«Rambo» in Handschellen

Kosovos Oppositionsführer und Ex-Premier Ramush Haradinaj wird in Colmar aufgrund eines serbischen Haftbefehls festgehalten. Ihm werden Kriegsverbrechen vorgeworfen.

Vorläufiges Ende einer schillernden Karriere: Ramush Haradinaj wird von der französischen Polizei abgeführt. Foto: Keystone

Vorläufiges Ende einer schillernden Karriere: Ramush Haradinaj wird von der französischen Polizei abgeführt. Foto: Keystone

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Dieser Mann polarisiert. Für die Serben ist er das personifizierte Böse, die meisten Kosovo-Albaner sehen in ihm dagegen den Kriegshelden und Vaterlandsverteidiger. Die urbane Jugend in Kosovos Hauptstadt Pristina nennt ihn wegen seiner kräftigen Statur spöttisch-respektvoll «Rambo». Seit einer Woche sitzt Ramush Haradinaj, ehemaliger Regionalkommandant der kosovarischen Befreiungsarmee (UÇK), im Gefängnis im französischen Colmar. Festgenommen wurde er von der französischen Polizei am Flughafen Basel-Mülhausen aufgrund eines serbischen Haftbefehls. Die Belgrader Justiz hat nun ein Auslieferungsgesuch an Frankreich gestellt, heute Donnerstag ist eine Anhörung vor einem Gericht in Colmar angesetzt.

Die Festnahme Haradinajs, der 2004 kurzzeitig Regierungschef war, hat die Kosovo-Albaner in helle Aufregung versetzt. In den vergangenen Tagen wurde in mehreren kosovarischen und westeuropäischen Städten protestiert, hochrangige Politiker sprechen von einer «serbischen Provokation», Hitzköpfe drohen sogar mit einer Eskalation der Lage, sollte Haradinaj an Serbien aus­geliefert werden.

Die serbische Staatsanwaltschaft für Kriegsverbrechen wirft dem ehemaligen Rebellenführer vor, während des Kosovokriegs (1998/99) mit seinen Einheiten mindestens 60 Menschen, die meisten serbische Zivilisten, ermordet zu haben. In einem Stausee unweit von Haradinajs Heimatgemeinde wurden die sterblichen Überreste von 32 Opfern gefunden. Doch dem Haager UNO-Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien gelang es nicht, eindeutige Beweise für seine Schuld zu finden. Haradinaj ist der einzige Angeklagte der Balkankriege, der zweimal vor dem UNO-Gericht in Den Haag erscheinen musste – und beide Male, 2008 und 2012, freigesprochen wurde.

Schlampig ermittelt

Die damalige Chefanklägerin Carla Del Ponte beklagte sich in mehreren Interviews, viele Zeugen seien bedroht worden, andere hätten ihre Aussagen geändert oder ganz zurückgezogen. Die Einschüchterung von Zeugen ist dem Freischärler Haradinaj durchaus zuzutrauen. Von seinen Anhängern wurde er schon zu Kriegszeiten die «Faust Gottes» genannt. Vorwürfe sind aber auch gegen Del Ponte laut geworden: Sie habe schlampig ermittelt, sagen ehemalige UNO-Ermittler, im Fall Haradinaj habe die Schweizer Juristin sogar gewusst, dass die Beweislage für eine Verurteilung nicht ausreiche.

In der Urteilsbegründung des Haager Tribunals wurden die Kriegsverbrechen der UÇK nicht infrage gestellt, für Haradinaj aber fand der Vorsitzende Richter auch lobende Worte: In Einzelfällen habe der UÇK-Befehlshaber seinen Untergebenen ausdrücklich befohlen, Gefangene anständig zu behandeln. Haradinajs Anwalt Ben Emmerson erklärte damals triumphierend: «Dieser Mann hat einen ehrenwerten Krieg geführt.» Spätestens seit dem Freispruch Haradinajs besteht für viele Serben kein Zweifel, dass das Haager Gericht eine «antiserbische Institution» sei. Sollten die Belgrader Richter keine neuen Beweise gegen ihn gesammelt haben, ist eine Auslieferung an Serbien laut Völkerrechtsexperten kaum vorstellbar. Der kosovarische Politiker wurde auch 2015 in Slowenien festgenommen, kam aber nach wenigen Tagen wieder frei. Die Vorwürfe gegen den ehemaligen UÇK-Mann seien vom UNO-Tribunal in Den Haag behandelt worden, hiess es.

Haradinaj hatte seit Kriegsende fast immer einen guten Draht zu Diplomaten und westlichen Politikern. Sie konnten eine gewisse Faszination für den polyglotten Haudegen nicht verbergen, bezeichneten ihn als «Freund», «Befürworter der Toleranz» und «vertrauenswürdigen Verhandlungspartner». Ob das Lob immer ehrlich gemeint war, darf bezweifelt werden. Es war Haradinajs Einfluss als Kriegsheld, der ihm Respekt bei den Vertretern der internationalen Gemeinschaft sicherte. Nato-Generäle und UNO-Gesandte schlossen oft Kompromisse mit den ehemaligen Rebellen, um wenigstens eine oberflächliche Stabilität in Kosovo zu garantieren. Die Lage eskalierte immer wieder, bis das seit Kriegsende bestehende UNO-Protektorat Kosovo 2008 mit dem Segen der westlichen Mächte die Unabhängigkeit von Serbien erklären durfte.

Haradinaj blickt auf eine schillernde Karriere zurück. Er wurde 1968 in Gllogjan, einem Dorf im Westen Kosovos, geboren. Nach der Mittelschule leistete er Ende der 80er-Jahre seinen Militärdienst in der jugoslawischen Armee, die damals zunehmend unter serbische Kontrolle gebracht wurde. 1989 emigrierte Haradinaj in die Schweiz. In Leysin im Kanton Waadt fiel er als umtriebiger Allrounder auf: Er arbeitete als Schreiner, Dachdecker, Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes, als «professeur de body-building», Rausschmeisser in einer Disco – und trainierte unentgeltlich die Senioren der lokalen Eishockeymannschaft. Anfang 1997 kehrte er über die nordalbanischen Berge nach Kosovo zurück, um gegen das Regime des serbischen Gewaltherrschers Slobodan Milosevic zu kämpfen. Zwei seiner Brüder sind im Krieg gegen die serbischen Streitkräfte gefallen.

«Live aus Colmar»

Haradinaj, der 2000 die Allianz für die Zukunft Kosovos (AAK) gründete und in die Politik ging, ist es bisher trotz Designerkrawatten und teuren Anzügen nicht gelungen, sein Image als Guerillakämpfer abzustreifen. Sein Verhältnis zu den westlichen Botschaften in Pristina ist mittlerweile angespannt, seit er als einer der Oppositionsführer ein Grenzabkommen mit Montenegro und die immer grösser werdende Rolle Serbiens in Kosovo ablehnt. Belgrad weigert sich, die Unabhängigkeit der ehemaligen Provinz anzuerkennen, und fordert ziemlich offen eine territoriale Teilung.

Nach seiner Festnahme gab sich Haradinaj unerschrocken. Ihn hätten weder die Panzer Milosevics noch die serbischen Haftbefehle beeindruckt, schrieb er. In den sozialen Medien tauchte schnell ein Selfie auf, das ein albanischer Gefangener mit ihm gemacht hatte. Darunter war Folgendes zu lesen: «Live aus Colmar, Frankreich. Wir grüssen euch.»

Erstellt: 11.01.2017, 23:32 Uhr

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