«Er wollte sie demütigen»

Ex-Mordkommissar Kurt Kragh über den ungewöhnlichen Fall des U-Bootbauers Peter Madsen.

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Kurt Kragh hat 27 Jahre lang für die dänische Mordkommission gearbeitet. Er war Teil einer Spezialeinheit, die in besonders schwierigen Fällen ausrückte, wenn die lokale Polizei nicht weiterkam. 2010 ging Kragh in Pension, seither schreibt er Bücher über Mordfälle und hält Vorträge.

Er hat den Prozess gegen Peter Madsen genau verfolgt. Der Staatsanwalt wirft Madsen vor, die schwedische Journalistin Kim Wall gefoltert und ermordet zu haben. Die Verteidigerin sagt, dafür gebe es keinerlei Beweise und warnt die Richter, nicht nur allein «aus einem Bauchgefühl» heraus zu urteilen.

Herr Kragh, welches Urteil erwarten Sie?
Diese Frage beantworte ich normalerweise nicht, wir müssen das Urteil abwarten. Aber wenn ich für die Ermittlungen verantwortlich gewesen wäre, wäre ich ganz gelassen. Ich denke, die Polizei und auch der Staatsanwalt haben sehr gute Arbeit geleistet. Sie hätten nicht mehr tun können, als sie ohnehin getan haben.

Die Verteidigerin argumentierte, dass es keinerlei Beweise für einen Mord gäbe. Ist das die grosse Schwäche dieses Falls, dass er auf Indizien aufgebaut ist?
Die Verteidigerin ist sehr fokussiert darauf, dass man die exakte Todesursache nicht kennt. Aber das ist nichts Ungewöhnliches. Man muss berücksichtigen, dass der Körper lange im Wasser gelegen hat. Im Autopsie-Bericht ist trotzdem zu lesen, dass er ihr möglicherweise die Kehle durchgeschnitten oder sie erwürgt hat. Wenn die Behörden so etwas schreiben, kann man sicher sein, dass dies zwei Möglichkeiten sind. Andernfalls würde dort stehen: Wir wissen nichts darüber, wie sie gestorben ist. Deswegen sind diese beiden Möglichkeiten für mich sehr nahe an einer exakten Todesursache.

Der U-Bootbauer steht in Kopenhagen vor Gericht. (Video: Tamedia, AFP)

Der Bericht schliesst allerdings auch nicht aus, dass Kim Wall durch Abgase erstickt ist, wie Peter Madsen behauptet.
Man kann niemals sagen: das ist unmöglich. Aber man sollte auch den Rest des Autopsie-Berichts ansehen, all die Verletzungen an ihrem Körper. Die Behauptung, er habe nicht gewollt, dass die Leiche wieder aus dem Wasser auftaucht, ist für mich keine akzeptable Erklärung für diese Art von Verletzungen. Es sind zudem teilweise sehr tiefe Einstiche, wohl verursacht durch einen 50 Zentimeter langen Schraubenzieher. Wieso hatte er den im U-Boot? Das ist kein Werkzeug, um U-Boote zu reparieren.

Der Staatsanwalt wollte zeigen, dass die Tat geplant war. Sie sagen, wenn es tatsächlich so war, wäre das sehr ungewöhnlich. Warum?
Meiner Erfahrung nach ist es bei sexuell motivierten Morden normalerweise nicht so, dass der Täter das Opfer auch von Anfang an wirklich töten will. Oft passiert das, weil etwa die Frau bei einer Vergewaltigung anfängt zu schreien und der Täter sie dann umbringt. Aber in diesem Fall haben sich Polizei und Staatsanwalt darauf konzentriert, dass der Mord geplant und vorbereitet war. Deswegen sind all diese Werkzeuge, die gefunden wurden, so wichtig. Genauso wie die Videos und extremen sexuellen Fantasien. Wenn man alles zusammenfügt, entsteht ein Bild, das zu dem passt, was offenbar mit Kim Wall geschehen ist. Allerdings scheint es noch ein weiteres Motiv für die Tat zu geben.

Welches ist das?
Macht und Nervenkitzel, und er wollte sie demütigen. Es ist ein ziemlich seltenes Motiv und es sind immer Psychopathen, die diese Art von Mord begehen. Dieser Fall ist ziemlich ungewöhnlich, sollte er ihn tatsächlich geplant und sich darauf vorbereitet haben, sie zu foltern und zu töten.


Das Rätsel um die tote Journalistin von der Nautilus
Die schwedische Journalistin Kim Wall starb im selbst gebauten U-Boot des dänischen Tüftlers Peter Madsen. Nun steht er vor Gericht – und bestreitet jede Schuld. (Abo+)


Der Angeklagte hat seine Aussage immer wieder geändert. Erst sagte er, dass sie noch lebte. Dann, dass sie von der Luken-Tür erschlagen wurde. Jetzt ist sie angeblich erstickt. Wie erklären Sie sich das?
Ein Anwalt würde seinem Mandanten eigentlich raten: Sag kein Wort, bis wir genau wissen, was die Ermittlungen ergeben haben. Ich weiss nicht, ob Peter Madsens Verteidigerin nicht professionell genug ist, oder ob er einfach wirklich gerne diese ersten beiden Erklärungen abgeben wollte. Ich denke, er ist der Typ, der gerne erklären möchte. Wenn er 14 Tage, vielleicht einen Monat, mit seiner Aussage gewartet hätte, wäre das viel besser für ihn gewesen. Ich beschäftige mich mit Psychopathen und es ist wirklich interessant: Sie wollen oft reden. Seltsamerweise wollen sie immer erklären, was passiert ist und gleichzeitig ihre Verantwortung ablegen. Ich glaube, der Staatsanwalt wusste das, als er Madsen befragt hat.

Wenn Madsen wirklich psychopathische Züge hat, wieso ist das vorher niemandem aufgefallen?
Studien zeigen, dass zwei bis vier Prozent der Bevölkerung Psychopathen sind. 99 Prozent von ihnen begehen keine gefährlichen Verbrechen. Aber dann hat man eben dieses eine Prozent, das sie auslebt, weil es für sie einen Trigger gab. Es ist auch nicht ungewöhnlich für diese Leute, dass sie ein Leben wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde führen. Deswegen ist es so schwierig, diese Fälle zu lösen. Man muss überlegen, was bei Peter Madsen der Auslöser gewesen sein könnte für diese schreckliche Tat. Möglicherweise, dass er offenbar diesen Wettbewerb zu verlieren drohte, wer die erste Rakete ins All schiesst. Es kann aber auch etwas anderes gewesen sein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.04.2018, 09:51 Uhr

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Der Prozess

Ein Gericht in Kopenhagen will am Mittwoch das Urteil im Prozess gegen den dänischen Erfinder Peter Madsen fällen. Der 47-Jährige soll nach dem Willen der Staatsanwaltschaft mit lebenslanger Haft für den Mord an der Journalistin Kim Wall bestraft werden. Der U-Boot-Bauer hat nach Auffassung der Anklage mit dem grausamen Mord «das perfekte Verbrechen» begehen wollen. Madsens Verteidigung bemängelte dagegen die schwache Beweislage und warf der Anklage vor, eine «Horror-Geschichte ohne Fakten» aufgetischt zu haben.

Der Angeklagte bestreitet den Vorwurf der Staatsanwaltschaft, Wall an Bord seines U-Boots ermordet zu haben, um seine sexuellen Fantasien auszuleben. Die Ankläger zeichneten von Madsen das Bild eines sexuell perversen Sadisten mit narzisstischen und psychopathischen Zügen. Neben Mord wirft sie ihm schweren sexuellen Missbrauch sowie Leichenschändung vor. Das geforderte Strafmass bedeutet in Dänemark durchschnittlich 16 Jahre hinter Gittern. (AFP)

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