Plötzlich rannten Flüchtlinge über den Strand

Die Zahl der afrikanischen Migranten, die Spanien erreichen wollen, nimmt sprunghaft zu. An der Küste spielen sich bizarre Szenen ab.

Etwa 30 Flüchtlinge rannten in Zahara de los Atunes ins Landesinnere.


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Statt sich ungestört dem Badespass hingeben zu können, sahen sich diese Woche Touristen am Strand des südspanischen Ortes Zahara de los Atunes plötzlich mit dem Elend Afrikas konfrontiert. Rund 30 Flüchtlinge, die von Marokko aus die Meerenge von Gibraltar überquert hatten, sprangen von ihrem Boot und rannten in Richtung Landesinneres. Einige Badegäste filmten die Ankunft mit ihren Handys und stellten die Videos später ins Internet. Ähnliche Szenen hatten sich an umliegenden Stränden während der vergangenen Wochen mehrmals abgespielt. Neun Flüchtlinge, die den Strand von Zahara de los Atunes erreichten, hat die Polizei laut spanischen Medien inzwischen aufgegriffen. Sie seien alle minderjährig und stammten wahrscheinlich aus Marokko.

In den letzten Jahren gelangten über die westliche Mittelmeerroute nur wenige Migranten nach Europa. Grund dafür ist die Kooperation zwischen der EU und Marokko, die ähnlich funktioniert wie das Abkommen mit der Türkei: Marokko erhält Geld dafür, dass es Flüchtlinge an der Überfahrt nach Europa hindert. Ausserdem hat Spanien seine beiden in Marokko gelegenen Enklaven Ceuta und Melilla mit Stacheldraht und sonstigen Grenzbefestigungen umgeben.

Route gilt als relativ sicher

Gemäss jüngsten Zahlen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) hat sich die Zahl der Migranten, die Spanien erreichen, im laufenden Jahr verglichen mit 2016 mehr als verdreifacht: Zwischen dem 1. Januar und dem 9. August waren es 8300 Personen, im Vorjahr 2500. Laut spanischem Innenministerium sind es im laufenden Jahr 10’751 Personen. Die meisten stammen aus Nigeria sowie den westafrikanischen Ländern Senegal, Mali, Guinea und der Elfenbeinküste. Zugenommen hat auch die Zahl der flüchtenden Marokkaner, vor allem aus der von sozialen Unruhen erschütterten Rif-Region.

Klicken Sie auf die Grafik für eine grössere Ansicht. Quelle: BBC

Die Route über das westliche Mittelmeer wird zwar weit weniger genutzt als jene zwischen Libyen und Italien, über die seit Jahresbeginn rund 100’000 Personen Europa erreicht haben. Ein Sprecher der IOM sagte allerdings gegenüber der Nachrichtenagentur Agence France Press, die Route entlang der westafrikanischen Küste nach Marokko gelte bei Flüchtlingen im Vergleich zu jener durch Libyen als relativ sicher. Sollte es Italien gelingen, dank intensiverer Kooperation mit der libyschen Küstenwache die Zahl der Neuankömmlinge dauerhaft zu senken, dürfte Spanien für westafrikanische Flüchtlinge zusätzlich an Attraktivität gewinnen.

5266 Versuche

Tatsächlich sind im Juli 2017 noch halb so viele Migranten nach Italien gelangt wie im Juli 2016. In den ersten sechs Monaten 2017 hingegen waren im Vorjahresvergleich jeweils Zunahmen zu verzeichnen. Umstritten ist unter Experten, ob die engere Zusammenarbeit zwischen Italien und Libyen für diesen erstaunlich deutlichen Rückgang verantwortlich ist oder ob es damit zusammenhängt, dass Transitländer wie Niger und der Sudan ihre Grenzkontrollen verstärkt hätten.

Dass afrikanische Migranten vermehrt die westliche Route nach Europa wählen, macht sich auch in den spanischen Enklaven Ceuta und Melilla bemerkbar. 2017 gab es laut spanischem Innenministerium in Ceuta 5266 Versuche, den Grenzzaun zu überwinden, im gesamten Vorjahr waren es 3472. Zu Wochenbeginn haben rund 300 Personen im Morgengrauen den regulären Grenzübergang El Tarajal zwischen Marokko und der spanischen Enklave schlicht überrannt. 187 von ihnen ist es gelungen, europäischen Boden zu betreten. El Tarajal ist deshalb im Moment geschlossen.

Flüchtlinge überrennen eine Grenzstation in El Tarajal.

Zwei Polizisten versuchten, die afrikanischen Flüchtlinge mit Gummiknüppeln und Fusstritten am illegalen Grenzübertritt zu hindern. Dabei brach sich einer der Uniformierten Schien- und Wadenbein. Zunächst behauptete die Regierung, der Grenzwächter habe sich verletzt, weil ihn die Flüchtlinge niedergerempelt hätten. Linke Parteien und Menschenrechtsorganisationen protestierten, sowohl gegen die Gewaltanwendung als auch gegen die Lüge.

Am folgenden Tag versuchten 200 Migranten den Sturm auf einen anderen Grenzübergang zwischen Marokko und Ceuta. Diesmal waren sie erfolglos. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.08.2017, 13:18 Uhr

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