«Putin wird nun den Kampf gegen den Terror verschärfen»

Korrespondent Julian Hans über die russischen Reaktionen auf das Attentat in Ankara und die Folgen für die Beziehungen zwischen Russland und der Türkei.

Opfer einer brutalen Tat: Blumen zum Andenken an Botschafter Andrei Karlow vor dem russischen Aussenministerium in Moskau.

Opfer einer brutalen Tat: Blumen zum Andenken an Botschafter Andrei Karlow vor dem russischen Aussenministerium in Moskau. Bild: AFP

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Wie hat die russische Regierung auf die Ermordung ihres Botschafters in der Türkei reagiert?
Anders als nach dem Abschuss des russischen Kampfjets vor einem Jahr hat Präsident Wladimir Putin nach den Schüssen auf den russischen Botschafter in Ankara versöhnliche Worte ausgesprochen. In einer dreiminütigen Ansprache, die gestern Abend im russischen Fernsehen ausgestrahlt wurde, verurteilte Putin zunächst den «gemeinen Mord» und drückte den Angehörigen von Botschafter Andrei Karlow seine Anteilnahme aus. Das Verbrechen sei ohne Zweifel eine «Provokation mit dem Ziel, eine Verbesserung der russisch-türkischen Beziehungen zu sabotieren». Der «Friedensprozess in Syrien» solle gestört werden, an dem Russland, die Türkei, Iran und andere Länder gemeinsam arbeiteten. Darauf könne es nur eine Antwort geben, sagte Putin: «die Verschärfung des Kampfes gegen den Terror». Das Attentat soll Russland und die Türkei also nicht auseinanderbringen.

Und wie gross ist der Schock in der russischen Öffentlichkeit?
Im Fernsehen werden die Videoaufnahmen von der Tat in Dauerschleife immer wieder abgespielt. Auch in den Zeitungen ist das Thema natürlich ganz gross. Einige Medien streichen heraus, wie kaltblütig und feige der Mörder gehandelt habe, der den 62-jährigen Botschafter bei einer Rede von hinten erschoss. Aber auch in den Medien überwiegen die Mahnungen zur Besonnenheit. Der «Kommersant» etwa analysiert, der Täter habe zwei Ziele gehabt: Rache für Russlands Einsatz in Syrien und die Beschädigung der russisch-türkischen Beziehungen. Deshalb, so schreibt das Blatt, müsse man auf diesem Weg weitergehen, damit der Terror nicht siegt.

Russland und die Türkei haben sich in letzter Zeit wieder angenähert. Gefährdet das Attentat in Ankara diese Entwicklung?
Vieles ist anders als nach dem Abschuss der russischen SU-24 vor einem Jahr. Damals hatte Putin von einem «Stoss in den Rücken» durch das türkische Militär gesprochen und immer wieder beklagt, dass Erdogan damals zuerst bei der Nato in Brüssel angerufen habe, bevor er sich bei ihm meldete. Jetzt gab es tatsächlich Schüsse in den Rücken eines russischen Diplomaten, aber Putin betonte, dass der Terror ein gemeinsamer Feind sei. Und Erdogan hat auch sofort mit Putin telefoniert. Putin und Erdogan sind offenbar entschlossen, die Beziehungen weiter zu verbessern.

Der Mord steht höchstwahrscheinlich im Zusammenhang mit dem militärischen Engagement Russlands in Syrien. Ist zu erwarten, dass Putin seine Syrienpolitik jetzt ändert?
Putin ändert seine Politik nicht wegen Drucks von aussen. Eher sieht er im Gegenteil eine Chance, dass mehr Regierungen auf die Linie einschwenken, für die er schon seit Beginn des russischen Einsatzes im September 2015 wirbt: Lasst uns gemeinsam gegen den islamistischen Terrorismus kämpfen und dabei allen Streit untereinander hintanstellen – so wie die Alliierten im Zweiten Weltkrieg.

Vor einiger Zeit haben Terroristen ein russisches Passagierflugzeug zum Absturz gebracht. Es sterben russische Soldaten in Syrien. Und jetzt ist der Botschafter in der Türkei ermordet worden. Welche Auswirkungen hat der immer gravierendere Blutzoll auf die öffentliche Wahrnehmung der russischen Militärintervention?
Die Militäroperation in Syrien wird von den staatlichen Medien als «chirurgisch präziser Eingriff» dargestellt, bei dem es nur Erfolge und weder zivile Opfer noch Opfer in den eigenen Reihen gibt. Offiziell sind es gerade mal etwa ein Dutzend Russen, die in Syrien im Einsatz sind. Schätzungen von Beobachtern gehen eher von einigen Hundert Russen aus, die aber als Söldner eingesetzt werden und nicht in den offiziellen Zahlen auftauchen, weil sie keine regulären Angehörigen der russischen Streitkräfte sind. Selbst die unabhängigen Zeitungen interessieren sich mehr für Korruptionsskandale im eigenen Land als für den Krieg in Syrien. In Umfragen sagen gerade einmal 18 Prozent, sie verfolgten das Geschehen dort aufmerksam.

Erstellt: 20.12.2016, 10:44 Uhr

Julian Hans ist Korrespondent von Tagesanzeiger.ch/Newsnet in Moskau.

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