Quereinsteiger als Lautsprecher

Italiens neuer EU-Botschafter Carlo Calenda war mal Manager bei Ferrari.

Es ist das erste Mal seit Jahrzehnten, dass Italien einen Nichtdiplomaten zum Botschafter macht: Carlo Calenda erbt einen Job im Schaufenster. Foto: PD

Es ist das erste Mal seit Jahrzehnten, dass Italien einen Nichtdiplomaten zum Botschafter macht: Carlo Calenda erbt einen Job im Schaufenster. Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Karrierediplomaten mögen die Gesellschaft anderer Karrierediplomaten. Was sie eher nicht so mögen, sind Quereinsteiger. Leute wie den Römer Carlo Calenda, 42 Jahre alt, früher Manager bei Ferrari. Italiens Regierung entsendet Calenda nun ausgerechnet nach Brüssel, wo er die ständige Mission bei der Europäischen Union leiten soll.

Von allen Posten, die das italienische Aussenministerium zu vergeben hat, ist das einer der relevantesten, wenn nicht der zentralste überhaupt – politisch wie wirtschaftlich. Und er wird gerade von Wellen heftiger Polemiken umspült, seit Premier Matteo Renzi beschlossen hat, ständig über die Europäische Kommission zu wettern, über deren bürokratische Reflexe und kleinmütigen Rigorismus. Calenda erbt also einen Job im Schaufenster, maximal exponiert.

Kein Erfolg in der Politik

Fremd ist ihm das Scheinwerferlicht nicht: Er stammt aus einer Familie von Filmemachern. Seine Mutter, Cristina Comencini, ist erfolgreiche Regisseurin, Produzentin und Schriftstellerin. Als Carlo zehn war, spielte er schon in einem Film. Später studierte er Jus, spezialisierte sich in internationalem Recht. Und begegnete Luca Cordero di Montezemolo, dem damaligen Konzernchef von Ferrari, Ikone italienischer Eleganz und Ingenieurskunst. Calenda kümmerte sich um Marketing und Finanzen. Als sein Mentor den Vorsitz des Arbeitgeberverbandes Confindustria übernahm, wurde Calenda dort Assistent des Präsidenten. Und als Montezemolo der Sinn nach Politik stand, wechselte auch Calenda in die Politik.

Erfolgreich war da keiner der beiden. Montezemolo zog sich schnell wieder in die Wirtschaft zurück. Calenda verpasste die Wahl ins Parlament, hatte sich jedoch mittlerweile ein Netz mit Kontakten in der politischen Elite aufgebaut und wurde schon vor Renzis Zeit Vizeminister im Ministerium für Wirtschaftsentwicklung, zuständig für den Aussenhandel. Indien, China, Brasilien, Russland, Amerika, Ägypten, Südafrika – er reiste unentwegt, dynamisch und frisch. So spielte er sich in Renzis Gunst.

Ohne diplomatischen Filter, ohne Dämpfer

Er gilt nun als «Renzianer», die beiden treibt eine ähnliche Geschäftigkeit. Deutet man die Promotion richtig, dann soll Calenda dafür sorgen, dass Italien in Brüssel künftig im energischen Tonfall des Chefs in Rom wahrgenommen wird. Ohne diplomatischen Filter, ohne Dämpfer. Es ist das erste Mal seit Jahrzehnten, dass Italien einen Nichtdiplomaten zum Botschafter macht.

Calendas Vorgänger Stefano Sannino, der nun frühzeitig nach Madrid versetzt wird, war nicht nur ein klassischer Vertreter seiner Zunft: Er hatte auch zehn Jahre für die Europäische Kommission gearbeitet, Renzis liebsten Schlagsack. Die Zeit prägte Sannino. Der Premier glaubt gar, sie habe den Botschafter so sehr geprägt, dass er am Ende den Argumenten der Kommission näherstand als den Interessen seiner Heimat.

Der Quereinsteiger ist unbelastet. Und er ist besser steuerbar – auf einem Posten im Sturm. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.01.2016, 18:35 Uhr

Artikel zum Thema

Renzis laute Wette

Analyse Italiens Premier Matteo Renzi legt sich mit Brüssel und Berlin an, erhebt die Stimme gegen die angebliche Fernsteuerung seines Landes. Dahinter steckt viel Taktik. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Sweet Home 15 Inspirationen für Kinder(t)räume

Michèle & Friends Dating: Analog funkts auch

Die Welt in Bildern

Das erste Weisshandgibbon Baby des Skopje Zoos steht in seinem Gehäge neben seiner Mutter. (20. Mai 2019)
(Bild: Robert Atanasovski) Mehr...