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Paris macht bei Stierkämpfen eine Ausnahme

Schlag gegen die Tierschützer in Frankreich: Im Süden des Landes sind Stierkämpfe weiterhin erlaubt. Dies hat der Verfassungsrat in Paris entschieden und verwies dabei auf die Klausel der «örtlichen Tradition».

Eigentlich ist in Frankreich jeder Akt der Grausamkeit gegen Tiere verboten: Stierkampf in Nimes.
Eigentlich ist in Frankreich jeder Akt der Grausamkeit gegen Tiere verboten: Stierkampf in Nimes.
AFP

Grausame Tierquälerei oder traditionsreiches Kulturspektakel? An Stierkämpfen scheiden sich die Geister, unversöhnlich stehen sich Anhänger und Gegner gegenüber. In Frankreich ging es am Freitag darum, ob den Corridas in dem Land der Todestoss versetzt werden sollte.

Der Verfassungsrat entschied über Verbot oder Zulässigkeit der im Süden des Landes beliebten Spektakel und liess Stierkampf-Begeisterte aufatmen: Die Corridas sind verfassungsgemäss und dürfen in bestimmten Regionen auch in Zukunft abgehalten werden. In Südfrankreich ist die spanische Corrida, bei der der Stier am Ende mit einem Degenstoss getötet wird, fest verankert.

«Pervers und schockierend»

Für Städte wie Nîmes, Arles und Bayonne ist sie ein wichtiger Touristenmagnet - und somit auch ein Wirtschaftsfaktor. Die Stierkämpfe sind der Höhepunkt der unter anderem an Ostern und Pfingsten gefeierten Ferias, die Volksfeste ziehen hunderttausende Besucher an. Stierkampf-Begeisterte, «Aficionados» genannt, sehen darin einen «kulturellen, sozialen und regionalen Pluralismus».

Doch Tierschützern stossen solche Argumente bitter auf: «Grausamkeit und Brutalität in den Rang eines Schauspiels zu erheben, sich daran zu erfreuen, wie Leid zugefügt und getötet wird, ist pervers und zutiefst schockierend», schrieb die frühere Schauspielerin Brigitte Bardot, die für einen Aufruf zum Verbot der Stierkämpfe zwei französische Leinwand-Legenden auf ihre Seite zog - Jean-Paul Belmondo und Alain Delon.

Eine Ausnahme

Die drei führten auch den erbitterten Stierkampfgegner Victor Hugo als Kronzeugen an, der einst schrieb: «Einen Stier zum Spass, zum Vergnügen zu quälen, heisst weit mehr, als ein Tier zu quälen - es heisst Bewusstsein zu quälen.»

Nach der Entscheidung des Verfassungsrates war die Enttäuschung bei Bardot gross. Als «Feiglinge» beschimpfte sie die «Weisen» in dem höchsten französischen Gremium für Verfassungsfragen. «Ich bin verzweifelt. Wir leben in einem rückschrittlichen Land, das sich nie weiterentwickeln wird.»

In Frankreich ist zwar jeder «Akt der Grausamkeit» gegen Tiere verboten und wird mit bis zu zwei Jahren Haft und einer Geldstrafe in Höhe von 30'000 Euro geahndet. Ausnahmen macht das Strafgesetzbuch aber bei Stier- und Hahnenkämpfen in Regionen, in denen es sich um eine «örtliche Tradition» handelt. Der Verfassungsrat entschied nun, dass diese Ausnahmeklausel verfassungsgemäss ist.

Wurzeln nicht ausreissen

Hinter die Stierkämpfe hatte sich ein prominentes Mitglied der sozialistischen Regierung gestellt, der spanischstämmige Innenminister Manuel Valls. Er verteidigte die Corridas als «eine Kultur, die man schützen muss». Valls, im katalanischen Barcelona geboren, machte nicht nur persönliche Verbindungen geltend - «Ich mag das, es ist Teil der Kultur meiner Familie» - sondern erhob die Stierkämpfe gleich zu einem identitätsstiftenden Ereignis für eine von der Wirtschaftskrise verunsicherte Nation: «Wir brauchen diese Wurzeln, lasst sie uns nicht ausreissen.»

Stierkampf-Gegner nahmen dies zum Anlass, gleich der gesamten Regierung von Staatschef François Hollande eine zumindest passive Unterstützung der Corridas zu unterstellen. Jean-Pierre Garrigues vom Radikalen Anti-Stierkampf-Komitee wetterte, die Sozialisten führten unverblümt den Pro-Corrida-Kurs der konservativen Vorgängerregierung unter Staatschef Nicolas Sarkozy fort.

Nach der Entscheidung des Verfassungsrates können Valls und alle anderen Anhänger des Stierkampfes ihrer Leidenschaft weiter frönen. Erleichterung darüber herrschte am Freitag vor allem in den Stierkampf-Hochburgen in Nîmes oder Arles. Der Direktor der Arena von Nîmes, Simon Casas, bejubelte die Entscheidung des Verfassungsrates als «weise». Und in Anspielung auf den US-Schriftsteller Ernest Hemingway und den Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa, beide begeisterte Stierkampf-Besucher, erklärte er: «Die Corrida ist eine Kunst.»

AFP/wid

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