichte. Das war richtig und nötig, genügt aber nicht.

Das System bleibt unbefleckt, die Wurzel des Übels unangetastet. Denn die Bischöfe sind nicht die Lösung, sondern Teil des Problems. Es zeigt sich immer deutlicher, dass die Vertuschung des Missbrauchs von den Kirchenspitzen ausgeht, dass Bischöfe Täter geschützt, sie bestenfalls versetzt haben. Wenn es um Bischöfe geht – es sind dies weltweit über 3000 –, so kann diese bisher nur der Papst allein sanktionieren oder absetzen. Eine totale Überforderung. Darum stellte Franziskus 2015 eine unabhängige Gerichtsinstanz für Bischöfe und Kardinäle in Aussicht. Die US-Bischöfe haben ihrerseits eine unabhängige, von Laien geführte Instanz für fehlbare Bischöfe verlangt. Doch daraus wird leider nichts.

«Die Ansicht, die zölibatäre Lebensform sei Ursache für Missbrauch, ... ist einfach nicht wahr.»Jesuit Hans Zollner, Leiter des römischen Kinderschutzzentrums

Stattdessen will der Papst, dass sich die Bischöfe selber kontrollieren. Die obersten Bischöfe einer Provinz werden mit den Verfahren betraut, die zur Absetzung von Bischöfen führen können, sofern diese einer Anzeige nicht nachgegangen sind oder überführte Missbrauchspriester nicht entlassen haben.

Das ist das Manko des Gipfels: Er ist selbstreferenziell geblieben. Papst und Bischöfe berieten unter sich und waren nicht bereit, sich und das System zu hinterfragen. Ohne aber die systemischen Ursachen des Missbrauchs anzugehen, bleibt es bei der Symptombekämpfung. Völlig selbstverständlich haben die Bischöfe an ihrem von Gott gestifteten Heiligen Stand aus zölibatär lebenden Männern festgehalten. Diesen Mythos halten sie wider besseres Wissen aufrecht, dass Sexualverzicht für die wenigsten lebbar und der Zölibat ein Risikofaktor für Missbrauch ist. Selbst der aufgeschlossene und viel zitierte Jesuit Hans Zollner, Leiter des römischen Kinderschutzzentrums und Mitorganisator des Gipfels, behauptet: «Die Ansicht, die zölibatäre Lebensform sei Ursache für Missbrauch, ... ist einfach nicht wahr.»

Stattdessen hat er Tools entwickelt, um Priester- und Ordenskandidaten auf ihre Eignung für die zölibatäre Lebensform zu prüfen. Mit Persönlichkeitstests will er herausfinden, «ob jemand in der Beziehungsfähigkeit Schwierigkeiten hat oder in seinem Umgang mit Emotionen und seiner Sexualität». Wie, bitte, soll man sich das vorstellen, als akademische Trockenübung? Wie will man die psychosexuelle Reife von zu Abstinenz verpflichteten angehenden Priestern messen? Die Kirche hat nicht verstanden, dass der abgespaltene Trieb der Geistlichen seine Rechnung in Form des massenhaften Missbrauchs präsentiert.

Solange Papst und Bischöfe am Ideal enthaltsamer Geistlicher und damit gekoppelt am Ausschluss der Frau von Weihe- und Leitungsämtern festhalten, bleiben die Ursachen für Missbrauch bestehen. Bezeichnenderweise war der Missbrauch an Frauen und Nonnen nur am Rande ein Thema am Gipfel. Auch da fehlt bei den Klerikern die Einsicht, dass sie die Frau mit der Verbannung von Bett, Altar und Leitungsamt zu einem missbrauchbaren, subjektlosen Wesen degradieren.

Erstellt: 24.02.2019, 20:08 Uhr

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