Putins Sprecher hat keine Ahnung von Armut

Jede dritte russische Familie kann sich keine zwei Paar Schuhe pro Person leisten. Dmitri Peskow kann das nicht verstehen.

Trug an seiner Hochzeit eine Uhr im Wert von 700'000 Franken: Kreml-Sprecher Dmitri Peskow.

Trug an seiner Hochzeit eine Uhr im Wert von 700'000 Franken: Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. Bild: Sergej Karpukhin/AFP

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«Warum denn ausgerechnet Schuhe?», fragte der sonst so redegewandte Dmitri Peskow ganz offensichtlich ratlos. «Warum gerade ein Drittel? Und woher kommen diese Zahlen überhaupt?» Die Antwort ist einfach: Die Zahlen kommen vom staatlichen russischen Statistikamt Rosstat, das in einer umfassenden Umfrage 60'000 Familien im ganzen Land zu ihren Lebensumständen befragt hat. Und eine der Fragen lautete eben: Können sie jedem Familienmitglied zwei Paar bequeme und der Jahreszeit angepasste Schuhe kaufen? 35 Prozent der Befragten beantworteten die Frage mit Nein.

Und das ist sogar noch eine Verbesserung verglichen mit den Daten von 2016: Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise konnten sich fast 50 Prozent der russischen Familien keine zwei Paar Schuhe pro Person leisten. Doch die einfache Rechnung überschreitet ganz offensichtlich die Vorstellungskraft Peskows und bestätigt vielen Russen, was sie schon lange befürchten: Ihre Führung hat jedes Gefühl dafür verloren, wie das Volk lebt – nämlich schlecht. Gemäss der Umfrage klagen 80 Prozent der Russen, sie hätten Probleme, sich mit dem Lebensnotwendigen zu versorgen. 20 Prozent können sich etwa keine Früchte leisten, auch im Sommer nicht.

700'000 Franken am Handgelenk

Peskow hat nun entweder der eigenen Propaganda geglaubt, in der laufend vom entschiedenen Kampf gegen die Armut die Rede ist. Oder es liegt daran, dass er selber nicht nur in einer anderen Welt, sondern auf einem anderen Planeten lebt. Als er vor drei Jahren die Eisprinzessin Tatjana Nawka heiratete, trug er eine seltene Luxusuhr mit Totenkopf im Wert von rund 700'000 Franken am Handgelenk. Seine Flitterwochen verbrachte er laut dem Antikorruptionskämpfer Alexei Nawalny auf einer der grössten Segeljachten der Welt, dem Maltese Falcon, vor der Küste Sardiniens. Mietkosten laut Nawalny um die 400'000 Franken pro Woche.

Laut der von Peskow geschmähten Umfrage kann sich übrigens nur jede zweite russische Familie eine Woche Ferien pro Jahr leisten. Und Luxus gibt es im Alltag der Menschen praktisch gar keinen: Zwei Drittel der Landbevölkerung haben keine Toilette im Haus und müssen irgendwo im Hof aufs Klo.

Seine Tochter lebt im Westen

Auch politisch laviert Peskow oft zwischen Dichtung und Wahrheit. Vor der Annexion der Krim hat er das Image Russlands von einer amerikanischen PR-Firma pflegen lassen, der Kreml hat dafür Dutzende Millionen Franken bezahlt. Seit er 2008 Putins Pressesprecher wurde, kritisiert er den Westen bei jeder Gelegenheit für seine angeblich antirussische Haltung und weist jede Kritik an der Okkupation der Krim entschieden zurück: Russland okkupiere kein ukrainisches Territorium, und man sei bereit, das jedem ukrainischen Bürger zu erklären, sagte er unlängst an die Adresse des in Kiew führenden ukrainischen Präsidentschaftskandidaten Wolodimir Selenski. Das hindert Peskow aber nicht daran, seinen persönlichen Stolz darüber zu verkünden, dass seine Tochter im bösen Westen lebt und sogar ein Praktikum beim Europaparlament macht. Sein Sohn führt derweil laut russischen Medien ein teures Luxusleben, ohne feste Arbeitsstelle.

Privatsache, antwortet Peskow. Doch nicht ganz: Der Pressesprecher steht dem russischen Präsidenten sehr nahe, und wenn er spricht, mit seiner leisen, etwas zu hohen und immer heiseren Stimme, ist es, als spreche sein Meister persönlich, den er offenbar verehrt. «Putin ist der absolute Führer in der öffentlichen Meinung, mit ihm kann niemand mithalten», erklärt er. Doch die Sache mit den Schuhen für das einfache Volk, die Peskow so arrogant als «akademische Frage» beiseite gewischt hat, schadet seinem Präsidenten sehr. Schliesslich hat Wladimir Putin dem Volk versprochen, die Armut in Russland bis 2024 zu halbieren.

Erstellt: 08.04.2019, 19:39 Uhr

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