«Ich glaube, die EU wird Mühe haben, zu überleben»

Politiker und «House of Cards»-Erfinder Michael Dobbs erklärt den Brexit, die Briten und den tödlichen Charme der Macht.

«Theresa May wird in der Geschichte untergehen», sagt der Oberhaus-Abgeordnete und Romanautor Michael Dobbs. Foto: Adrian Dennis (AFP)

«Theresa May wird in der Geschichte untergehen», sagt der Oberhaus-Abgeordnete und Romanautor Michael Dobbs. Foto: Adrian Dennis (AFP)

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Lord Dobbs of Wylye, 70 Jahre alt, besser bekannt als der «House of Cards»-Autor Michael Dobbs, ist einer der besten Politikversteher des Vereinigten Königreichs. Dobbs arbeitete als Berater für die konservative Oppositionschefin Margaret Thatcher. Nach ihrem Wahlsieg legte er einen steilen Aufstieg bei der Werbeagentur Saatchi & Saatchi hin, bevor er wieder in die Politik zurückkehrte und Stabschef der Regierung wurde. Nachdem sich Dobbs mit Thatcher überworfen hatte, schrieb er den Roman «House of Cards», der als BBC-Serie verfilmt wurde und später, in der US-Version mit Kevin Spacey, international Erfolg hatte.

Verstehen Sie, was derzeit hier in Grossbritannien passiert?
In Europa, in Nordamerika, in Grossbritannien – überall haben wir das gleiche Problem: die Selbstgefälligkeit der Elite, die sich seit langem von ihren Wählern entfremdet hat. Überall sagen die Wähler der Elite: Wir wollen nicht, was ihr wollt. Frankreich ist ein gutes Beispiel, mit seinem Monsieur Macron. Ich liebe Emmanuel Macron, er ist so . . . französisch. Er predigt Politik, während die Gelbwesten auf der Strasse sagen: Wir wollen deine Politik nicht.

Ziemlich am Anfang in einem Ihrer Bücher steht, in der Politik gehe es um Angst. Was meinen Sie damit?
Politiker sollten Menschen keine Angst machen, sondern Politiker sollten Angst haben, in ihrem Streben nach dem Guten nachzulassen. Sie müssen Angst haben, ihre Erfolge, ihre Macht zu selbstverständlich zu nehmen. Wenn sie scheitern, übernehmen vielleicht böse Jungs. Es gibt dieses legendäre Zitat: «Das Böse triumphiert allein dadurch, dass gute Menschen nichts unternehmen.»

Am Ende lässt es Ihre Hauptfigur Francis Urquhart so aussehen, als wäre er ermordet worden, damit er als Figur von historischer Grösse in die Geschichte eingeht. Geht das nur so?
Wie viele Politiker, bitte sehr, werden nach ihrem Ableben als Helden verehrt? Es gibt so viele Tragödien, die sich um die letzten Momente einer politischen Karriere ranken . . . Diese Frage stellen sich doch alle: Wie komme ich mit Anstand raus? Man strengt sich sein ganzes Leben lang an, man wird Premierminister – und dann? Kommt der Sturz. Ich habe zu David Cameron gesagt: David, jeder wird zerstückelt und gevierteilt am Ende, bedenke das – und er sagte: Darum sorge ich mich später. Nun ja, das war dann zu spät.

Was ändert sich, wenn Frauen die Macht übernehmen – als Kanzlerin, Präsidentin, Premierministerin?
Es macht keinen Unterschied mehr. Die Konservative Partei in Grossbritannien war die erste, die einen Juden als Premierminister hatte, die erste, die eine Frau als Abgeordnete ins Parlament schickte, die erste, die eine Premierministerin stellte. Vielleicht werden wir die Ersten sein, die einen Sohn oder eine Tochter von muslimischen Einwanderern zum Premier machen. Als Maggie Thatcher es schaffte, war das noch ein Schock. Die Scherze über die Hausfrau aus Grantham waren bitterböse.

Thatcher ist Geschichte, Theresa May ist Realität.
Theresa May wird heute nicht in erster Linie als Frau gesehen, sondern als Politikerin. Viel interessanter ist doch die Frage, warum so viele Menschen in Europa, die an der Macht sind, keine Kinder haben. Ich habe vier Kinder, und ich glaube daran, dass die Familie der Fels in der gesellschaftlichen Brandung ist. Alles, was auf meinem Grabstein stehen soll, ist: Papa, du hast es gut gemacht.

«Die Europäische Union wird Mühe haben, zu überleben: Sie hat ein Demokratie-Defizit.»

Sie begannen zu schreiben, als Sie sich mit Margaret Thatcher überwarfen. Ist die Quelle Ihrer literarischen Karriere Wut und Enttäuschung?
Ich halte mich nicht viel mit Wut auf. Der Bruch war kurz vor ihrer Wiederwahl 1987, damals hatte ich schon ein Jahrzehnt für sie gearbeitet. Und ich war immerhin derjenige gewesen, der ihr einstmals die schöne Nachricht überbracht hatte, sie sei zur Premierministerin gewählt worden. Wir hatten eine gemeinsame Geschichte. Aber sie hat sich am Schluss mit allen überworfen. Vielleicht hätte ich eine Therapie machen sollen, aber ich habe stattdessen geschrieben. «House of Cards» war aber kein Racheakt. Wenn ich Rache hätte üben wollen, hätte ich geschrieben, was damals wirklich los war.

Was hat Thatcher zu Ihnen gesagt, als Sie den Job hingeschmissen haben?
Tatsächlich war sie einfach schon zu lange im Amt, was leider in diesem Land allen Premierministern passiert: Sie gehen nicht zum richtigen Zeitpunkt. Sie wurden alle aus 10 Downing Street gestossen, geschubst, gezerrt. Im Falle von Maggie musste das enden wie in einer Shakespeare-Tragödie.

Was ihr mangelndes Gespür für Menschen und ihre Verschlossenheit angeht, wird Theresa May oft mit ihr verglichen.
Entgegen dem ersten Anschein haben die beiden wenig gemeinsam. Maggie war eine Revolutionärin, Theresa ist eine Managerin. Politik ist ein hartes, oft unangenehmes Geschäft. Wenn ich Erfolg habe, muss jemand anderes einen Misserfolg erleiden. Das muss man aushalten. Man geht nicht in die Politik, um Freunde zu finden.

Was muss man denn tun, um als Politiker ein positives Image zu bekommen?
Man kann kein gutes Image erwerben, aber wenn man Glück hat, kann man nach dem Abschied von der Macht manchmal mit einem guten Image davonkommen. Was mich wieder zu Maggie bringt: Warum reden alle bis heute so viel über sie?

In Grossbritannien hört man ständig: Wenn Thatcher noch an der Macht wäre, hätten wir den Brexit längst geschafft. Theresa May kann es nicht, Margaret Thatcher hätte es gekonnt. Ist da was Wahres dran?
Das ist nicht nur ein Problem von Personen. Politiker sind mehr denn je Opfer eines Systems, das sie dominiert. Da kommt keiner raus. Unter anderem deshalb bin ich ein Brexiteer. Was ich als möglichen Vorteil des Brexit ansehe, ist, dass er uns Briten vielleicht die Chance verschafft, über unser politisches System und unser Selbstverständnis nachzudenken. Das haben wir 40 Jahre lang nicht getan.

Sie bezeichnen sich als proeuropäisch, sind aber gegen die EU. Können Sie diesen Widerspruch erklären?
Ich bin stolz, Europäer zu sein. Nicht wir verlassen die EU, sondern die EU verlässt uns. Je mehr sich die EU wandelt, desto mehr entwickelt sie sich von uns weg. Es ist ja auch nicht das erste Mal, dass jemand versuchte, den Europäern ein System aufzuzwingen. Napoleon hat das versucht, es hat mit einer Katastrophe geendet. Ich wünsche das den Europäern nicht, aber ich glaube, die EU wird Mühe haben, zu überleben. Sie hat ein demokratisches Defizit. Und wenn einer wie Macron nach der Lösung ruft, dann will er mehr Europa statt weniger. Das wird schiefgehen.

Der Brexit war ein Sieg elitärer Populisten. Die haben den Karren doch in den Dreck gefahren, oder?
Das werden wir bald herausfinden.

Wie schwer ist es, im House of Lords zu sitzen, quasi an der Seitenlinie, und zuschauen zu müssen, wie im Unterhaus Politik gemacht – oder nicht gemacht – wird?
Sehr frustrierend. Wir können relativ wenig tun auf unserer Seite des Parlaments. Im Oberhaus zu sitzen, ist schön, aber man ist sehr eingeschränkt, politisch. Deshalb habe ich wieder angefangen, mehr zu schreiben. Zum Glück habe ich zwei Leben – jetzt arbeite ich an einem Text über die Dreissigerjahre. Es gibt da ja genug Parallelen zu heute.

Wird der Brexit zum Schluss ein Erfolg sein – oder eine politische Katastrophe?
Ich weiss es nicht. Der Brexit ist auf beiden Seiten des Kanals sehr schlecht verhandelt worden. Ich habe den Brexit kurioserweise immer als Chance gesehen, Grossbritannien kulturell und geistig wieder näher an Europa heranzubringen. Womit ich nicht die EU meine. Derzeit sieht es so aus, als wollten alle den grösstmöglichen Schaden anrichten. Ich hoffe, wir kommen da langfristig ohne grossen Schaden heraus.

Brauchen wir nicht mehr statt weniger Integration in Europa?
Im Gegenteil. Wenn alles immer gleicher wird, wird es fürchterlich. Man muss Unterschiede zulassen und fördern. Die Amerikaner sehen die Welt in Schwarz und Weiss, wir sollten mehr Grau zulassen. Die Europäische Union ist als Antwort auf das Grauen des frühen 20. Jahrhunderts gegründet worden. Aber wenn man jetzt versucht, noch mehr Europa in das System der EU zu pressen, wird der Rückschlag, die Gegenwehr massiv sein. Wenn man den Brexit jetzt stoppen würde, würde das auch nichts ändern. Die Mitgliedschaft des Königreichs in der EU war immer ein Problem, und es würde wiederkommen. Aber im zweiten Anlauf fremdenfeindlicher, rassistischer, aggressiver.

Und Theresa May, die Grossbritannien aus der Europäischen Union führen soll, wie wird sie in die Geschichte eingehen?
Sie wird in der Geschichte untergehen.

Erstellt: 18.03.2019, 18:10 Uhr

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