Politik aus dem Koffer

Der Kurdenführer, der von der Türkei gejagt wird.

Braucht Dienste von Schmugglern, um in die Heimat zu reisen: Salih Muslim. Foto: Geert Vanden Wijngaert (AP Photo)

Braucht Dienste von Schmugglern, um in die Heimat zu reisen: Salih Muslim. Foto: Geert Vanden Wijngaert (AP Photo)

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Dafür, dass soeben einer der mächtigsten Männer der Nahostregion seine sofortige Festnahme und Auslieferung gefordert hat, klingt Salih Muslim entspannt. «Ach, wissen Sie», nuschelt der syrisch-kurdische Politiker ins Telefon, «ich mache mir da keine Sorgen. Es weiss doch jeder, dass die Vorwürfe gegen mich erfunden sind. Erdogan nimmt doch keiner mehr ernst.»

Diese Ruhe liegt in der zurückhaltenden Natur des Mannes. Salih Muslim ist Sprecher des diplomatischen Komitees, so eine Art Aussenminister der «Föderation Nordsyrien / Rojava» – jener Kurdengebiete im Norden Syriens, die sich selbst verwalten, seit Syriens Diktator Bashar al-Assad dort im Jahr 2013 seine Soldaten abzog. Der 67-Jährige hat eine gewisse Routine im Umgang mit Drohungen aus der Türkei entwickelt: Ende Februar holte die tschechische Polizei Muslim aus einem Hotel in Prag ab, als er dort eine sicherheitspolitische Konferenz besuchte. Die Türkei hatte via Interpol gebeten, ihn sofort festzunehmen. Ankara beschuldigt Muslim, in Attentate verwickelt zu sein, bei denen im März 2016 Soldaten starben – was der vehement bestreitet.

Muslim verbrachte zwei Tage in Einzelhaft: «Sehr entspannend. Ich habe die Wand angeschaut und konnte nachdenken.» Nachdem ein Gericht die Entscheidung über seine Auslieferung vertagt und ihn entlassen hatte, reiste Muslim nach Deutschland weiter. Ankara forderte Berlin auf, ihn festzunehmen, und schäumte, als nichts geschah. Muslim reiste abermals weiter – und die Türkei beantragte zum dritten Mal seine Festnahme, diesmal von Schweden.

Präsident Erdogan bezeichnet Muslim als «terroristischen Kopf»

Muslim, der in einem Nomadenlager bei Kobane geboren wurde, ist auch heute nicht wirklich sesshaft. Er betreibt Politik aus dem Koffer, hetzt von dieser Demonstration zu jenem Kongress, folgt Einladungen meist linker Parteien in Europas Hauptstädte. In die Heimat kommt er selten, «dazu brauche ich die Dienste von Schmugglern». Präsident Erdogan bezeichnet Muslim als «terroristischen Kopf», Hinweise für seiner Ergreifung sind ihm eine Million Franken wert. Dabei bewegte sich Muslim lange frei in der Türkei: In den Siebzigerjahren studierte er in Istanbul Chemietechnik, 2013 war er als Vorsitzender der syrischen Kurdenpartei PYD zu Gesprächen mit Regierungsvertretern in Ankara. Dass seine Bewegung auf Geheiss der als Terrororganisation verbotenen PKK gegründet wurde, störte damals anscheinend nicht.

Den Ärger Ankaras zog Salih Muslim spätestens 2014 auf sich. Er handelte den bis heute gültigen Pakt mit der internationalen Koalition gegen den IS aus, der den Kurden die Unterstützung der USA brachte – und vor allem auch Waffenlieferungen. Seine Motive waren dabei auch persönliche, sagt Muslim: Sein jüngster Sohn ?ervan war 2013 vom IS getötet worden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.03.2018, 19:57 Uhr

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