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Photoshoppen für den Kanzler

Bildmanipulation: Die Österreichische Volkspartei hat ein Foto ihres Regierungschefs schöngemogelt. Fake Politics in Zeiten von Fake News.

Das unwillkommene Original: Kurz und Wallner vor Frau mit Zigarre. Foto: ÖVP Vorarlberg (Facebook)
Das unwillkommene Original: Kurz und Wallner vor Frau mit Zigarre. Foto: ÖVP Vorarlberg (Facebook)

Wie dumm ist das denn? Ein Foto, das die Österreichische Volkspartei (ÖVP) in Vorarlberg auf ihre Facebook-Seite stellte, war derart offensichtlich manipuliert, dass der darauf abgebildete Bundeskanzler Sebastian Kurz schon nach kürzester Zeit kiloweise mit Spott und Häme überhäuft wurde. Keine Sternstunde magistralen Glanzes für den 31-jährigen konservativen Spitzenpolitiker. Aber ein neuer, ungeahnter Tiefpunkt im Zeitalter von Fake News und Fake Politics, und zwar weit über Österreich hinaus.

Das Foto zeigt Kanzler Kurz im Gespräch mit dem Vorarlberger Landeshauptmann Markus Wallner. Die beiden sitzen an einem Kneipentisch unter einem Bild, das eine Kubanerin mit riesiger Zigarre zeigt. Offenbar befand das Social-Media-Team Wallners diesen Hintergrund als unpassend für den sich gern asketisch gebenden Jungkanzler. Es ersetzte die kubanische Raucherin mit einem malerischen Landschaftsmotiv. Das Ganze ist allerdings derart stümperhaft aufgezogen, dass es einem ausserordentlich schwerfällt, dahinter mehr zu vermuten als den krass fehlgeleiteten Übereifer eines Praktikanten. Üble orwellsche Machenschaften, denkt man sich, können das denn doch nicht sein. Den Spass, den sich eine Menge Leute auf Facebook und Twitter daraus machten, scheint durchaus angemessen.

Weil man es kann

Und doch kann man die Posse durchaus als Zeichen der Zeit ernst nehmen. Das Foto wurde so leichthändig und leichtfertig gefälscht, wie das heute mit digitalen Bildern und der überall erhältlichen Software eben möglich ist, fast ohne Aufwand, in Sekunden. Unwillkommene Fakten werden husch, husch beschönigt – einfach weil man es kann. In George Orwells Dystopie «1984» ist ein ganzes «Wahrheitsministerium» damit beschäftigt, die Fakten zurechtzulügen. Im Zeitalter von Facebook und Photoshop reicht dafür ein aufgeweckter Nachwuchs-Parteifunktionär.

Die Technik legt die Schwelle für wahrheitswidrige Unverfrorenheit heute also ausserordentlich tief. Ein Indiz dafür ist auch die Entschuldigung, die die Vorarlberger ÖVP nach dem Auffliegen der Lüge nachreichte: Man habe sich «bewusst entschieden, das Posting anzupassen». Warum, wird nicht klar: Weil die ÖVP das aktuell toxische Thema Rauchen in Gaststätten unter keinen Umständen mit dem Kanzler verknüpfen will? Weil die kubanische Zigarre einem gigantischen Joint ähnlichsieht? Weil die Verantwortlichen in vorauseilendem Gehorsam fabulierten, Kurz sei es lieber, in einer Bildfälschung abgebildet zu werden als mit einer Raucherin?

Aber der Grund ist eigentlich egal. Denn genauso schlimm wie die Bildlüge ist die Tatsache, dass sich die ÖVP dafür nicht einmal entschuldigen mag, sondern von einer «Anpassung» schwadroniert, für die es eine «bewusste» Erklärung gibt, die die Sache als etwas irgendwie Normales darstellen soll.

Niemand glaubt mehr an Bilder

Tröstlich an der Geschichte ist, wie schnell der Betrug aufflog. Auch das ein Zeichen der Zeit: Kaum jemand glaubt heute noch an die Beweiskraft von Bildern. Das Misstrauen in die Wahrhaftigkeit der Fotografie wird uns schon von Kindesbeinen an eingeimpft. Zahllos sind die Beispiele von betrügerischen Manipulationen. Eher wird heute die Authentizität eines preiswürdigen Pressebildes angezweifelt, als dass eine Fälschung unentdeckt bleibt. Irgendwie traurig, aber richtig.

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