Putin verbannt Wechselkurs-Anzeigen

Weg mit der Wahrheit? Leuchtende Zahlen verraten Touristen, wie viele Rubel sie für ihre Währung bekommen. Damit soll nun Schluss sein.

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Für Touristen in Russland ist es bequem: Sie sehen am Strassenrand, wie viele Rubel sie für ihre Währung bekommen. Diese Tafeln mit den Kursen sollen nun verschwinden. Doch was steckt dahinter?

Die leuchtenden Zahlen an den Wechselstuben in Moskau sind eine Art Fieberthermometer der russischen Wirtschaft. Wie viel Rubel bekommen die Russen für einen US-Dollar oder Euro? Der russische Präsident Wladimir Putin will diese Tafeln von den Strassen verbannen.

Seit einigen Tagen gilt ein solches Verbot – und nun verschwinden diese mit Zahlen gespickten Schilder mehr und mehr aus dem Sichtfeld der Russen. Offiziell wollen die Behörden mit dieser Regelung illegale Wechselstuben bekämpfen. Kritiker glauben, dass damit der Zustand der schwachen Wirtschaft versteckt werden soll.

Wechselkurse nur noch in Banken

Noch blinken die Kurse von Dollar und Euro hin und wieder an den Strassen auf. Künftig sollen die Menschen aber nur noch in Banken erfahren, wie viel der Rubel wert ist. Die Kreditinstitute selbst dürfen die Wechselkurse auch nicht mehr aussen an ihren Fassaden anzeigen.

In Zeitungen, auf Online-Portalen oder in Apps können sie aber nach wie vor nachgelesen werden. Die russische Wirtschaftszeitung «Wedomosti» spottete deshalb: «Dieses Verbot ist nicht effektiv (...), es gibt ja noch das Internet.»

Für den Präsidenten des russischen Bankenverbands, Anatoli Aksakow, ist dieser Schritt jedoch längst überfällig gewesen. Russische Medien zitierten ihn mit den Worten, die Schilder an den Strassen hätten in der Bevölkerung «eine falsche Meinung über die Situation der Wechselkurse» abgebildet. Nun müssten sich die Menschen nicht mehr «zwanghaft auf Fremdwährungen konzentrieren».

Wladimir Putin will mehr ausländische Investoren ins Land locken. (8. Januar 2019) Bild: Alexei Druzhinin/Sputnik/Kremlin/AP/Keystone

Finanzexperte Alexej Mamontow sieht das differenzierter: «Moskau ist ein riesiges Touristenzentrum, und es ist für Touristen viel bequemer, die Kurse der Wechselstuben auf der Anzeigetafel zu sehen.»

Nach Ansicht der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK) richtet sich die Initiative der Regierung primär an Privatkunden und Kleinanleger. «Die deutschen Firmenchefs behalten den Währungskurs auch ohne die Schilder auf der Strasse sehr genau im Blick, weil der volatile Rubel ein Risikofaktor ist», sagt ein Sprecher der Kammer.

Rubel auf Talfahrt

Sanktionen der USA und EU – unter anderem wegen der Ukraine-Krise und des Giftanschlags auf den russischen Ex-Agenten Sergej Skripal – setzen die Wirtschaft seit längerer Zeit unter Druck. Mehrere russische Zeitungen rechneten aus, dass der Rubel im vergangenen Jahr zum US-Dollar um 20 Prozent an Wert verloren hat, zum Euro um 14 Prozent.

«Für die Bevölkerung bedeutet die Rubelschwäche nur eines: eine Erhöhung der Preise in den Geschäften», analysierte die Zeitung «Nowaja Gaseta». Erst mit Jahresbeginn ist die Mehrwertsteuer von 18 auf 20 Prozent angehoben worden. Auch Kraftstoffproduzenten müssen mehr Steuern zahlen. Es wird damit gerechnet, dass Autofahrer am Ende tiefer in die Tasche greifen müssen.

Putin will mehr ausländische Investitionen

Kremlchef Putin hatte bei einem Treffen mit deutschen Firmenbossen im Spätherbst angekündigt, mehr ausländische Investoren ins Land locken zu wollen und so die Wirtschaft anzukurbeln. Zu beobachten ist, dass Russland seit Längerem versucht, sich vom Dollar zu lösen und Geschäfte in Rubel oder anderen Währungen abzuwickeln.

«Wir haben unsere Investitionen in US-Staatsanleihen stark reduziert», erklärte Ministerpräsident Dmitri Medwedew jüngst. Dies sei eine Folge der «aggressiven und offen gesagt oft dummen US-Wirtschaftspolitik».

Bis Ende Oktober vergangenen Jahres war die Wirtschaft um 1,7 Prozent gewachsen. Zum Vergleich: In Deutschland legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 1,5 Prozent zu. Der Chef des russischen Rechnungshofs, Ex-Finanzminister Alexej Kudrin, meinte im November, die Wirtschaft seines Landes sei in den vergangenen Jahren in ein «Stagnationsloch» gefallen.

Wahrheit verschleiern

Mit dem Verbot der leuchtenden Wechselkurs-Zahlen an den Strassen soll den Russen diese Wahrheit über den Zustand der Konjunktur nicht mehr so leicht vor Augen geführt werden, wie mehrere Psychologen bei einer Umfrage der Zeitung «Otkrytaja Gaseta» sagten.

Die Menschen würden ohne diese Anzeigetafel ruhiger leben. «Natürlich werden in den Fernsehnachrichten Wechselkurse angekündigt, aber fast niemand beachtet sie. Die Anzeigetafeln sind kaum zu übersehen.»

In Kommentaren im Internet wird spöttisch bemerkt, das Verbot sei eine Art Psychotherapie, die die Russen mit dem neuen Jahr von ihrer Regierung verschrieben bekommen hätten. Der nächste Schritt könnte sein: «Sie verbietet Preisschilder in den Geschäften.»

(oli/sda)

Erstellt: 17.01.2019, 16:28 Uhr

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