Quartett der Ahnungslosen

Ängstlich, machthungrig und arbeitsscheu: Die Briten sind um ihre Politiker nicht zu beneiden.

Setzen die Briten den Brexit in den Sand? Foto: Bloomberg, Getty Images

Setzen die Briten den Brexit in den Sand? Foto: Bloomberg, Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Man kann sich bestens vorstellen, wie beim Londoner «Evening Standard» gute Laune ausbrach, als Premierministerin Theresa May verkündete, sie werde die Konservativen auch in die nächste Parlamentswahl im Jahr 2022 führen. Beim «Evening Standard» herrscht immer gute Laune, wenn es Gelegenheit gibt, May zu attackieren. Das liegt daran, dass das Blatt von George Osborne geleitet wird, der unter Mays Vorgänger David Cameron Finanzminister war und von ihr geschasst wurde. Osborne ist nachtragend.

Mays Aussage ist deshalb eine so gute Spottvorlage, weil es nahezu ausgeschlossen ist, dass sie die Tories in die nächste Wahl führt. Möglich, dass sich das noch nicht bis zu ihr herumgesprochen hat, aber dass die Konservativen noch einmal mit May an der Spitze in eine Wahl gehen, ist so realistisch wie die Annahme, die englische Fussball-Nationalelf könnte die nächste WM gewinnen. May hat sich bei den von ihr selbst ausgerufenen Neuwahlen in diesem Jahr als wohl schlechteste Wahlkämpferin erwiesen, die die Insel je erlebt hat. Die Partei nimmt es ihr sehr übel, dass sie ohne Not die absolute Mehrheit verlor. Beim «Evening Standard» verfassten sie ein Editorial, in dem sie May als Politikerin beschrieben, die vorwärtstaumele wie «eine lebende Tote in einem zweitklassigen Horrorfilm».

May hat sich als wohl schlechteste Wahlkämpferin erwiesen, die die Insel je erlebt hat.

Ganz gleich, was man vom Brexit hält: Um das Personal, das diesen zu bewerkstelligen hat, sind die Briten nicht zu beneiden. An der Spitze steht May, die sich an die Macht klammert. Eine «starke und stabile Führung» hatte sie versprochen, was bizarr wirkt, wenn man sieht, wie sie nun laviert und so wirkt, als warte sie flackernden Blicks auf den Moment, in dem die Verschwörer aus der Kulisse treten, die ihre Amtszeit beenden. Diesen Sommer hatte sie Abgeordnete auf ihren Landsitz Chequers zu Prosecco und Canapés eingeladen. Wohlmeinende sagten, das sei ein kluges Manöver gewesen, um ein Netzwerk in der Partei aufzubauen. Die meisten Beobachter benannten jedoch, was passierte: May bettelte darum, noch ein wenig im Amt bleiben zu dürfen.

Als sie nun sagte, sie plane, auf lange Sicht Premierministerin zu bleiben, meldete sich Aussenminister Boris Johnson zu Wort. Das sei eine gute Idee. Seine Unterstützung habe sie. Nun muss man wissen, dass Johnson der grösste Opportunist in ganz Westminster ist, stets getrieben vom Wunsch, Premier anstelle des Premiers zu werden. Wenn jemand in Mays Nähe den Dolch im Gewande führt, dann ist er es.

Ganz andere Krisen

Johnsons Chancen, das höchste Amt zu übernehmen, haben sich durch sein Wirken als Minister allerdings nicht verbessert, weil er sich für den Posten des obersten Diplomaten als ungeeignet erwies. Die internationalen Kollegen nehmen ihn nicht ernst. Seine Beamten nehmen ihn nicht ernst. Selbst im Weissen Haus hält man ihn «für einen Witz». Das ist für ein Land, das im Angesicht des Brexit neue und alte Allianzen pflegen will, eher ungünstig.

Über den Brexit-Minister David Davis erzählte einer seiner früheren Berater kürzlich, dass er auffallend faul sei. Dagegen ist im Grundsatz nichts zu sagen, wenn man es im Sinne des römischen Philosophen Cicero versteht, der otium cum dignitate zu schätzen wusste, würdevolle Musse. Aber dass der Minister, der im Vereinigten Königreich für das grösste politische Unterfangen seit dem Zweiten Weltkrieg verantwortlich ist, nur an drei bis vier Tagen die Woche arbeitet und an Wochenenden mit dem Hinweis auf das fehlende Handynetz nicht zu erreichen ist, erscheint nicht optimal.

Dann wäre noch Liam Fox, der die neuen Handelsabkommen anbahnen soll. Kürzlich verkündete er, man werde «die Panzer auf dem Rasen der EU» parkieren. Er meinte, dass es bald einen Infostand am Eurostar-Bahnhof in Brüssel geben soll, der für britische Exporte wirbt. Fox ist in diesem erstaunlichen Aufgebot die am wenigsten ernst zu nehmende Figur.

All das mag mit Blick auf den Brexit beunruhigend wirken, aber die Briten haben schon ganz andere Krisen überstanden. Sie werden auch diese meistern. Von Herzen zu wünschen ist ihnen, dass das aus May, Johnson, Davis und Fox bestehende Quartett der Ahnungslosen einst nur eine insgesamt heitere Fussnote ihrer ereignisreichen Geschichte sein wird. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.08.2017, 19:49 Uhr

Artikel zum Thema

Theresa Mays gefährliche Wanderferien

Die britische Regierungspartei zerfleischt sich in Kämpfen um Macht und den rechten Brexit. Mehr...

Der Sommer der Intriganten

Der Tonfall bei den Tories wird rauer. Wie lange bleibt Theresa May noch im Amt? Mögliche Nachfolger bringen sich bereits in Stellung. Mehr...

Boris Johnson ist zurück

Die neue britische Premierministerin Theresa May macht Boris Johnson zu ihrem Aussenminister. Zudem besetzt sie den neu geschaffenen Posten des Brexit-Ministers. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Für Selbstständige und KMU

Tragen Sie Ihre Firma im neuen Marktplatz des Tages-Anzeigers ein.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Nichts für Gfrörlis: Ausserhalb der sibirischen Stadt Krasnoyarsk wurden Minus 17 Grad gemessen. (10. Dezember 2017)
(Bild: Ilya Naymushin) Mehr...