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Putin sieht sich bestätigt

Moskau hatte schon vor zwei Jahren Informationen vom FBI über Tamerlan Tsarnaev angefordert. Ohne Erfolg.

Fühlt sich bestätigt: Präsident Putin bei einer Konferenz in Ägypten.
Fühlt sich bestätigt: Präsident Putin bei einer Konferenz in Ägypten.
Keystone

Der russische Präsident Wladimir Putin hatte klare Worte gefunden nach dem Attentat in Boston: Es sei ein «abscheuliches Verbrechen», sagte er bei einer Veranstaltung in Sotschi und gedachte der Opfer des Anschlages mit einer Schweigeminute. Damals ahnte noch niemand, dass die Bombenleger zwei ethnische Tschetschenen sind, die ihre frühe Jugend in der russischen Teil­republik Dagestan verbracht hatten. ­Putin bot den USA dennoch umgehend Hilfe an bei den Terrorermittlungen. Die internationale Gemeinschaft müsse zusammenstehen im Kampf gegen den Terrorismus, sagte der Kreml-Chef.

Niemand hat dieses Statement weiter zur Kenntnis genommen. Denn es war das, was Putin immer sagt, wenn es um einen Terroranschlag im Westen geht. Doch die angebotene Kooperation wollte bisher nie recht in Gang kommen, dies nicht zuletzt, weil Russland und die USA meist ganz andere Gruppierungen zu den Extremisten zählen.

Schon früh auf Tsarnaev gestossen

Die Russen meinen mit Terroristen in der Regel Tschetschenen oder andere Nordkaukasier, während die USA etwa von Afghanistan sprechen. Nachdem sich herausgestellt hatte, dass die Brüder Tsarnaev für die Boston-Attentate verantwortlich sind, fanden sich die USA und Russland für einmal überraschend auf der gleichen Seite wieder. US-Präsident Barack Obama bedankte sich denn auch sogleich per Telefon bei seinem russischen Amtskollegen für die «enge Kooperation im Bereiche der Terrorbekämpfung». Der russische Geheimdienst FSB hatte im Auftrag der Amerikaner den Vater der beiden Attentäter vernommen.

Doch die Russen waren schon früher bei eigenen Ermittlungen auf den Namen Tsarnaev gestossen. Vor zwei Jahren wurde Tamerlan im Auftrag eines ausländischen Geheimdienstes vom FBI vernommen. Weil für die Anschuldigungen keine Bestätigung gefunden worden sei, sei der Fall geschlossen worden, verlautete aus Polizeikreisen in den USA. Beobachter gehen davon aus, dass der russische Geheimdienst FSB Informationen über den jungen Mann angefordert hatte.

Harsche Kritik aus den USA

Tamerlan Tsarnaev besuchte dann Anfang 2012 Russland, wo seine Eltern leben. Dabei reiste er offenbar auch nach Tschetschenien und in seine alte Heimat Dagestan, wo islamistische Gruppierungen regelrecht Jagd auf junge Männer machen, um sie zu indoktrinieren und für ihren Kampf gegen die «Ungläubigen» zu gewinnen. Laut russischen Medien hat er danach «extremistisches Material» ins Internet gestellt. Darunter sollen auch Lieder eines tschetschenischen Volksmusikers gewesen sein, welche das russische Justizministerium wegen extremistischer Aussagen verboten hatte.

Zwar ist keineswegs klar, ob Tamerlan und sein Bruder wirklich Verbindungen zu den islamischen Extremisten im Kaukasus hatten, schliesslich lebten die Brüder schon über 10 Jahre in den USA. Dennoch sieht sich Präsident Putin, der den Krieg gegen die Aufständischen in Tschetschenien immer als Antiterrorkampf bezeichnet hatte, nach dem Attentat in Boston auf ganzer Linie bestätigt. Schon nach den Anschlägen vom 11. September 2001 hatte er sich als Mitglied der westlichen Front gegen den Terrorismus dargestellt.

Doch die USA kritisierten ihn harsch, in Tschetschenien die Menschenrechte zu verletzen und nicht den internationalen Terrorismus zu bekämpfen. Der Anschlag in Boston dürfte diese Argumentation künftig verunmöglichen. Und alle Kritik an repressiven Massnahmen rund um die Olympischen Spiele in Sotschi, die in den nahe gelegenen radikalisierten Kaukasusrepubliken nicht ausbleiben dürften, kann Russland mit dem Hinweis auf die Anschläge in Boston einfach vom Tisch wischen.

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