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Putins Spiel mit Erdogan

Russland und die Türkei verbindet eine tiefe Abneigung gegenüber dem Westen. Das nützt der Kreml aus, um die Nato zu schwächen.

Russlands Präsident Wladimir Putin empfing seinen türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdogan in St. Petersburg. Foto: Alexander Zemlianichenko (AP)
Russlands Präsident Wladimir Putin empfing seinen türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdogan in St. Petersburg. Foto: Alexander Zemlianichenko (AP)

Putin und Erdogan, das sind Brüder im Geiste: Beide sind Supermachos und Alphatiere, beide sind nicht nur Patrioten, sondern Nationalisten, und beide regieren autokratisch, wenn nicht gar diktatorisch. Und trotzdem sind sie bei ihren Untertanen beliebt – Zar und Sultan eben. Vor allem aber verbindet den russischen und den türkischen Präsidenten eine tiefe Abneigung gegenüber westlichen Werten wie Freiheit und Demokratie.

Diese Abneigung, die Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdogan mit der autoritären Internationalen von Le Pen über Farrage und Orban bis zu Trump teilen, scheint gar stärker zu sein als Differenzen in strategischen Fragen: Im Syrienkrieg etwa beharrt Erdogan auf Assads Abgang, Putin auf dessen Verbleib; Erdogan bekämpft die Kurden, Putin hilft ihnen; und im Konflikt um Berg-Karabach unterstützt Erdogan Aserbeidschan, während Putin Armenien nähersteht. In St. Petersburg aber demonstrierten die Herren Harmonie, obwohl offensichtlich war, wer wen hofierte: Es war der Türke, der eine Reise antrat, um «seinen Freund Wladimir» zu besuchen. Zumal sich Erdogans Beziehungen zum Westen nach dem Putschversuch rapide verschlechtert hatten: In Washington, Brüssel und Berlin hatte man sich aus türkischer Sicht zu lange Zeit gelassen mit Solidaritätsbekundungen gegenüber Erdogan, und danach kritisierte man auch noch dessen Säuberungsaktionen bei Streitkräften, Medien und Gerichten.

Putin dagegen hatte sofort zum Telefonhörer gegriffen. Beim Anruf nach Ankara ging es ihm jedoch weniger um die Wahrung der politischen Ordnung als um einen Hieb gegen den Westen, insbesondere gegen die Nato: Der Kreml verpasst keine Gelegenheit, Spannungen innerhalb der Militärallianz auszunützen. Seit Russlands völkerrechtswidriger Annexion der Krim 2014 herrscht in Osteuropa ein kühler Friede, Moskau und die Nato halten sich in Schach. Da ist es Putin mehr als willkommen, wenn er den türkischen Bauer in Stellung bringen kann.

Erdogan braucht den Westen

Dazu kommt, dass aktuell kaum ein Land geostrategisch so bedeutsam ist wie die Türkei, die an Syrien und den Irak grenzt, wo sich der islamistische Terror eingenistet hat, der auch den Westen bedroht. Von der Luftwaffen-Basis Incirlik aus greifen US-Jets – unterstützt von anderen Nato-Ländern – IS-Stellungen an. Entsprechend besorgt ist man wegen des Flirts in St. Petersburg. Als die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen betonte, sie habe keinen Zweifel daran, «dass die Türkei genau weiss, auf welche Seite sie gehört», tönte das nicht beruhigend, sondern eher wie eine Beschwörung in Richtung Ankara, ja nicht abspenstig zu werden.

Allerdings braucht Erdogan Amerika und Europa. Die Hälfte ihres Handels treiben die Türken mit Europa, und von dort kommen drei Viertel der dringend benötigten ausländischen Investitionen – trotz der Schwarz-Meer-Pipeline, die Russland und die Türkei nun bauen wollen. Und selbst ein Machtmensch wie Erdogan weiss eigentlich, dass eine Allianz von Demokratien verlässlicher Sicherheit bietet als eine gelenkte Demokratie.

Fraglich ist nur, ob Erdogan entsprechend handelt. So schreckte er nicht davor zurück, den Konflikt mit den Kurden anzufachen, als er seine Macht bedroht sah. Wenn er dafür auch in Kauf nimmt, dass sich sein Verhältnis zum Westen verschlechtert, geht Putins Strategie einmal mehr auf. Seit dem Brexit-Entscheid und dem Putsch in der Türkei bis zur gestrigen Audienz in St. Petersburg läuft derzeit viel für ihn. Der Westen ist also gewarnt.

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